Aktualisiert 07.01.2020 11:50

Neue Regeln für 16-Jährige«Es wird mehr schwere Töffunfälle geben»

Ab 2021 dürfen 16-Jährige Töffs mit einer höheren Leistung fahren. Die Branche plant eine Werbekampagne, Experten warnen vor tödlichen Unfällen.

von
ehs
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In einem Jahr dürfen schon 16-Jährige Töffs mit einem Hubraum von 125 Kubikzentimetern (ccm) statt wie bisher maximal 50 ccm fahren.

In einem Jahr dürfen schon 16-Jährige Töffs mit einem Hubraum von 125 Kubikzentimetern (ccm) statt wie bisher maximal 50 ccm fahren.

Keystone/Gaetan Bally
Die Versicherung Axa geht davon aus, dass mehr Jugendliche auf den Strassen verletzt oder getötet werden. «Wir schätzen das Risiko eines 16-Jährigen, einen Unfall zu verursachen, als höher ein als jenes von über 18-Jährigen», sagt Sprecherin Anna Ehrensperger.

Die Versicherung Axa geht davon aus, dass mehr Jugendliche auf den Strassen verletzt oder getötet werden. «Wir schätzen das Risiko eines 16-Jährigen, einen Unfall zu verursachen, als höher ein als jenes von über 18-Jährigen», sagt Sprecherin Anna Ehrensperger.

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Die Änderung geht auf einen Entscheid des Bundesrat zurück. Mark Kipfer von der Beratungsstelle für Unfallverhütung sagt, sie sei «problematisch»: «Es ist damit zu rechnen, dass die Zahl der schweren Unfälle steigt.»

Die Änderung geht auf einen Entscheid des Bundesrat zurück. Mark Kipfer von der Beratungsstelle für Unfallverhütung sagt, sie sei «problematisch»: «Es ist damit zu rechnen, dass die Zahl der schweren Unfälle steigt.»

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Ab nächstem Jahr ist auf Schweizer Strassen mit mehr verletzten und getöteten Jugendlichen zu rechnen. Davon geht die Versicherung Axa aus. Der Bundesrat hat vor einem Jahr entschieden, dass ab 2021 bereits 16-Jährige ein Motorrad mit einem Hubraum von 125 Kubikzentimeter (ccm) fahren dürfen.

Bisher durften unter 18-Jährige bloss Motorräder mit 50 ccm fahren. Mit dem Entscheid findet eine Angleichung an die EU statt. Axa-Sprecherin Anna Ehrensperger sagt: «Wir schätzen das Risiko eines 16-Jährigen, einen Unfall zu verursachen, höher ein als jenes von Fahrern über 18 Jahren.» Aus der Perspektive der Verkehrssicherheit sei mit mehr Jugendlichen zu rechnen, die auf der Strasse verletzt oder getötet würden.

«Überproportional hohes Risiko»

Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) rechnet mit negativen Konsequenzen. «Wir beurteilen die Herabsetzung des Mindestalters als problematisch», sagt Sprecher Marc Kipfer. Jugendliche Motorradfahrer hätten bereits heute ein überproportional hohes Risiko für schwere Verkehrsunfälle.

«Durch das tiefere Mindestalter ist damit zu rechnen, dass die Zahl der schweren Unfälle steigen wird», so Kipfer. Die BfU überlege sich im Zusammenhang mit der neuen Regelung, eine Kampagne zu starten.

Kampagne für den Töff

Eine solche planen auch die Befürworter des tieferen Mindestalters. Die Töffmesse Swiss-Moto will die neue Zielgruppe begeistern. Mit einer Bewegtbild-Kampagne in den sozialen Medien sollen die Jugendlichen auf die neuen Möglichkeiten aufmerksam gemacht werden, sagt Kommunikationsleiter Andreas Sieber.

Die Kampagne starte in der dritten Januar-Woche. Sie will auf die Unabhängigkeit und das «konkurrenzlose Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zum ÖV» aufmerksam machen. «Die Clips werden bewusst mit einer Prise Humor versehen», so Sieber. Man rechne damit, dass die Bilder über eine Million Mal gesehen würden.

Beschränkung der Leistung

Auf die kommende Ausgabe der Messe vom 20. bis 23. Februar in Zürich hin werde zudem die Plattform Swiss-Moto Youth ins Leben gerufen. Jugendliche ab 13 Jahren könnten ohne Anmeldung Einsteigermodelle von Topmarken auf einem eigens gebauten Parcours testen und ein Motorrad gewinnen. Die Plattform sorge für «Überblick im Normen-Dschungel» und zeige Jugendlichen, ob sie «ordentlich Benzin im Blut» hätten.

Dass es zu mehr Unfällen kommt, glaubt die Branche nicht. In den umliegenden Ländern dürften 16-Jährige schon seit vielen Jahren auf leistungsbeschränkte 125-ccm-Motorräder steigen, sagt Markus Lehner von der Fachstelle Motorrad und Roller. Eine solche Beschränkung auf maximal 15 PS wird auch in der Schweiz gelten.

«Voraussagen nicht möglich»

Die 125er-Töffs seien auf dem modernsten Stand der Technik und einfach zu bedienen, so Lehner. Voraussagen zu Unfallzahlen seien nicht möglich, doch: «Die wesentlich einfachere und sicherere Bedienung der moderneren 125-ccm-Maschinen im Vergleich zu bisherigen 50-ccm-Motorrädern spricht klar gegen einen übermässigen Anstieg der Unfallzahlen.» Vieles hänge davon ab, wie viele Jugendliche von der Möglichkeit Gebrauch machten.

Uneinigkeit zu den Folgen der Regeländerung herrscht bei Fahrlehrern. «Die Meinungen gehen auseinander», sagt Jürg Stalder, der beim Verband für Motorräder zuständig ist. Einige befürchteten mehr Unfälle. Er sei optimistischer. «Ich erlebe die Jugendlichen als viel vernünftiger als früher», sagt er.

Comeback der Töffs?

Im Gegensatz zu den heute erlaubten 50-ccm-Töffs böten die 125-ccm-Motorräder Sicherheitsvorteile. «Sie müssen alle ein ABS haben», sagt Stalder. «Zudem ist es mit ihnen möglich, im Verkehr mitzuhalten. Mit den 50er-Töffs bringt man es bergauf vielleicht auf 50 Kilometer pro Stunde und stellt dann ein Hindernis dar. Andererseits kann man bergab auch mit 50er-Töffs 90 Kilometer pro Stunde fahren – aber weder der Rahmen noch das Fahrwerk sind dafür ausgelegt.»

Die 125er-Töffs schnitten bezüglich Geruch und Lärmemissionen besser ab. Hinzu kämen praktische Gründe. «Auf dem Land, wo der ÖV nicht so gut ausgebaut ist, brauchen Jugendliche ein erschwingliches Fahrzeug, um zur Arbeit zu kommen.» Der Töff werde mit der neuen Regelung wieder attraktiver. «Bei den 50er-Töffs gab es in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang bei jugendlichen Fahrern. Vielleicht ändert sich das wieder.»

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