Islamisten in Stockholm: «Es war ein sehr ernster Terroranschlag»
Aktualisiert

Islamisten in Stockholm«Es war ein sehr ernster Terroranschlag»

Die schwedische Justiz stuft die zwei Anschläge in der schwedischen Hauptstadt Stockholm als ernst ein. Der Fall werde als Terrorakt eingestuft.

Schweden ist einem Terroranschlag mit vielen Toten offenbar nur knapp entgangen: In der Fussgängerzone von Stockholm sprengte sich am Samstag ein Selbstmordattentäter in die Luft. Die schwedische Polizei stufte den Anschlag als «sehr ernsten Terrorakt» ein.

Zunächst explodierte in der belebten Einkaufsstrasse Drottninggatan ein Auto. Kurz darauf kam ein Mann, offenbar der Täter, bei einer weiteren Detonation in der Nähe ums Leben. Zwei weitere Menschen wurden verletzt.

Die Polizei wollte Medienberichte, wonach der Mann Sprengstoff am Körper trug, nicht bestätigen. Ein Augenzeuge berichtete jedoch in der Zeitung «Dagens Nyheter»: «Es sah aus, als trug er etwas, was dann direkt vor seinem Bauch explodierte.»

Der Mann versuchte, dem mit einer riesigen Bauchwunde am Boden Liegenden erste Hilfe zu leisten: «Ich hab Herz- und Lungenmassage versucht, aber es war zu spät.» Der Mann hatte seinen Rucksack mit Reissnägeln sowie weiterem Sprengstoff gefüllt. Die Menschen gerieten in Panik und flüchteten vom Ort des Schreckens.

Drohmail und Abschiedstext

Unmittelbar vor den Explosionen hatten die Polizei und die Nachrichtenagenur TT eine Drohmail sowie den auf Band gesprochenen Abschiedstext eines Mannes bekommen. In der Mail rief der Mann zum «Heiligen Krieg» gegen Schweden auf.

Als Grund für seinen Aufruf zum Terror nannte er «das Schweigen des schwedischen Volkes» zur Mohammed-Karikatur des heimischen Künstlers Lars Vilks sowie die Anwesenheit schwedischer Soldaten in Afghanistan: «Jetzt müssen eure Kinder, Töchter und Schwestern sterben so wie unsere Brüder und Schwestern und Kinder sterben», zitierte die Agentur aus dem Text.

In dem gesprochenen Text berichtete der Mann, dass er sich bei einem Aufenthalt im Nahen Osten für den Dschihad habe ausbilden lassen. Seine Familie bat er um Vergebung, weil er sie über die Gründe für die Reise getäuscht habe. Er bat seine Ehefrau, die Kinder von ihm zu küssen.

Die Polizei wollte keinen Kommentar zu den Texten sowie zur Identität des Mannes abgeben. Nach Informationen der Zeitung «Aftonbladet» soll der Absender der Drohmail und des gesprochenen Textes ein 28-jähriger Mann sein, der mit seinem vollen Namen unterschrieben hat. Von ihm gebe es auch Märtyrer-Videos auf Facebook.

«Hätte katastrophal ausgehen können»

In ersten Kommentaren aus Stockholm wurde vermutet, dass sich der Attentäter wahrscheinlich erst auf der von Menschen wimmelnden Drottninggatan in die Luft sprengen wollte. Auch die Explosion eines Autos hätte wahrscheinlich weitaus verheerendere Auswirkungen gehabt, wenn die Benzinkanister, die von Rettungskräften darin gefunden wurden, ebenfalls detoniert wären.

Aussenminister Carl Bildt erklärte auf Twitter, der Anschlag sei «fehlgeschlagen, hätte aber wahrlich katastrophal» ausgehen können. Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt verurteilte den Anschlag scharf.

Seine Regierung werde sich dadurch aber nicht von ihrem Eintreten für eine «offene Gesellschaft» abhalten lassen, sagte Reinfeldt am Sonntag vor Journalisten. Er warnte vor voreiligen Schlüssen.

