EU-Richtlinien für Exportzigaretten: «Es wäre nicht positiv für die Schweizer Fabrik»
Aktualisiert

EU-Richtlinien für Exportzigaretten«Es wäre nicht positiv für die Schweizer Fabrik»

Der Zigarettenhersteller BAT gibt die Filterproduktion in Boncourt (JU) auf und verlagert sie nach Deutschland. 19 Stellen gehen verloren. Möglicherweise ist das erst der Anfang: Übernimmt die Schweiz die EU-Richtlinie für Tabak, falle ein wichtiger Wettbewerbsvorteil weg, sagt Ralf Wittenberg, Geschäftsführer von BAT, im Interview mit 20 Minuten Online.

von
Lukas Mäder

British American Tobacco (BAT) verlagert die Filterproduktion von Boncourt im Kanton Jura nach Deutschland. Am Schweizer Produktionsstandort mit 520 Mitarbeitern gehen 19 Stellen verloren. Eigentlich nicht viel, aber dennoch lässt die Nachricht aufhorchen. Denn die Schweiz verhandelt derzeit mit der EU über ein ein Freihandelsabkommen im Agrarbereich, welches die Zigarettenhersteller einschränken könnte.

Grund sind die strengeren Gesundheitsbestimmungen in der EU für Exportzigaretten. Während in der Schweiz nur Zigaretten mit maximal 10 Milligramm Teer, 1 Milligramm Nikotin und 10 Milligram Kohlenmonoxid verkauft werden dürfen (sogenannte 10/1/10-Regelung), ist der Export von stärkeren und damit gesundheitsschädigerenden Zigaretten erlaubt. Nicht so in der EU: Dort gelten die EU-Maximalwerte auch für den Export. Deshalb ist die Schweiz ein attraktiver Produktionsstandort für Tabakkonzerne, welche hierzulande Exportzigaretten für den Mittleren Osten, Asien oder Afrika herstellen. Das könnte sich ändern, wenn sich die EU in den Verhandlungen durchsetzt, und die Schweiz im Rahmen des Agrarabkommens die strengeren Richtlinien übernehmen muss.

Wegen des Agrarabkommens mit der EU könnte die Schweiz schon bald verbieten, dass Sie Zigaretten produzieren, die stärker sind, als im Inland erlaubt. Sie exportieren solche Zigaretten. Wie wichtig ist der Export für BAT?

Ralf Wittenberg: Für uns in der Schweiz spielt der Export eine wichtige Rolle. Die Mehrheit der hiesigen Produktion geht in den Export, und ungefähr die Hälfte des Exportvolumens wäre von der neuen Regelung betroffen. Weltweit gesehen aber gehört unsere Schweizer Fabrik im jurassischen Boncourt sicherlich zu den kleineren. Wir haben weltweit 49 Fabriken, davon 14 in Europa.

Für BAT wäre es also kein Problem, die Produktion ins Ausland zu verlagern?

Nein. Bereits heute bewegt BAT Produktionsvolumen nach Gesichtspunkten wie Kosten, Effizienz und Qualität hin und her.

Betroffen wäre vor allem die Schweiz, wo Arbeitsplätze und Steuereinnahmen verloren gingen?

Für die Schweiz als Produktionsstandort ist die Exportmöglichkeit sicher ein Wettbewerbsvorteil, der wegfallen würde. Positiv für die Produktionsvolumen der Schweizer Fabrik wäre es sicherlich nicht. Aber beziffern können wir das noch nicht. Wir müssen zuerst schauen, wann die Änderung allenfalls kommt, welche Volumen betroffen sind und wie man Produktionskapazitäten möglicherweise verschieben könnte. Wir versuchen natürlich immer, negative Folgen abzufedern. Aber als Unternehmen müssen wir auf die Zahlen schauen.

Den Schweizer Standort aufzugeben, stünde nicht im Vordergrund?

Es ist im Moment noch zu früh, das zu beurteilen. Der Schweizer Standort ist sicherlich auch dazu da, die Zigaretten für den hiesigen Markt zu produzieren.

Warum produzieren Sie überhaupt im Hochpreisland Schweiz für den ausländischen Markt?

Die Exportzigaretten gehen hauptsächlich in den Mittleren Osten, nach Afrika und Asien. Dort zählt bei Premium-Marken, die wir hauptsächlich exportieren, das Qualitätssiegel «Made in Switzerland». Die Konsumenten in diesen Ländern achten darauf, weshalb es trotz höheren Produktionskosten ein Wettbewerbsvorteil ist.

Sie haben in den letzten Jahren die Kapazitäten in Boncourt ausgebaut. Haben Sie Angst, dass diese Investitionen nun verloren gehen?

Für uns ist Boncourt ein strategischer Produktionsstandort, obwohl die Fabrik etwas kleiner ist. Wir haben dort immer stark in moderne Anlagen und Innovationen investiert. Natürlich sind wir daran interessiert, dass wir die Investition zurückerhalten.

Die Verhandlungen mit der EU laufen noch. Haben Sie Ihren Standpunkt dem Volkswirtschaftsdepartement bereits dargelegt?

Ja, auf jeden Fall. Sowohl über den Branchenverband und auch als Einzelunternehmen. Wir sind der zweitgrösste Arbeitgeber im Kanton Jura. Dadurch pflegen wir einen engen Dialog mit dem Kanton und machen dort auch unsere Position deutlich.

Ralf Wittenberg ist seit Januar 2009 Geschäftsführer von British

American Tobacco Switzerland. Der 44-Jährige studierte Betriebswirtschaft an der Universität Paderborn und der Illinois State University. 1992 stieg er als Management Trainee bei einer deutschen Werbeagentur ins Berufsleben ein. 1995 wechselte Wittenberg zu British American Tobacco (BAT). Dort hatte er verschiedene leitende Funktionen im Bereich Marketing inne. Vor seinem Wechsel zu BAT Switzerland war Wittenberg als Regional Head of Marketing Africa & Middle East tätig.

British American Tobacco (BAT) ist mit einem Marktanteil von gut 40 Prozent der zweitgrösste Zigarettenhersteller in der Schweiz. Die Firma mit Sitz in Lausanne beschäftigt in der Schweiz 770 Mitarbeiter. Davon arbeiten 520 Personen am Produktionsstandort Boncourt (JU) und 130 Mitarbeiter bei BAT Vending. Diese 100-prozentige Tochterfirma betreibt in der Schweiz 8500 Zigarettenautomaten.

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