Global Drug Survey: «Etwa jeder 10. Konsument hat ein Drogenproblem»
Aktualisiert

Global Drug Survey«Etwa jeder 10. Konsument hat ein Drogenproblem»

Larissa Maier erforscht den Umgang der Schweizer mit Drogen. Sie erklärt, warum der Kokainkonsum wieder ansteigt – und wo die Schweiz im internationalen Vergleich steht.

von
M. Lüssi
1 / 6
Über 8000 Schweizerinnnen und Schweizer haben an der internationalen Online-Umfrage Global Drug Survey 2016 teilgenommen. Im letzten Jahr zeigte die Umfrage noch einen Rückgang des Konsums bei Alkohol, Tabak, Kokain und Ecstasy.

Über 8000 Schweizerinnnen und Schweizer haben an der internationalen Online-Umfrage Global Drug Survey 2016 teilgenommen. Im letzten Jahr zeigte die Umfrage noch einen Rückgang des Konsums bei Alkohol, Tabak, Kokain und Ecstasy.

89 Prozent gaben an, in den vergangenen 12 Monaten Alkohol getrunken zu haben. 2015 waren es nur 87 Prozent gewesen.

89 Prozent gaben an, in den vergangenen 12 Monaten Alkohol getrunken zu haben. 2015 waren es nur 87 Prozent gewesen.

urs Flueeler
Einen Anstieg gabs auch beim Tabakkonsum: Zur Zigarette griffen gemäss dem Global Drug Survey 2016 in der Schweiz 59 Prozent, im Vorjahr waren es 57 Prozent gewesen.

Einen Anstieg gabs auch beim Tabakkonsum: Zur Zigarette griffen gemäss dem Global Drug Survey 2016 in der Schweiz 59 Prozent, im Vorjahr waren es 57 Prozent gewesen.

Martin Ruetschi

Frau Maier, Sie haben die Angaben der 8000 Schweizer Teilnehmer beim Global Drug Survey (GDS) 2016 ausgewertet. Bei den meisten Substanzen sind die Werte im Vergleich zum Vorjahr nach oben geschnellt. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Larissa Maier: Erfreulicherweise steigt die Zahl der Schweizer Umfrageteilnehmer von Jahr zu Jahr. Da lediglich ein Achtel der Befragten schon eine der früheren Umfragen ausgefüllt hat und viele Personen zum ersten Mal teilnehmen, ist der Vergleich der Daten mit denjenigen aus dem Vorjahr nur bedingt zulässig. Ich würde eher dazu tendieren, dass der Drogenkonsum relativ stabil geblieben ist.

Besonders auffällig ist der Anstieg beim Kokain. Gemäss dem GDS 2015 hatten 9 Prozent der Befragten diese Substanz im Jahr vor der Befragung konsumiert, jetzt sind es über 12 Prozent.

Diese Ergebnisse könnten tatsächlich auf eine Zunahme hindeuten. Der Kokainkonsum im Nachtleben gilt jedoch als unverändert. Die Daten liefern verschiedene Indizien für die Hypothese, dass der Kokainkonsum vermehrt auch im Alltag zu Hause oder am Arbeitsplatz stattfindet.

Welche Indizien sind dies?

Das erkennt man beispielsweise daran, dass verglichen mit dem Vorjahr weniger Befragte angaben, Kokain in Kombination mit Alkohol zu konsumieren – was im Nachtleben weit verbreitet und aufgrund des Abbauprodukts Cocaethylen besonders schädlich ist. Zudem gab ein höherer Anteil der Kokainkonsumenten an, im vergangenen Jahr 50-mal oder häufiger Kokain konsumiert zu haben. Diese Anzahl würde den gelegentlichen Konsum an Partys überschreiten. Ausserdem haben kürzlich durchgeführte Abwasseranalysen in Schweizer Städten gezeigt, dass die Spuren von Kokain am Wochenende nicht erheblich von den Werten unter der Woche abweichen – auch das deutet darauf hin, dass der Konsum im Alltag vorkommt.

