Aktualisiert 23.04.2020 13:30

Wegen Corona«Es wird mehr Scheidungen geben»

Homeoffice, Homeschooling und Isolation stellt Beziehungen auf die Probe: Es werde Ende des Jahres mehr Scheidungen geben, glauben Anwälte und Therapeuten.

von
Jacqueline Straub
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Seit Beginn des Lockdowns bietet die Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich eine Hotline und Online-Beratungen an. «Wir erleben einen Anstieg an Anfragen», sagt Margareta Hofmann, Paartherapeutin bei Paarberatung-Mediation im Kanton Zürich.

Seit Beginn des Lockdowns bietet die Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich eine Hotline und Online-Beratungen an. «Wir erleben einen Anstieg an Anfragen», sagt Margareta Hofmann, Paartherapeutin bei Paarberatung-Mediation im Kanton Zürich.

Margareta Hofmann
Es wird auch in der Schweiz zu vermehrten Trennungen kommen, ist sich Hofmann sicher. «Wir bevorzugen die Paarberatung, aber werden auch wieder vermehrt Mediationen anbieten, damit Paare sich gut scheiden lassen können, wenn es gar nicht mehr geht.»

Es wird auch in der Schweiz zu vermehrten Trennungen kommen, ist sich Hofmann sicher. «Wir bevorzugen die Paarberatung, aber werden auch wieder vermehrt Mediationen anbieten, damit Paare sich gut scheiden lassen können, wenn es gar nicht mehr geht.»

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«Ich habe seit dem Lockdown vermehrt Scheidungsanfragen erhalten», sagt Rechtsanwalt Patrick Stach. Ob es aber schlussendlich zur Scheidung kommt, könne er noch nicht sagen.

«Ich habe seit dem Lockdown vermehrt Scheidungsanfragen erhalten», sagt Rechtsanwalt Patrick Stach. Ob es aber schlussendlich zur Scheidung kommt, könne er noch nicht sagen.

Patrick Stach

«Die Nerven liegen blank», sagt Paarberaterin Margareta Hofmann. Seit Beginn des Lockdowns bietet die Paarberatung und Mediation im Kanton Zürich eine Hotline und Online-Beratungen an. «Wir erleben einen Anstieg an Online-Anfragen.» Das Angebot werde gut angenommen und einige könnten sich durch die Beratung vom eigenen Sofa aus sogar noch besser öffnen. Angestaute Gefühle und wenig Geduld seien die Hauptfaktoren, warum sich Paare bei Hofmann melden.

Durch die Krise kommen Paarprobleme verstärkter an die Oberfläche: «Alles, was in einem Paar angelegt ist, kommt nun zum Vorschein», sagt Hofmann. «Man kann nichts mehr unter dem Deckel halten.» Die Paarberaterin geht davon aus, dass es bis Ende des Jahres mehr Scheidungen als im Vorjahr geben wird.

Einige zogen Scheidungsantrag zurück

In China etwa kam es nach den Lockerungen der Quarantänebestimmungen in der zentralasiatischen Metropole Xi'an wegen Scheidungsgesuchen zu einem Ansturm auf die Standesämter - denn diese waren geschlossen. In den ersten Tagen der Quarantäne-Lockerungen führte das Amt bis zu 14 Scheidungstermine durch und erreichte damit die Obergrenze an möglichen Scheidungen.

«Nach einer ersten Überreaktion wird eine Rückbesinnung eintreten. Wir beobachten Entwicklungen aus anderen Ländern, wo die Scheidungsanträge bei zunehmender Normalisierung der Lage zurückgezogen werden», sagt Hofmann. Das führt sie darauf zurück, dass die Krisensituation mit mehr Distanz bewertet werden kann, die Menschen wieder durchatmen und neu sehen können, welche guten Eigenschaften der Partner eben doch hat.

Lockdown ist endgültiger Auslöser für Trennung

Dennoch wird es auch in der Schweiz zu vermehrten Trennungen kommen. «Wir bevorzugen die Paarberatung, aber werden auch wieder vermehrt Mediationen anbieten, damit Paare sich gut scheiden lassen können, wenn es gar nicht mehr geht.»

Auch Evelyne König, Trennungsberaterin aus Thalwil, nimmt ein erhöhtes Aufkommen an Anfragen wahr. «Täglich erhalte ich ein Telefon mehr als sonst», so König. Jene, die sie aufsuchen, hätten schon länger keine gut funktionierende Beziehung mehr gehabt. «Der Lockdown ist nun aber endgültige Auslöser, die Trennung zu vollziehen.» Ab Mitte Mai oder Anfang Juni rechnet sie mit einem hohen Vorkommen an Scheidungen und Trennungen.

Vermehrt Scheidungsanfragen

«Ich habe seit dem Lockdown vermehrt Scheidungsanfragen erhalten», sagt auch Rechtsanwalt Patrick Stach. Ob es aber schlussendlich zur Scheidung kommt, könne er noch nicht sagen. «Einige wollen bis Ende April abwarten, bevor sie meine Anwaltskanzlei aufsuchen», so Stach. Und Lukas Züllig, Fachanwalt für Familienrecht aus Zürich, ist sich sicher, dass die Folgen des Lockdowns in Sachen Scheidung «leicht zeitverzögert in den kommenden Monaten wohl höhere Fallzahlen zeigen wird».

Beim Basler Zivilgericht erkennt man derzeit noch keinen Anstieg an Scheidungsanfragen. «Der Beurteilungszeitraum ist hierfür zu kurz», sagt Küffer Rafael vom Basler Zivilgericht. Auch bei den Aargauer Gerichten und dem Bezirksgericht Zürich wurden noch keine Zunahme der Scheidungsbegehren festgestellt.

Zusammenhalt und Verständnis fordern

Damit es nach dem Lockdown nicht zu einer Trennung komme, sei es wichtig, in Balance mit sich selbst zu sein, so Paarberaterin Margareta Hofmann. Der eigene Frust dürfte nicht auf den Partner übertragen werden. Man solle ehrlich zum Partner sein und in Ich-Botschaften formulieren. Wer Kinder hat, sollte jeden Abend eine Gesprächsrunde mache, bei der jeder sagen kann, wie es einem geht, wie der Tag war und auf was man sich am nächsten Tag freut. «Das fördert den Zusammenhalt und das Verständnis untereinander», so Hofmann. Und: Paare sollen sich auch Zeit für Zärtlichkeiten nehmen.

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