Eltern des getöteten Ilias: «Es wird das erste Mal sein, dass wir seine Mörderin sehen»
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Eltern des getöteten Ilias«Es wird das erste Mal sein, dass wir seine Mörderin sehen»

Am 21. März 2019 erschütterte die kaltblütige Ermordung von Ilias (7) in Basel die Schweiz. Am kommenden Montag muss sich die geständige Mörderin A.F.* vor Gericht verantworten. Jetzt reden erstmals die Eltern des toten Buben.

von
Lukas Hausendorf
Nora Bader

Die Eltern von Ilias im Interview.

Video: Nora Bader, Lukas Hausendorf

Ilias war auf dem Heimweg auf dem St. Galler-Ring in Basel und kaum 200 Meter vom Schulhof entfernt, als sich A.F.* von hinten, das Messer in der rechten Hand, an ihn heranschlich. Mit zwei wuchtigen Stichen in den Hals löschte sie das Leben des Buben am 21. März 2019 um 12.37 Uhr aus. Am kommenden Montag nun muss sich die 76-jährige Mörderin vor dem Basler Strafgericht für ihre Tat verantworten.

Für Ilias Eltern V.* (33) und S.* (28) wird der Prozess eine Prüfung und zugleich birgt er die Hoffnung, dass ihr Leid zumindest juristisch eine Form der Heilung erfährt. Im Interview im Beisein ihres Anwalts Artan Sadiku äussern sie sich erstmals und ausführlich gegenüber der Öffentlichkeit.

Wie geht es Ihnen heute?
S: Es wird mir nie besser gehen, aber wir müssen das irgendwie schaffen. Wir haben zwei Kinder, die uns Kraft geben und uns brauchen. Aber Ilias fehlt uns jede Sekunde, jede Minute. Ohne ihn ist die Welt kaputt.
V: Wir müssen jeden Tag weiterleben und unser Schicksal annehmen. Die Kinder und Familie geben uns Kraft dabei, aber die Wunden werden nie heilen. Jetzt, da die Gerichtsverhandlung näher rückt, machen wir uns natürlich wieder mehr Gedanken. Wir sind aufgewühlt, das wird eine neue Erfahrung für uns.

Was haben Sie für Erwartungen an den Prozess und wie werden Sie ihn mitverfolgen?
S. Ich lese bis zur Gerichtsverhandlung keine Zeitung mehr, um mich selbst zu schützen und damit ich arbeiten kann und funktioniere. Wir werden an der Verhandlung aber auf jeden Fall dabei sein. Es ist uns wichtig, die Frau zu sehen. Ich weiss nicht, wie wir darauf reagieren werden.

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Ilias Eltern mit ihren beiden Söhnen am Mittwoch 5. August auf der Basler Claramatte. Die Mörderin ihres erstgeborenen Kindes werden sie erstmals vor Gericht sehen.

Ilias Eltern mit ihren beiden Söhnen am Mittwoch 5. August auf der Basler Claramatte. Die Mörderin ihres erstgeborenen Kindes werden sie erstmals vor Gericht sehen.

20 Minuten/lha
«lias fehlt uns jede Sekunde, jede Minute. Ohne ihn ist die Welt kaputt», sagt Ardita. Am Tatort erinnern bis heute Blumen und Bilder des Buben an die Bluttat.

«lias fehlt uns jede Sekunde, jede Minute. Ohne ihn ist die Welt kaputt», sagt Ardita. Am Tatort erinnern bis heute Blumen und Bilder des Buben an die Bluttat.

Privat
Sein Bruder vermisse ihn sehr und frage immer wieder nach Ilias, erzählt Ardita.

Sein Bruder vermisse ihn sehr und frage immer wieder nach Ilias, erzählt Ardita.

Privat

Sie haben A.F. also noch nie gesehen bis jetzt?
V. Nein, wir kennen sie nicht und haben sie noch nie gesehen.
S. Ja, es wird das erste Mal sein, dass wir sie sehen.

Sie ist aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung schuldunfähig. Wie gehen Sie damit um?
V. In unseren Augen ist sie schuldfähig. Das bleibt für uns so, denn sie hat es ja getan. Das hat uns schon getroffen, als rauskam, sie sei schuldunfähig. Ich habe es damals nicht verstanden und verstehe es heute noch nicht. Sie wusste ja, was sie tat.
S. Sie ist und bleibt eine Mörderin in meinen Augen.

