Zürich: «Ethisch verwerflich» – Schüler soll Maturaarbeit von Bot schreiben lassen

Publiziert

Zürich«Ethisch verwerflich» – Schüler soll Maturaarbeit von Bot schreiben lassen

Eine Schweizer Stiftung sucht nach Schülerinnen und Schülern, die ihre Maturitätsarbeit von einem Algorithmus schreiben lassen wollen. Gymnasiallehrpersonen üben heftige Kritik.

von
Daniel Krähenbühl
1 / 5
In Zürich hängen am Montag in verschiedenen Gymnasien diese Flyer.

In Zürich hängen am Montag in verschiedenen Gymnasien diese Flyer.

Privat
Die Schulwandel Stiftung sucht damit eine Person, die ihre Maturitätsarbeit von einem Algorithmus schreiben lassen will.  

Die Schulwandel Stiftung sucht damit eine Person, die ihre Maturitätsarbeit von einem Algorithmus schreiben lassen will.  

Privat
«Beim GPT-3 Algorithmus handelt es sich um ein Sprachverarbeitungsmodell der Non-Profit-Organisation OpenAI», sagt Nils Landolt, Primarschullehrer und Gründer der Schulwandel Stiftung. «Dieses kann sich Wissen eigenständig vom Internet aneignen und kann durch Deep-Learning Texte erstellen, zusammenfassen oder übersetzen.»

«Beim GPT-3 Algorithmus handelt es sich um ein Sprachverarbeitungsmodell der Non-Profit-Organisation OpenAI», sagt Nils Landolt, Primarschullehrer und Gründer der Schulwandel Stiftung. «Dieses kann sich Wissen eigenständig vom Internet aneignen und kann durch Deep-Learning Texte erstellen, zusammenfassen oder übersetzen.»

Privat

Darum gehts

«Wenig bis keine Zeit in deine Maturaarbeit investieren?»: Mit einem Flyer, der am Montag in Zürcher Gymnasien verteilt wurde, buhlt die Schweizer Schulwandel Stiftung um Aufmerksamkeit. Gesucht wird eine «mutige» Gymischülerin oder ein «mutiger» Gymischüler, der die Maturaarbeit von einem Algorithmus schreiben lassen möchte. «Das Ganze soll anonym passieren und dann retrospektiv aufgelöst werden», schreibt die Stiftung dazu.

Hinter der Aktion steckt Nils Landolt, Primarschullehrer und Gründer der Schulwandel Stiftung. Das Prozedere erklärt er wie folgt: «Beim GPT-3 Algorithmus handelt es sich um ein Sprachverarbeitungsmodell der Non-Profit-Organisation OpenAI. Dieses kann sich Wissen eigenständig vom Internet aneignen und kann durch Deep-Learning Texte erstellen, zusammenfassen oder übersetzen.» Bis in rund einem halben Jahr möchte er mit der Schülerin oder dem Schüler den Algorithmus auf die erste «Lernreise» schicken. «Die Maturaarbeit wird der Algorithmus dann von uns begleitet zu Papier bringen.»

Und nach welchen Kriterien wird die Schülerin oder der Schüler ausgewählt? «Ich muss die Begeisterung für das Thema spüren und merken, dass die Person nicht von klassischer Faulheit angetrieben ist», sagt Landolt. Das Ziel der Fake-Maturaarbeit: «Wir wollen die Lehrperson überlisten, die die Maturitätsarbeit prüft, und so darauf aufmerksam machen, dass Algorithmen die heute bestehenden Systeme in ihren Grundfesten erschüttern werden.» Der Stunt soll dazu dienen, die bestehenden Strukturen zu hinterfragen und zu ergründen, welche Rolle Algorithmen in der Zukunft einnehmen könnten.

«Man sollte keine Schüler zur Unehrlichkeit zwingen»

In den Gymnasien sei man sich den Möglichkeiten von solchen Algorithmen durchaus bewusst, sagt Lucius Hartmann, Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und -lehrer (VSG). «Bei der Maturitätsarbeit gibt es schon heute bestimmte Risiken – etwa Plagiate oder Ghostwriter – welche die Schulen durch verschiedene Massnahmen zu reduzieren versuchen.» Dazu gehöre etwa auch eine enge Betreuung und Begleitung der Schülerin oder des Schülers durch eine Lehrperson. «In der mündlichen Präsentation lässt sich zudem in der Regel ziemlich gut erkennen, ob das Thema der Arbeit wirklich verstanden wurde.»

Insofern finde er das Vorhaben, eine Arbeit durch einen Bot schreiben zu lassen, durchaus sinnvoll, sagt Hartmann. «Allerdings würde ich dafür ein ganz anderes Setting wählen. Man sollte keine Schülerin und keinen Schüler zur Unehrlichkeit zwingen und damit riskieren, dass sie die Matura nicht bestehen.» Er empfehle der Stiftung, Lehrpersonen zu suchen, die bereit wäre, mehrere Arbeiten zu bewerten, von denen eine, mehrere oder auch keine durch einen Bot verfasst wurden.

Programme sorgen für neue Herausforderungen

«Das Vorhaben ist technisch naheliegend und interessant, ethisch aber verwerflich», sagt Markus Huber, Präsident der Lehrpersonenkonferenz der Mittelschulen des Kantons Zürich (LKM). «Deswegen müssen die Schülerinnen und Schüler sich auch gut überlegen, ob sie dieses Spiel, das einen Straftatbestand erfüllt, mitspielen wollen.» Die Person, die sich zu einem solchen Versuch hinreissen lässt, verfehle das zentrale Lernziel der Maturitätsarbeit: «Nämlich eine Arbeit selbst zu konzipieren, zu verfassen und am Ende an einer mündlichen Präsentation auch zu verteidigen.»

In der LKM nehme man das aufgeworfene Problem aber sehr ernst, sagt Huber. Es sei sogar noch weit grösser, als von der Stiftung unmittelbar aufgezeigt. «Programme wie ‹Photomath› oder ‹Deepl Translate› grüssen aus dem digitalen Hintergrund. Dessen sind wir uns bewusst und darauf müssen wir eine wirklich gute Antwort finden.» Eine blosse Verhinderungstaktik über Verbote sei nicht zielführend. Das nationale Reformprojekt «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität» widme sich aber genau der Frage, was Schülerinnen und Schüler an einem Gymnasium heute wirklich lernen und später auch tatsächlich können müssten. «Und das ist gut so, denn die Stiftungsaktion zeigt auf, dass sich momentan gerade etwas dramatisch verschiebt.» 

Deine Meinung

77 Kommentare