Anti-Kreationismus: Etappensieg für das Spaghettimonster
Aktualisiert

Anti-KreationismusEtappensieg für das Spaghettimonster

Lukas Novy ist Pastafari. Kürzlich haben ihm die tschechischen Behörden erlaubt, auf seinem Ausweis-Foto ein Sieb auf dem Kopf zu tragen – wie es sein Glaube verlangt. Was will diese Religionsparodie?

von
Daniel Huber

Fotos für offizielle Dokumente müssen klare Kriterien erfüllen, das weiss jeder, der schon mal einen Pass oder eine Identitätskarte beantragt hat. Kopfbedeckungen sind auf Schweizer Passfotos nicht erlaubt; Ausnahmen sind nur «aus nachgewiesenen medizinischen oder religiösen Gründen gestattet».

Genau so lauten auch die Vorschriften in der Tschechischen Republik, wie Pavel Zara, der Sprecher des Brünner Bürgermeisteramtes, laut tschechischen Medienberichten erklärt. Zu seinen Ausführungen sah sich Zara genötigt, weil der IT-Spezialist Lukas Novy aus Brünn sich ebendiese Ausnahmeregelung zunutze gemacht hat. Sein Glaube verpflichte ihn dazu, stets ein Nudelsieb auf dem Kopf zu tragen, behauptete Novy, Mitglied der Piratenpartei und überzeugter Pastafari. So nennen sich die Anhänger der «Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters» (engl. «Flying Spaghetti Monster», FSM).

Nudelsieb auf dem Führerschein

Novy hat sich mit seinem Ansinnen durchgesetzt – die Behörden in Brünn folgten seiner Argumentation und akzeptieren nun Nudelsiebe als religiöse Kopfbedeckung. Bereits vor zwei Jahren machte ein ähnlicher Fall in Österreich Schlagzeilen: Dort setzte der Atheist und Mitbegründer des «Volksbegehrens gegen Kirchen-Privilegien» Niko Alm durch, dass er auf dem Foto seines Führerscheins ein Nudelsieb tragen durfte. Allerdings präzisierten die österreichischen Behörden, das Foto sei gar nicht aus religiösen Gründen genehmigt worden. Einziges Kriterium für Führerschein-Fotos sei, dass «das ganze Gesicht erkennbar sein» müsse.

Nudel-Religion gegen Kreationisten

Was ist das für eine «Religion», deren Anhänger religiöse Ausnahmeregelungen so medienwirksam ad absurdum führen? Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters wurde 2005 vom amerikanischen Physiker Bobby Henderson ins Leben gerufen. Einzige Gottheit ist das Fliegende Spaghettimonster, das so heisst, weil es einer grossen Portion Spaghetti mit Fleischbällchen ähnelt. Das Spaghettimonster schuf das Universum, nachdem es sehr viel getrunken hatte – darum kam die Erde mangelhaft heraus. Alleiniges Dogma der nudligen Religion ist die Ablehnung von Dogmen; Feiertag ist der Freitag und Piraten gelten als auserwähltes Volk. Gläubige Pastafaris beschliessen ihre Gebete mit dem Wort «Ramen» (eine japanische Nudelart). Nach ihrem Ableben erwartet sie ein Bier-Vulkan sowie eine Stripperinnen- und Stripper-Fabrik.

Henderson gründete seine Nudelreligion nicht aus lauter Jux. Anlass war – vor dem Hintergrund des Vormarschs von Kreationisten vornehmlich christlicher Provenienz in den USA – der Versuch der Schulbehörde im US-Staat Kansas, in den Naturkundefächern den Unterricht von Intelligent Design (siehe Box) gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie vorzuschreiben. Henderson verlangte darauf in einem offenen Brief an die Schulbehörde, auch die Glaubenslehre vom Spaghettimonster müsse wie das Intelligent Design im Unterricht vermittelt werden. Ohne Erfolg – die von konservativen Repulikanern beherrschte Schulbehörde setzte Intelligent Design als Unterrichtsstoff durch. Erst 2007 hob die neugewählte Schulbehörde den umstrittenen Entscheid wieder auf.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Hendersons Religionsparodie als Internetphänomen schon längst etabliert. Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters zählt mittlerweile nach eigenem Bekunden «mehr als zehn Millionen Gläubige bei steigender Tendenz» und hat Ableger in mehreren Ländern, auch in der Schweiz. Gut möglich, dass man in Zukunft öfter Leuten begegnen wird, die ein Nudelsieb auf dem Kopf tragen.

«Flying Spaghetti Monster» (engl.) (Quelle: Youtube/Noam Raby)

Kreationismus

(von lat. creare «erschaffen») lehnt die Evolutionstheorie ab und geht davon aus, dass sowohl das Leben wie das Universum als Ganzes durch einen Schöpfergott geschaffen wurden. Der im 19. Jahrhundert in Teilen des Protestantismus entstandene Kreationismus wird heute von fundamentalistischen und evangelikalen Richtungen des Christentums vertreten. Seit einigen Jahren gibt es auch kreationistische Strömungen im Islam und im Judentum.

Kreationisten kämpfen für die gleichberechtigte Darstellung von Evolutionstheorie und Schöpfungslehre als Erklärung für den Ursprung des Lebens im Biologieunterricht.

Eine spezielle Form des Kreationismus ist das sogenannte «Intelligent Design», das davon ausgeht, dass Leben und Universum durch eine intelligente Ursache entstanden sind — ohne dass diese Ursache in einer Gottesfigur personifiziert wird. Intelligent Design ist der Versuch, dem Kreationismus durch die Ausblendung des Gottesbegriffs einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

(Wikipedia)

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