Erdogan-Gegner: «Es wird heftige Zusammenstösse geben»

Aktualisiert

Erdogan-Gegner«Es wird heftige Zusammenstösse geben»

Die regierungskritischen Türken sind nach der Referendums-Abstimmung ernüchtert. Sie geben ihren Kampf aber noch nicht auf.

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«Nein»: Demonstranten protestieren in Istanbul gegen das Referendum. (17. April 2017)

«Nein»: Demonstranten protestieren in Istanbul gegen das Referendum. (17. April 2017)

AFP/Bulent Kilic
Unterstützung von Zuhause aus: Anwohner skandieren aus dem Fenster und hämmern auf Pfannen. (17. April 2017)

Unterstützung von Zuhause aus: Anwohner skandieren aus dem Fenster und hämmern auf Pfannen. (17. April 2017)

Keystone/Petros Karadjias
Der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte müsse fortgesetzt werden: SPD-Kanzlerkandidat und ehemaliger EU-Ratspräsident Martin Schulz. (Archivbild)

Der Einsatz für Demokratie und Menschenrechte müsse fortgesetzt werden: SPD-Kanzlerkandidat und ehemaliger EU-Ratspräsident Martin Schulz. (Archivbild)

Keystone/Peter Steffen

Besuch in einer Kneipe in Istanbul am Sonntagabend. Alle Gäste starren gebannt auf die Displays ihrer Smartphones, folgen den Reden Erdogans und des Oppositionsführers Kemal Kilicdaroglu. Aus den Lautsprechern dringt verhalten Musik. Jedes über soziale Medien verbreitete Protestvideo findet rege Aufmerksamkeit.

«Ich bin schon sehr enttäuscht», sagt eine junge Frau, die ihren Namen lieber nicht nennen will. «Trotz allem habe ich mir so sehr gewünscht, dass das »Nein« die Wahl gewinnt. Es ist komisch zu sehen, wie die Leute hier ihre wenigen noch vorhandenen Rechte einfach abwählen.»

Sie mache sich zudem Sorgen um die Zukunft des Landes. Gewalt und Intoleranz seien in den vergangenen Monaten sehr gewachsen. «Das Wahlergebnis ist kontrovers und das wissen auch die Ja-Wähler, von denen ein Teil sehr aggressiv ist.»

Angst vor Repression

Der Besitzer der Kneipe, der auch lieber anonym bleiben möchte, ist ebenfalls pessimistisch. «Alle haben Angst, ich auch. Jetzt werden sie noch aggressiver gegen uns vorgehen.» Viele seiner Freunde und Bekannten seien verstummt oder im Gefängnis. «Kaum einer traut sich noch, den Mund aufzumachen.»

In der regierungskritischen Architekten- und Ingenieurkammer in Istanbul geht die Wahlparty ihrem Ende zu. Ümit Bektas, der von Anfang an für ein «Nein» aktiv war, ist trotz des umstrittenen Wahlergebnisses guter Dinge. «Ich bin ein bisschen bedrückt, aber sehr traurig bin ich nicht», sagt der 35-jährige Journalist. Staatschef Recep Tayyip Erdogan müsse sich damit abfinden, die nächsten Wahlen nicht im Alleingang gewinnen zu können, zu gross sei der Widerstand auf allen Seiten.

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«Nur so einen mageren Sieg»

«Das Wahlergebnis ist kein Erfolg für Erdogan und ich denke, dass die AKP sich in einer Krise befindet», sagt Bektas. Seit Monaten habe er sich im Wahlkampf freiwillig für ein «Hayir», also «Nein», engagiert und sei nicht unzufrieden mit dem erreichten Ergebnis.

«Wir haben alle freiwillig gearbeitet und die Wahlkampagne unter schwersten Bedingungen organisiert. Wir haben gegen einen mächtigen Staatsapparat angekämpft. Die AKP hatte alle Macht zu ihrer Verfügung, aber trotzdem nur so einen mageren Sieg erreicht.»

«Wahlergebnis wird so nicht akzeptiert werden»

Auch Ibrahim Tartaroglu, Generalsekretär der Istanbuler Maschineningenieurkammer, gibt sich nicht geschlagen. «Dieses Ergebnis ist ein Pyrrhussieg für die AKP», sagt der 29 Jahre alte Ingenieur.

«Das Wahlergebnis wird so auch nicht akzeptiert werden in der Türkei, dafür ist es zu umstritten.» Die tiefen Risse, die sich überall im Land durch die Gesellschaft zögen, seien nur tiefer geworden.

Die zweit- und die drittgrösste Oppositionspartei CHP und HDP kündigten noch am Sonntag an, das Wahlergebnis wegen «Unregelmässigkeiten» anfechten zu wollen. In manchen Istanbuler Stadtbezirken kam es am Sonntagabend zu friedlichen Protesten.

«Zusammenstösse werden heftiger sein»

Tartaroglu, der am Entscheidungstag im Istanbuler Viertel Besiktas als Wahlbeobachter tätig war, erwartet wachsenden Widerstand gegen die AKP und das Wahlergebnis vom Sonntag. «Die Fronten haben sich extrem verhärtet», sagt er.

«Ich denke, dass es eine Protestwelle geben wird, die an die Gezi-Demonstrationen erinnert, aber die Zusammenstösse werden heftiger sein.» Die Gezi-Proteste hatten sich Ende Mai 2013 an der geplanten Bebauung des Gezi-Parks in Istanbul entzündet und sich zu landesweiten Protesten ausgeweitet. (sda)

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