Aktualisiert

Apollo-Experiment«Es war so eng, dass wir uns gleichzeitig drehen mussten»

Nur einen Tag benötigten die User von 20 Minuten Online, um das Rätsel der Gretzenbacher Hobby-Astronauten zu lüften: Es waren sieben junge Leute, die im Sommer 1970 ein erstaunliches Experiment durchführten, gegen das «Big Brother» wie Kleinmädchenkram aussieht.

von
Daniel Huber

Am 26. Juli 1970 bestiegen drei junge Männer mitten in der Schweiz eine Raumkapsel. Es war der Beginn eines Projekts, das in jahrelanger Arbeit minutiös vorbereitet worden war und nun seinen Test in der Wirklichkeit erlebte: Zwei Wochen wollten die drei Hobby-Astronauten auf engstem Raum in der Kapsel eingeschlossen verbringen und dabei unter Bedingungen leben, die denen eines Apollo-Raumflugs möglichst nahe kamen. Ein staunenswertes Vorhaben — staunenswerter war wohl nur noch, dass die drei tatsächlich ganze zwei Wochen in der Kapsel ausharrten; betreut von vier Freunden, die das Experiment von aussen überwachten.

20 Minuten Online hat die Bilder vom Einstieg der «Astronauten» publiziert und mit Hilfe der User einen der Teilnehmer an dem denkwürdigen «Raumflug» ausfindig gemacht: Klemens Schenker (57), der heute als Lehrer in Gretzenbach tätig ist.

3500 Arbeitsstunden

Damals war Schenker 19 Jahre alt und damit einer der älteren in der Gruppe; der jüngste war erst 17. Sie waren Freunde, schon vor dem Projekt, und sie sind es heute noch: «Wir haben heute noch Kontakt», sagt Schenker, «das gemeinsam bestandene Abenteuer hat unsere Freundschaft noch verstärkt.»

Die fünf Freunde hatten zwei Jahre lang insgesamt um die 3500 Arbeitsstunden in das Projekt gesteckt. «Wir arbeiteten im Geheimen im Tenn eines verlassenen Bauernhauses, an Wochenenden und oft tief in den Abend» hinein, erzählt Schenker.

«Wir hatten uns sowieso schon für die Fliegerei interessiert», fährt er fort. Damals, gegen Ende der Sechzigerjahre, sei die Raumfahrt immer faszinierender geworden; Präsident Kennedys Vision, einen Menschen auf den Mond zu bringen, der Wettlauf mit den Russen und schliesslich die Mondlandung 1969 steigerten das Interesse an der bemannten Raumfahrt enorm.

«Der eigentliche Anstoss für uns war aber ein Versuch von Jugendlichen in den USA, die ein ähnliches Experiment durchführten.»

Harmonie-Tests vor dem Einstieg

Davon habe einer von ihnen erfahren, der damals Austauschstudent in den USA gewesen sei, so Schenker. «Er brachte von dort Flugpläne der NASA mit. Daran haben wir uns dann so genau wie möglich gehalten — das Ziel war die Simulierung eines Mondflugs ohne Landung. Wenn da "Funkstille" stand, haben wir die Verbindung nach aussen ebenfalls unterbrochen».

Jeder der fünf Freunde habe einen Zuständigkeitsbereich gehabt; so sei einer für den medizinischen Bereich verantwortlich gewesen. «Heute ist er Zahnarzt», lacht Schenker. Und der Techniker sei heute Maschineningenieur.

Da es in der Kapsel zu dritt extrem eng war und das Experiment auch nicht nur ein paar Stunden dauerte, mussten die fünf sich genau überlegen, wer von ihnen zusammen in den Verschlag steigen sollte. «Wir mussten das zuerst ausprobieren. Wir haben drei Versuche gemacht, einmal zum Beispiel über Pfingsten, um herauszufinden, welche drei von uns unter diesen Bedingungen am besten miteinander zurechtkamen.» Die beiden anderen betreuten die «Raumfahrer» danach von auuserhalb der Kapsel, gewissermassen als «Bodenteam».

Eine Klappe für den Abfall

Die Kapsel, die im Durchmesser etwa 2,5 Meter mass und annähernd 2,5 Meter hoch war, stand auf einem eigens gezimmerten Gerüst und hatte eine abnehmbare Kuppel. Dazu verfügte sie über eine Klappe, über die der Abfall entsorgt werden konnte. Kühle Frischluft — es war schliesslich Hochsommer — kam aus dem Keller des Nachbarhauses, ebenso der Strom.

«Der Fernsehelektriker im Dorf hatte grosszügigerweise eine Kamera — das war damals eine technische Rarität sondergleichen — und einen Fernseher zur Verfügung gestellt», erzählt Schenker. Damit wurden Live-Aufnahmen aus dem Inneren der Kapsel übertragen.

Am 26. Juli 1970 startete dann das Experiment unter grosser Anteilnahme der Öffentlichkeit: «Das Fernsehen kam und Charles Raedersdorf von "Autoradio Schweiz"», erinnert sich Schenker. «Der Medienhype hat uns völlig überrumpelt. Wir hätten nie gedacht, dass unsere Aktion so weite Kreise ziehen würde.»

Nach dem Einstieg plombierte der Vize-Gemeindeammann von Gretzenbach die Kapsel — und die drei «Astronauten» blieben tatsächlich zwei Wochen lang in der Enge ihres selbstgebauten Verschlags. «Es war so eng, dass wir uns beim Schlafen gleichzeitig drehen mussten», schmunzelt Schenker.

Beim Ausstieg am 9. August — die Dorfmusik Gretzenbach begleitete den Anlass musikalisch — sahen die drei «Raumfahrer» dementsprechend nicht mehr so frisch aus.

Doch es war eine Erfahrung, die sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen würden. «Wir haben bei diesem Projekt enorm viel gelernt», sagt Schenker.

Bleibt nur noch die Frage, was denn «TASA» eigentlich bedeutet. Schenker lacht: «Nichts anderes als "Team Apollo Switzerland America".»

Schenker im Inneren der Kapsel

(Bild: Keystone/Str)

Die «Astronauten» bei der Verabschiedung vor dem Einstieg

(Bild: Keystone/Str)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.