Wie verarbeiten Sie die Tat?
S. Wir haben hier eine grosse Familie, die uns sehr unterstützt. Wir sind immer zusammen. Die Familie gibt uns sehr viel Kraft und wir haben noch zwei Kinder, die uns auch sehr viel Kraft geben. Wir müssen weiterleben, die Kinder brauchen uns. Ab und zu schreibt die Lehrerin und fragt, wie es uns geht. Die Mitschüler haben als Erinnerung etwas gebastelt für Ilias. Auch die Opferhilfe ist mit uns in Kontakt.
V. Wir haben das Quartier gewechselt. Seit diesem Tag wohnen wir nicht mehr dort.

Unmittelbar nach der Tat war die Anteilnahme riesig, über tausend Menschen kamen zum Trauermarsch für Ilias. Ist diese Anteilnahme immer noch präsent?
V. Nach dem Trauermarsch, als es ruhiger wurde, wurde es für uns schwieriger. Wieder in den Alltag zu finden, war das Schwierigste. Ich danke allen, die an diesem Trauermarsch teilgenommen haben, das hat uns sehr viel Kraft gegeben. Wir waren wirklich überrascht und wir wären gerne dabei gewesen. Wir wollen wirklich allen danken, die uns unterstützt haben, die uns geholfen haben, die an uns gedacht haben. Wir wissen das zu schätzen. Es waren so viele Leute, ich konnte nicht allen danken.
S. Es hat uns gezeigt, dass wir nicht alleine sind, und uns viel Kraft gegeben. Aber um ehrlich zu sein, jeder Tag ist für mich schwierig.

Sie flogen kurz nach der Tat in den Kosovo, wo Ilias beigesetzt wurde. Wie war es dort?
V. Dort war unsere Familie. Es war überall Unterstützung, wir waren nie alleine. Rückblickend muss ich aber sagen, für uns ging alles viel zu schnell, das Begräbnis, alles. Wir waren wie abgelenkt. Danach waren wir alleine, dann wurde es schwieriger.

Waren Sie seither wieder an Ilias Grab?
V. Am Jahrestag wollten wir sein Grab besuchen, aber es ging nicht wegen Corona.
S. Das war so schlimm!

Hat Sie die das Geschehene auch beruflich belastet oder zu einer Veränderung geführt?
V. Als es passiert ist, war ich gerade mitten in den Abschlussprüfungen zum Fachmann Gesundheit. Ich weiss gar nicht, wie ich das geschafft habe. Man sagte mir, ich könne es um ein Jahr verschieben. Aber ich wollte das dann einfach durchziehen und es kam trotzdem gut. Jetzt arbeite ich seit einem Jahr in diesem Beruf mit älteren Menschen. Ich verstehe bis heute nicht, wie ein Mensch so kalt werden kann.

*Namen geändert

Minutiös geplante Bluttat einer psychisch kranken Seniorin

Die heute 76-jährige A.F. erstach den siebenjährigen Buben Ilias (†) am 21. März 2019, als er sich als letzter seiner Klasse auf den Heimweg begeben hatte, am St. Galler-Ring, knapp 200 Meter vom Gotthelf Schulhaus entfernt. Die Tat plante F. minutiös, wenngleich sie ihr Opfer zufällig wählte. Schon seit Tagen kundschaftete sie die Gegend um die Schule aus, um einen geeigneten Tatort zu finden. Am 19. März, zwei Tage vor der Tat, verfasst sie erstmals einen Entwurf für ein SMS, in dem sie die Tötung eines Kindes gesteht, damit sie ihr Eigentum zurückerhalte. F. sah sich seit Jahrzehnten als Opfer korrupter Behörden. Seit den 1970er-Jahren deckte sie mit ihrem 1999 verstorbenen Lebenspartner Ämter, Behörden und Politiker mit pseudojuristisch abgefassten Mahnungen und Drohungen ein. Den Mord am Buben rechtfertigte sie als «Notwehrhandlung». Am Abend nach der Tat stellte sie sich der Staatsanwaltschaft.

F. leidet gemäss Gutachten an einer «chronifizierten, schwerwiegend wahnhaften Störung», die sie seit 1977 progredient entwickelt habe. 2002 wurde sie als «vollständig unzurechnungsfähig» eingestuft und ab 2008 bevormundet. In einem früheren Gutachten stellte ihr ein Psychiater schon 2016 eine schlechte Prognose, kam aber zum Schluss, dass die Gefahr in Bezug auf die Ausführung einer Straftat gering sei, weshalb auch keine fürsorgerische Unterbringung verfügt wurde.

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