Der zuständige Staatsanwalt Thomas Lindstrand kündigte schnelle Ermittlungen zur Frage möglicher Mittäter an. Grundsätzlich erwarte man keine neue akute Gefährdung für Schweden, hiess es weiter. Man werde deshalb die seit Oktober geltende Einstufung beim Terroralarm unverändert lassen. In der Stockholmer Innenstadt soll dennoch ab sofort zusätzlich Polizei patrouillieren.

Video: Sekunden nach dem Anschlag (YouTube) (sda/dapd)

Chronologie von Terroranschlägen in Europa

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA sind auch in Europa blutige Terroranschläge verübt worden, ausserdem konnten Terrorangriffe verhindert werden. Eine Übersicht:

- 15. November 2003: Zwei Selbstmordattentäter reissen bei Anschlägen auf zwei Synagogen in Istanbul 23 Menschen mit in den Tod. Etwa 300 Menschen werden bei den fast zeitgleichen Explosionen der Autobomben verletzt.

- 20. November 2003: Bei neuerlichen Bombenanschlägen auf das britische Konsulat und eine britische Bank in Istanbul werden mindestens 30 Menschen getötet, darunter auch der britische Generalkonsul Roger Short. Rund 400 werden verletzt.

- 11. März 2004: Bei einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf Nahverkehrszüge in Madrid werden 191 Menschen in den Tod gerissen, etwa 1.800 werden verletzt. Die Attentäter griffen am frühen Morgen überfüllte Pendlerzüge an. Sie hatten insgesamt zehn Sprengsätze in ihren Rucksäcken versteckt.

- 7. Juli 2005: Bei nahezu zeitgleichen Selbstmordanschlägen auf Londoner Busse und U-Bahn-Stationen kommen 52 Menschen ums Leben, Hunderte werden verletzt.

- 31. Juli 2006: Auf dem Kölner Hauptbahnhof werden zwei Kofferbomben in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz deponiert, die aber nicht explodieren. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft verhinderten nur die mangelnden Chemie-Kenntnisse des später verurteilten Attentäters ein Blutbad unter den Reisenden.

- 10. August 2006: Die britische Polizei verhindert nach eigener Darstellung eine Serie von Terroranschlägen auf Flugzeuge und damit einen «Massenmord von unvorstellbarem Ausmass». 24 Verdächtige sollen geplant haben, Sprengstoff in flüssiger Form auf Transatlantikflüge in die USA zu schmuggeln und in der Luft zur Explosion zu bringen. Auf dem Londoner Flughafen Heathrow werden die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft.

- 30. Juni 2007: Einen Tag nach der Entdeckung von zwei Autobomben in London rast ein Geländewagen in die Abfertigungshalle des Flughafen Glasgow und geht in Flammen auf. Fünf Menschen werden verletzt. Die Behörden rufen die höchste Terroralarmstufe mit der Bezeichnung «kritisch» aus.

(dapd)

«Attentate sind auch bei uns denkbar»

Herr Hottinger*, fünf Jahre nach den Selbstmordanschlägen auf Londoner Busse und U-Bahn-Stationen wurde Westeuropa zum zweiten Mal Opfer eines Selbstmordanschlages.

Der Islamismus hat sich weltweit verstärkt und die Selbstmordbombe wurde stark weiterentwickelt. Das Attentat ist auch eine Reaktion darauf, dass Europa die USA unterstützt.

Der mutmassliche Selbstmordattentäter appelliert an «alle Mujahedin in Schweden und Europa, jetzt zuzuschlagen». Was haben wir in der Schweiz zu befürchten?

Solche Attentate sind auch bei uns denkbar, obwohl hier nicht so grosse islamische Gemeinschaften wie in Frankreich oder England leben. Der Schweizer Nachrichtendienst muss sich überlegen, wie sich die Schweiz vor Selbstmordattentätern schützen soll.

Und wie sähen solche Schutzmassnahmen aus?

Die einzig wirksame Methode ist eine systematische Infiltrierung der Terrororganisationen durch die Geheimdienste. Konventionelle Kriegsführung ist eine veraltete Methode. Das muss man endlich einsehen. (dp)

*Arnold Hottinger ist Islamwissenschaftler und Arabist.

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