Elektro-Hype: «Es wird weiterhin Benzinmotoren brauchen»
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Elektro-Hype«Es wird weiterhin Benzinmotoren brauchen»

ETH-Forscher Gil Georges erklärt, warum trotz des Booms um Elektroautos der Verbrennungsmotor noch nicht ausgedient hat.

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pam
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Auch wenn Elektroautos eine grosse Zukunft vorausgesagt wird, rechnet ETH-Forscher Gil Georges damit, dass der Verbrennungsmotor nicht ganz verschwinden wird. «Wir wissen, dass es Autofahrer gibt, die fast 1000 Kilometer pro Tag zurücklegen - und dann gibt es natürlich noch den Schwerverkehr.» In diesem Bereich gebe es noch nicht genügend Ladestationen für Elektrofahrzeuge, und es wäre sehr teuer, Batterien zu entwickeln, die eine solche Reichweite garantieren.

Auch wenn Elektroautos eine grosse Zukunft vorausgesagt wird, rechnet ETH-Forscher Gil Georges damit, dass der Verbrennungsmotor nicht ganz verschwinden wird. «Wir wissen, dass es Autofahrer gibt, die fast 1000 Kilometer pro Tag zurücklegen - und dann gibt es natürlich noch den Schwerverkehr.» In diesem Bereich gebe es noch nicht genügend Ladestationen für Elektrofahrzeuge, und es wäre sehr teuer, Batterien zu entwickeln, die eine solche Reichweite garantieren.

Keystone/Christian Beutler
Warum sich Elektroautos noch nicht durchgesetzt habe? Aus Sicht des Ingenieurs sind Benzin oder Diesel wunderbare Treibstoffe, denn nur in einem Liter davon steckt sehr viel Energie. Eine Batterie kann hier nicht mithalten», sagt Georges.

Warum sich Elektroautos noch nicht durchgesetzt habe? Aus Sicht des Ingenieurs sind Benzin oder Diesel wunderbare Treibstoffe, denn nur in einem Liter davon steckt sehr viel Energie. Eine Batterie kann hier nicht mithalten», sagt Georges.

Tesla / Handout
Der ETH-Forscher betont, dass in Zukunft nicht eine dominierende Technologie geben wird, sondern ein Mix aus verschiedenen Lösungen, zu denen auch selbstfahrende Fahrzeuge gehören werden. In Sion beispielsweise sind bereits autonome Shuttlebusse als Testfahrzeuge in Betrieb.

Der ETH-Forscher betont, dass in Zukunft nicht eine dominierende Technologie geben wird, sondern ein Mix aus verschiedenen Lösungen, zu denen auch selbstfahrende Fahrzeuge gehören werden. In Sion beispielsweise sind bereits autonome Shuttlebusse als Testfahrzeuge in Betrieb.

Keystone/Manuel Lopez

Herr Georges, was sehen Sie, wenn Sie von Ihrem Büro aus auf die Strasse schauen?

Natürlich dominieren noch mehrheitlich konventionelle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, aber vor allem auf den Zürcher Strassen sehe ich regelmässig Elektroautos.

Woran liegt das?

Das hat zum einen damit zu tun, dass man sich das hierzulande leisten kann. Andererseits liegt der Erfolg aber auch am riesigen Imagewandel, den die Technologie durchgemacht hat: weg vom Ingenieur-Bausatz für Kinder hin zum massentauglichen Produkt. Das muss man Herstellern wie Tesla zugutehalten: Wer sein Privatvermögen wie Tesla-Gründer Elon Musk in die Firma steckt, hat Mut. Besonders, weil ein Auto ein sehr komplexes Produkt mit Tausenden von Funktionen und Teilen ist. Das stampft man nicht von heute auf morgen aus dem Boden.

Sehen wir bald nur noch Elektroautos auf den Strassen?

So schnell wird das nicht gehen. Autos mit Elektroantrieb machen ja immer noch einen kleinen Anteil aus. Jedes Jahr kommen zwar immer mehr dazu, aber die Erneuerungsrate des gesamten Automobilbestandes ist tief. Die Revolution hin zur «sauberen» Mobilität wird also nicht über Nacht kommen. Ohnehin wird es nicht eine einzige Supertechnologie geben. Es gibt auch bei den Elektroautos noch einige Probleme zu lösen. Die Mobilität der Zukunft wird eine Mischung aus verschiedenen Lösungen sein, dazu gehören zum Beispiel auch Hybride, Gas- und Wasserstofffahrzeuge oder auch selbstfahrende Autos.