Alltag ist für viele auch das Kiffen. Der Anteil derer, die es täglich tun, ist grösser als jener der Personen, die täglich trinken. Ist Cannabis der neue Alkohol?

Man kann durchaus sagen, dass Cannabis den Alkohol als Substanz zum Stressabbau teilweise abgelöst hat. Interessant ist hier die Altersverteilung. Sowohl für Alkohol als auch für Cannabis wird der tägliche Konsum am häufigsten von den über 40-jährigen Umfrageteilnehmern berichtet, was darauf schliessen lässt, dass diese Personen den Substanzkonsum als effektive Stressbewältigungsstrategie erleben.

Und wie sieht es bei den jungen Konsumenten aus?

Täglicher Alkoholkonsum ist nur bei zwei Prozent der unter 21-Jährigen, die Alkohol trinken, zu beobachten. Anders beim Cannabis: Bei den Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren, die Cannabis konsumieren, liegt der Anteil der täglichen Kiffer bereits bei 26 Prozent. Dieser regelmässige Konsum während der Ausbildung oder dem Übergang ins Berufsleben kann sich negativ auf die kognitiven Fähigkeiten oder das Sozialverhalten auswirken und folglich Probleme verursachen.

Müsste man hier die Prävention verstärken?

Bei jeder Substanz gibt etwa ein Drittel der Befragten an, dass sie den Konsum in den nächsten 12 Monaten gern reduzieren möchten, so auch beim Cannabis. Besonders gross ist der Wunsch nach Reduktion bei Personen, die regelmässig Kokain konsumieren, deutlich kleiner bei Personen, die gelegentlich MDMA (Ecstasy) konsumieren. Es wäre sicherlich sinnvoll, vermehrt zielgruppenspezifische Angebote zu schaffen, die die Konsumenten mit Absicht der Verhaltensänderung unterstützen. Niederschwellige Hilfe für Kokainkonsumenten bietet etwa das Online-Selbsthilfetool Snowcontrol.ch. Auch Cannabiskonsumenten finden auf Canreduce.ch Unterstützung bei der Erreichung von selbstgesetzten Konsumzielen.

Und was fehlt noch?

Während sich diese Angebote an volljährige Konsumenten richten, besteht bei der Prävention für Jugendliche mit problematischem Substanzkonsum noch Verbesserungsbedarf. Die geplanten Pilotprojekte zur regulierten Abgabe von Cannabis – auch an Jugendliche – könnten ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

Wenn man die Resultate des GDS ansieht: Wie viele Prozent der Befragten haben, objektiv betrachtet, ein Drogenproblem?

Das ist eine schwierige Schätzung, da wir den problematischen Konsum nicht systematisch für jede Substanz erhoben haben. Bei Betrachtung der Gesamtstichprobe verweisen 10 Prozent der Befragten darauf, dass sie den Konsum von mindestens einer psychoaktiven Substanz in den nächsten 12 Monaten reduzieren möchten, was einen problematischen Konsum vermuten lässt. Generell muss man aber sagen, dass die 8000 Schweizerinnen und Schweizer, die am GDS 2016 teilgenommen haben, im internationalen Vergleich mit Teilnehmern aus anderen Ländern einen relativ vernünftigen Umgang mit psychoaktiven Substanzen haben.

Gibt es dennoch Punkte, in denen die Schweizer im Vergleich mit anderen Ländern hervorstechen?

Ja, beim Cannabis. Die Schweiz hat den grössten Anteil an Jugendlichen mit Cannabiserfahrung und verglichen mit Nachbarländern wie Deutschland ist der tägliche Konsum von Cannabis weiter verbreitet. Zudem wird Cannabis in keinem anderen Land so häufig mit Tabak gemischt, was zeigt, dass die weniger schädliche Konsumform mittels Vaporizer noch nicht in der Schweiz angekommen ist.

Larissa Maier ist die Schweizer Koordinatorin für den Global Drug Survey. Sie arbeitet am Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung in Zürich.

Deine Meinung