Stichwahl: Essebsi wird neuer Präsident Tunesiens
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StichwahlEssebsi wird neuer Präsident Tunesiens

Der 88-jährige Politikveteran Béji Caïd Essebsi hat das Rennen um Tunesiens Präsidentschaft gewonnen. Kritiker befürchten eine Rückkehr zur Ein-Parteien-Herrschaft.

Béji Caïd Essebsi wird neuer Präsident Tunesiens.

Béji Caïd Essebsi wird neuer Präsident Tunesiens.

Die weltliche Partei Nida Tunis hat nicht mehr nur das Sagen im Parlament, sondern stellt nun auch den tunesischen Präsidenten. Béji Caïd Essebsi ist ins Amt gewählt worden. Wie die Wahlkommission am Montag mitteilte, bekam der Ex-Minister bei der Stichwahl am Sonntag 55,68 Prozent der Stimmen. Sein Kontrahent, der bisherige Übergangsstaatschef Moncef Marzouki, sei auf 44,32 Prozent gekommen.

Kritiker sehen eine zu grosse Machtfülle in Essebsis Partei vereint – und das sowohl in der Exekutive als auch in der Legislative –, nachdem sie im Oktober bereits die Parlamentswahl für sich entschieden hatte.

Bereits vor Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses am Montag hatten inoffizielle Prognosen Essebsi als Sieger der Wahl gesehen. Die Wahlbeteiligung lag bei 60 Prozent und damit niedriger als bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen Ende November und der Parlamentswahl im Oktober. Die Stimmabgabe verlief den Angaben zufolge weitgehend fair.

Wunsch nach Stabilität und Normalität

Der Urnengang gilt als Abschluss der Demokratisierung Tunesiens nach der Absetzung des langjährigen Herrschers Zine el-Abidine Ben Ali 2011. Die Tunesier scheinen sich nach den revolutionären Unruhen der vergangenen Jahre eine Rückkehr zu Stabilität und Normalität zu wünschen.

Essebsi versprach, das Ansehen des Staats wiederherzustellen. Die immer noch einflussreichen moderaten Islamisten im Land gelten aber als Unterstützer von Marzouki.

Alter stösst auf Kritik

«Wir wollen einen Staat des 21. Jahrhunderts, einen Staat des Fortschritts. Was uns von diesen Leute trennt, sind 14 Jahrhunderte», sagt Essebsi gern mit Blick auf die Islamisten. Zugleich flicht er selbst gerne Koranzitate und alte Sprichwörter in seine Reden ein, um zu zeigen, dass der Islam nicht allein den Islamisten gehört.

Eine öffentliche Debatte mit seinem Rivalen Moncef Marzouki lehnte er ab, da Marzouki ein «Extremist» und Verbündeter der Islamisten sei.

In einem Land, in dem die Bevölkerung überwiegend jung ist, stösst das hohe Alter Essebsis auf Kritik. Auch die Protestbewegung von 2011 war vorwiegend von der Jugend getragen. Essebsi, der am 29. November 88 Jahre alt wurde, entgegnet jedoch auf solche Kritik, Jugend sei «kein Zustand, sondern eine Geisteshaltung». Der Vater von vier Kindern wies zudem auf seinen guten Gesundheitszustand hin, lehnte es aber ab, ein ärztliches Zeugnis vorzulegen.

Gewalt vor Stichwahl

Tunesien ist das einzige Land des Arabischen Frühlings, dessen Revolution zu einem einigermassen geregelten Übergang zur Demokratie geführt hat. Der Vorabend der Stichwahl war allerdings von Gewalt überschattet. In der Nähe der Stadt Kairouan wurde ein Soldat bei einem Angriff von einem Schuss verletzt. Die Gewalttäter kehrten am Sonntagmorgen zurück und versuchten, ein Wahllokal anzugreifen. Die Armee tötete einen von ihnen und nahm drei fest.

Extremisten hatten in einem am Mittwoch veröffentlichten Video zum Wahlboykott aufgerufen und Attacken auf Sicherheitskräfte angekündigt. Nach offiziellen Angaben sicherten rund 100'000 Polizisten und Soldaten die Wahllokale. (sda)

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