Was bedeuten selbstfahrende Autos für den Energieverbrauch?

Das kann in beide Richtungen gehen. Einerseits könnten durch die Vernetzung autonomer Fahrzeuge die Leerfahrten minimiert und so die Effizienz stark gesteigert werden. Andererseits kann die Technologie den Besitzer eines selbstfahrenden Autos auch dazu verleiten, sein Fahrzeug massiv mehr Kilometer fahren zu lassen. Was aus Konsumentensicht enorm praktisch erscheint, etwa schnell das Fahrzeug zur Post zu schicken, um ein Paket abzuholen, könnte auch nach hinten losgehen und unnötige Fahrten provozieren.

Zurück zur konventionellen Technologie: Hat der Verbrennungsmotor überhaupt noch eine Zukunft?

Bei den Personenwagen, die etwa im städtischen Verkehr nur kurze Strecken zurücklegen, könnte der Verbrennungsmotor verschwinden. Anders sieht es bei Fahrzeugen aus, die grosse Distanzen bewältigen müssen. Wir wissen, dass es Autofahrer gibt, die fast 1000 Kilometer pro Tag zurücklegen – und dann gibt es natürlich noch den Schwerverkehr. In diesem Bereich fehlen noch genügend Ladestationen für Elektrofahrzeuge, und es wäre sehr teuer, Batterien zu entwickeln, die eine solche Reichweite garantieren. Dort wird es weiterhin Verbrennungsmotoren brauchen.

Während jedoch beim Verbrennungsmotor bis zu zwei Drittel der Energie als Wärme verpufft, nutzt ein Elektromotor die Energie bis zu 95 Prozent aus. Warum dominiert eine ineffiziente Technologie die Mobilität?

Ineffizient würde ich nicht sagen. Das Problem liegt darin, dass heute selbst für den Stadtverkehr ein schweres Auto mit viel Leistung gefragt ist. Ein solches Auto wäre auf der Autobahn bei konstanter Geschwindigkeit effizienter, nicht aber im Stadtverkehr. Im Gegensatz dazu kann ein Elektroauto die Energie sehr gut nutzen, es entstehen nur sehr geringe Verluste. Warum sich Elektroautos noch nicht durchgesetzt haben: Aus Sicht des Ingenieurs sind Benzin oder Diesel wunderbare Treibstoffe, denn nur in einem Liter davon steckt sehr viel Energie. Eine Batterie kann hier nicht mithalten. Zudem ist es falsch zu meinen, Effizienz sei der Haupttreiber dafür, dass sich die Industrie bewegt.

Warum?

Wer ein Auto kauft, will eine gewisse Leistung, ein schönes Design oder das Prestige, das mit der Marke verbunden ist. Die Frage nach der Effizienz stellt sich für die meisten Konsumenten erst später. Aber ich denke, da findet langsam ein Umdenken statt.

Die ersten Automobile waren Elektroautos

«Die ersten Autos mit Verbrennungsmotoren waren extrem unzuverlässig. Ständig war eines der unzähligen Teile defekt. Ein Elektroauto war da praktischer, es bestand eigentlich aus einer riesigen Batterie auf Rädern», erklärt Gil Georges. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts baute etwa Porsche-Gründer Ferdinand Porsche ein erstes Elektroauto, das er an der Weltausstellung 1900 in Paris vorstellte. Die Batterie war 410 Kilogramm schwer, mit einer Ladung kam das Gefährt 50 Kilometer weit. «Dass wir jetzt wieder zu dieser Technologie zurückkehren, hängt damit zusammen, dass sich die Akkuleistungen seither massiv verbessert haben», sagt Georges. Heutige Elektroautos verfügen über eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern.

Bild: Wikimedia

Zur Person

Gil Georges leitet die Gruppe Energiesysteme am Labor für Aerothermochemie und Verbrennungssysteme am Institut für Energietechnik an der ETH Zürich. Zu seinem Forschungsschwerpunkt gehört die Frage, wie sich der Schweizer Mobilitätssektor dekarbonisieren lässt und wie die dafür notwendige Energie bereitgestellt wird.

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