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Faire Rivalität«Es war ein Spiel und nicht Krieg»

Xherdan Shaqiri trägt zwei dicke Kratzer am Hals und wurde mit Gegenständen beworfen. Granit Xhaka will nicht von einem Krieg reden und Valon Behrami bedankt sich bei den albanischen Fans.

von
Eva Tedesco

Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Diego Benaglio und Valentin Stocker nach der Partie gegen Albanien. (Video: 20 Minuten Online)

«Ich muss Valon Behrami ein riesiges Kompliment aussprechen», sagt Diego Benaglio nach dem 2:0-Sieg gegen Albanien. «Es ist ihm wahnsinnig gut gelungen, sein Spiel von A bis Z durchzuziehen, ohne dass er sich hat beeinflussen lassen. Überhaupt muss ich sagen, dass die fünf Spieler, die gegen das Heimatland ihrer Eltern gespielt haben, das Maximum für die Schweiz gegeben haben», so der Nati-Keeper weiter.

Viel wurde im Vorfeld über die Begegnung von Valon Behrami, Admir Mehmedi, Blerim Dzemaili, Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri mit der Nationalmannschaft aus Albanien – dem Land, wo sie ihre Wurzeln haben – gesprochen und geschrieben. «Für mich war es im Vorfeld viel schwieriger als dann im Spiel», sagt Behrami. «Als der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen hat, habe ich mich auf meinen Job konzentrieren können. Das war einfacher, als darüber Auskunft zu geben, wie es in mir aussieht. Ich glaube, dass die Stimmung im Stadion sehr gut und gar nicht aggressiv war. Auf dem Platz ist es zwar hart, aber nicht unsportlich zu und her gegangen. Alle haben sich sehr professionell verhalten», so der Tessiner mit Wurzeln im Kosovo nach Spielschluss.

Die albanischen Schweizer blieben stumm

«Schlussendlich war es ein Spiel und nicht Krieg», so Granit Xhaka, der zum ersten Mal in seiner noch jungen Karriere gegen sein Heimatland angetreten ist und ein derart emotionsgeladenes Duell bestritt. «Ich freue mich, dass wir die Sache so gut gemeistert haben und ich glaube, dass es auch viele Albaner gibt, die stolz auf uns sind.»

Der Respekt war den fünf Spielern kurz vor dem Spiel aber anzumerken. Kein Wunder angesichts der rot-schwarzen Wand, die sich hinter einem Tor in der Luzerner Arena aufgebaut hatte und die Namen der «Abtrünnigen» bei der Teamvorstellung mit gellenden Pfiffen und Schmährufen quittierte. Die deutsche Sprache kennt keinen Spezialausdruck für den leidenschaftlichen Fussball-Anhänger. Das im deutschen Sprachraum verwendet Wort «Fan» kommt aus dem Englischen und hat im Ursprung mit Fanatismus zu tun, wirkt für die rund 6000 Albaner am Dienstagabend aber wohl zu verniedlichend.

Das Schweigen aus Respekt

Denn diese Anhänger feuerten ihre Mannschaft mit viel Herzblut, Stolz und grenzenloser Leidenschaft an. Leider tauchte auch immer wieder das Wort «Verräter» in ihren Schlachtrufen auf. Denn viele können und wollen nicht verstehen, dass sich Shaqiri, Xhaka, Behrami und Co. für die Schweiz entschieden haben - aber nicht gegen das Land ihrer Väter.

Aus Respekt verzichteten Behrami, Xhaka und Shaqiri, die in der Startelf standen, auf das Mitsingen der Hymne. Aus Respekt verhielten sie sich besonders fair. Und der Respekt gegenüber dem Gegner war ehrlich - das war offensichtlich. Das Shakehand vor dem Anpfiff, hatte man den Eindruck, fiel wesentlich emotionaler aus, als manch Stadiongänger dies gewohnt ist.

Shaqiri unter Beschuss

Danach war aber Schluss mit Nettigkeiten. Der Gegner ging aggressiv ans Werk. Xhaka, Behrami und vor allem Shaqiri wurden bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen. Und es gab vom Gegner deftig auf die Socken - und mehr. Der Bayern-Söldner tauchte später mit zwei langen, dunkelroten Kratzern am Hals zum Interview auf.

«Das war keine Katze», konnte Shaqiri da schon wieder lachen, «sondern ein Spieler. Ich war jedes Mal froh, wenn es nach einem Eckball aus dem Strafraum rausging. Da kam alles geflogen: Bierbecher, Karton und sogar ein langer Stecken. Da bin ich erschrocken und bin zum Captain gegangen und habe ihn gesagt, dass er die Leute beruhigen soll. Aber ich glaube, dass wir die Pfiffe und Provokationen gut weggesteckt haben.» Und wie gut: Denn es war der kleine Kraftwürfel, der nach 24 Minuten von einem Prellball in der albanischen Innenverteidigung profitierte, abzog und zur 1:0-Führung der Schweizer traf.

Zwei Herzen in der Brust

Würde Shaqiri jubeln? Gespannt warteten die Zuschauer im Stadion auf den Torjubel des Bayern-Profis. Doch der ehemalige Bebbi gab sich keine Blösse und drehte lediglich ab, legte seine Hand auf die Brust und liess sich von den Teamkollegen feiern. «Für mich war immer klar, dass ich nicht jubeln werde, wenn ich ein Tor schiesse. Ich habe aus Respekt darauf verzichtet. Aber der Griff ans Herz sollte bedeuten, dass ich für die Schweiz getroffen habe und mich freue. Auf jeden Fall wird mir dieses Tor mein Leben lang in Erinnerung bleiben.»

Eine sehr schöne und bezeichnende Geste kam von Valon Behrami. Bei seiner Auswechslung (73. Minute) applaudierte der Napoli-Söldner den Fans – und zwar aus beiden Lagern und demonstrierte die Zerrissenheit der Secondos, denn in ihrer Brust schlagen nun mal zwei Herzen. «Mit dem Applaus habe ich mich bei den Fans für ihre Fairness und Unterstützung bedankt. Es war nicht nur ein spannender, sondern für uns fünf ein sehr emotionaler Fussballabend.» Und ein Beweis dafür, dass diese Spieler mit Stolz das rote Leibchen tragen können, ohne ihre Abstammung zu verleugnen. Es wird Zeit, diesen jungen Kickern eine echte Chance zu geben.

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