Triage – «Es wäre nicht nötig gewesen, so viele Krebsoperationen zu verschieben»

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Triage«Es wäre nicht nötig gewesen, so viele Krebsoperationen zu verschieben»

4000 Krebsoperationen wurden im Frühling 2020 verschoben, obwohl die Überlebenschancen sinken, je später operiert wird. Die Krebsliga Schweiz bedauert, dass jetzt erneut über eine harte Triage diskutiert werden muss.

von
Daniel Graf
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Um Kapazitäten für Covid-Patientinnen und -Patienten zu schaffen, mussten im Frühling 2020 fast 4000 Krebsoperationen verschoben werden. 

Um Kapazitäten für Covid-Patientinnen und -Patienten zu schaffen, mussten im Frühling 2020 fast 4000 Krebsoperationen verschoben werden.

20min/Marvin Ancian
Eine verschobene Operation geht für Krebspatientinnen und -patienten laut Manuela Eicher, Präsidentin der Onkologiepflege Schweiz, oft mit längeren Schmerzen einher. 

Eine verschobene Operation geht für Krebspatientinnen und -patienten laut Manuela Eicher, Präsidentin der Onkologiepflege Schweiz, oft mit längeren Schmerzen einher.

Onkologiepflege Schweiz
«Dass wir uns nun trotz der Impfung in einer Situation befinden, in der eine harte Triage zur Diskussion steht, ist daher gerade aus Sicht der Krebsbetroffenen umso bedauerlicher», sagt Stefanie de Borba von der Krebsliga Schweiz. 

«Dass wir uns nun trotz der Impfung in einer Situation befinden, in der eine harte Triage zur Diskussion steht, ist daher gerade aus Sicht der Krebsbetroffenen umso bedauerlicher», sagt Stefanie de Borba von der Krebsliga Schweiz.

Krebsliga Schweiz 

Darum gehts

  • 4000 Krebsoperationen wurden im Frühling 2020 verschoben, um Kapazitäten für Corona-Patientinnen und -Patienten zu schaffen. Das zeigt der neueste Bericht des Bundesamts für Statistik.

  • Gemäss Expertinnen und Experten sinken die Überlebenschancen von Krebspatientinnen und -patienten, wenn Operationen verschoben werden müssen. Das sei ausserdem mit Schmerzen, Stress und Angst für die Betroffenen verbunden.

  • Dass jetzt trotz vorhandenem Impfstoff wieder über eine harte Triage diskutiert werden müsse, ist für die Krebsliga Schweiz bedauerlich.

Im Frühling 2020 war die Angst vor Corona gross. Der Bundesrat handelte und wies die Spitäler an, nicht dringende Operationen zu verschieben. Die Schweizer Spitäler verlegten daraufhin auch fast 4000 Krebsoperationen, wie das Bundesamt für Statistik in einem am Montag veröffentlichten Bericht über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Gesundheitswesen schreibt.

«Rückblickend wäre es wohl nicht nötig gewesen, so viele tumorbedingte Hospitalisierungen zurückzustellen», sagt Stefanie de Borba von der Krebsliga Schweiz. Das habe der Bundesrat damals aber noch nicht gewusst, weshalb der Entscheid aus damaliger Sicht nachvollziehbar sei.

Sterberisiko steigt wegen verschobener Operationen

Klar ist aber auch: Die verschobenen Krebsoperationen haben viel Schaden angerichtet. «Todesfälle von Krebspatientinnen und -patienten, die direkt auf die Triage zurückzuführen sind, sind uns aktuell zum Glück keine bekannt», sagt de Borba. Allerdings handle es sich häufig um schwerkranke Patientinnen und Patienten mit einem hohen Sterberisiko. «Ob die Verschiebung der Therapie zum Versterben geführt hat, ist im Einzelfall schwierig festzustellen.»

Eine Analyse aus dem Herbst 2020 kommt zum Schluss, dass das Sterberisiko um sechs bis acht Prozent steigt, wenn eine Krebsoperation um vier Wochen verschoben wird. Möglich ist laut de Borba auch, dass sich gesundheitliche Folgen von verschobenen Operationen erst zu einem späteren Zeitpunkt zeigen.

«Patienten mussten länger mit Schmerzen leben»

Auch wird erwartet, dass Krebserkrankungen teilweise noch gar nicht diagnostiziert seien: «In einzelnen Fällen wollten Patientinnen und Patienten aus Angst vor einer Corona-Infektion nicht mehr in die Sprechstunde kommen oder einen Eingriff im Spital umgehen», sagt die Krebsliga-Sprecherin. Auch die kantonalen Brustkrebs- und Darmkrebs-Screening-Programme mussten im Frühling 2020 während mindestens sechs Wochen eingestellt werden.

Neben den geringeren Überlebenschancen verringert sich auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten, deren Operation verschoben werden muss. Manuela Eicher, Präsidentin der Onkologiepflege Schweiz, sagt: «Die Erfahrungen zeigen, dass eine Verschiebung von Operationen häufig mit einer Verlängerung von Symptomen wie Schmerzen einhergeht. Gleichzeitig bedeuten aufgeschobene Operationen eine grosse psychologische Belastung für die Patienten und ihre Angehörigen, da sie zusätzlich Angst und Stress auslösen.»

Es droht erneut eine harte Triage

Eine Schweizer Forschungsgruppe hat seit März dieses Jahres Interviews mit Patienten und Patientinnen in der ganzen Schweiz durchgeführt. «Die Patientinnen und Patienten haben sich sehr genau an die Schutzmassnahmen gehalten und seit März ihre Behandlung und Pflege als grösstenteils sicher erlebt.» Die Impfung sei eine grosse Hoffnung und Erleichterung gewesen. «Dass sie nun wieder in eine Situation geraten, in der sie und ihre Familien zusätzlichen Stress haben und die Angst, aufgrund von überlasteten Spitälern nicht adäquat behandelt werden zu können, wieder zunimmt, ist äusserst besorgniserregend», sagt Eicher.

Auch de Borba von der Krebsliga sagt: «Die Situation ist mit jener im Frühling 2020 sicher nicht vergleichbar. Damals wurden in den Spitälern alle nicht dringlichen Operationen auf Vorschrift des Bundes hin zurückgestellt.» Heute gebe es mit der Impfung ein wirkungsvolles Mittel gegen die Überlastung der Spitäler. «Dass wir uns nun trotzdem in einer Situation befinden, in der eine harte Triage zur Diskussion steht, ist daher gerade aus Sicht der Krebsbetroffenen umso bedauerlicher.»

Sind Sie selber von einer Krebserkrankung betroffen und mussten Ihre Operation verschieben? Oder haben Sie Angehörige oder Bekannte, die aufgrund von Corona länger auf eine Behandlung warten mussten? Erzählen Sie uns davon.

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