Aktualisiert 07.12.2010 05:29

Weise wirtschaften

«Etwas Verzicht - und vor allem Mässigung»

Bei der Klimaschutzkonferenz in Cancún reden alle von Nachhaltigkeit. Im Interview erklärt Anlage-Expertin Antoinette Hunziker-Ebneter, wie man sein Geld nachhaltig investiert.

von
Werner Grundlehner
«Nachhaltigkeit ist nicht Fundamentalismus» - Antoinette Hunziker-Ebneter über zukunftsorientiertes Handeln.

«Nachhaltigkeit ist nicht Fundamentalismus» - Antoinette Hunziker-Ebneter über zukunftsorientiertes Handeln.

Ihr Unternehmen hilft Investoren Geld in Unternehmen anzulegen, die ökologisch und solidarisch wirtschaften. Gehe ich Recht in der Annahme, dass Sie kein Auto fahren, im Bio-Laden einkaufen und die Ferien in der Schweiz verbringen?

Antoinette Hunziker: Ich besitze ein GA und mache jeweils einen Wocheneinkauf in meinem Wohnort Kilchberg, wo es auch einen Verkaufsstand des örtlichen Bauern gibt. In den vergangenen zwölf Monaten habe ich meine Ferien in der Schweiz verbracht, ausser einer Woche am Atlantik.

Bedeutet Nachhaltigkeit Verzicht, oder was heisst das viel gebrauchte Wort überhaupt?

Etwas Verzicht, aber vor allem Mässigung. Würden wir uns etwas mässigen, würden wir uns auch vieles ersparen. Ein Beispiel: Was gibt uns ein besseres Erholungsgefühl, der Spaziergang durch einen Schweizer Wald oder das Chaos in der Schlange vor dem Economy-Class-Schalter am Flughafen? Nachhaltigkeit ist aber nicht Fundamentalismus.

Politiker und Wirtschaft schauen vor allem auf die nächsten Jahre oder das nächste Quartalsergebnis. Ist da Nachhaltigkeit ein Pflästerchen, das unser Gewissen beruhigen soll?

In der industrialisierten Welt sind wir überzeugt, bessere Lebensbedingungen als unsere Grosseltern zu haben, aber auch, dass unsere Enkel wieder schlechtere Bedingungen vorfinden werden. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Lebensqualität nicht markant schlechter wird. Dafür braucht es verantwortungsbewusste Unternehmensführer und Politiker. Mittlerweile hat sich bereits die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich die CO2-Reduktion auszahlt und selbst die US-Autoindustrie setzt auf Elektroautos.

Viele grüne Technologien sind aber nur mit Subvention wettbewerbsfähig.

Das stimmt in der jetzigen Phase teilweise. Nicht vergessen darf man, dass auch Kernenergie, Erdöl oder systemrelevante Banken subventioniert werden.

Mittlerweile ist so ziemlich jedes Produkt nachhaltig, von der Kaffeemaschine bis zum Anlagefonds. Haben wir uns einen Nachhaltigkeitssalat mit vielen Missbräuchen eingehandelt?

Fakes gibt es überall – auch bei Sachertorte und Swatch. Die Veränderung geht aber über den Konsumenten. Auf dessen Druck haben die Grossverteiler bisher 20 Prozent ihres Angebots umgestellt. Wir müssen Fragen stellen und unseren gesunden Menschenverstand einsetzen. Ratsuchende sollen sich an Fachpersonen wenden, die Vertrauen geniessen.

Zahlt sich nachhaltiges Wirtschaften auch finanziell aus, oder müssen wir uns mit dem guten Gewissen begnügen?

Risikoadjustiert verdient man langfristig gleich gut. Ich wollte keine Firma gründen, bei der die Anlagen der Kunden langfristig eine tiefere Rendite einbringen würden. Kurzfristige Schwankungen, ausgelöst z.B. durch die Lehman-Pleite betreffen alle Segmente gleich. Mittlerweile ist es so, dass nachhaltige Firmen am Kapitalmarkt oft günstiger zu Geld kommen, weil ihre Umwelt- und sozialen Risiken geringer sind. Auf der anderen Seite erfordert die Analyse nachhaltiger Firmen mehr Aufwand. Man benötigt nicht nur Betriebswirtschaftler, sondern auch Ingenieure, Biologen und Philosophen.

Was wächst schneller: Nachhaltige Anlagemöglichkeiten oder Gelder, die nachhaltig angelegt werden möchten?

Das Eine bedingt das Andere. Für Unternehmen bietet ein nachhaltiges Vorgehen auch den Vorteil, dass man weniger Angriffsfläche bietet. Anleger wollen vermehrt verantwortungsbewusst investieren. Forma Futura investiert in ein Firmenuniversum mit 180 Gesellschaften. In der Schweiz und im europäischen Umland wächst das Segment im zweistelligen Bereich. Aber auch in Schwellenländer gewinnt Nachhaltigkeit an Gewicht.

Sie haben einst bei Goldman Sachs gearbeitet – nicht unbedingt ein Unternehmen, das für Nachhaltigkeit steht. Wie hat das ihren Werdegang beeinflusst?

Ich habe während meines Studiums teilzeit bei Goldman gearbeitet und viel mitbekommen über Finanzmärkte und Derivate. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass die Mentalität nicht meinen Werten entspricht. Ich war die Erste, die das Angebot einer Festanstellung von Goldmann abgelehnt hat.

Später waren Sie als CEO die treibende Kraft hinter der paneuropäischen Börse Virt-x, diese scheiterte an juristischem Gezänk und am fehlenden Handelsvolumen? War das eine grosse Enttäuschung?

Es war enttäuschend festzustellen, dass diese Banker ihre Arbeitsweise nur ändern, wenn sie mehr verdienen. Die Virt-x-Lösung war technisch überlegen und hätte den Kunden Vorteile gebracht. Die Reaktion war aber jeweils: Wieso soll ich das empfehlen, wenn ich nicht mehr erhalte. Solches Verhalten hat mich veranlasst, in unserer Firma keine Boni zu zahlen.

Was muss ein Unternehmen erfüllen, damit Forma Futura Geld investiert?

Wichtig ist für uns, wie eine Firma gemanagt wird. Daneben schauen wir auf zahlreiche Faktoren wie die Produkte, Ressourcenverbrauch, Emissionen, Innovationsfähigkeit und Entlöhnung. Ein Kriterium ist beispielsweise auch, was Firmen zur Lebensqualität in Schwellenländern beitragen. Denn ein globales Problem ist die Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte. Wichtig ist nach wie vor die klassische Finanzanalyse zur Messung der finanziellen Nachhaltigkeit.

Welches ist der erste Schritt den ich machen kann, wenn ich nachhaltiger Leben will?

In erster Linie dürfen wir den Aufwand nicht scheuen, den es braucht, um ein nachhaltiger Investor oder Konsument zu werden. Denn man muss beispielsweise Fragen stellen an die eigene PK, wie sie investiert ist, oder an den Fondsmanager, was die wichtigsten Positionen im Anlagevehikel sind.

Die «Börsenexpertin»

Antoinette Hunziker-Ebneter war 2006 Mitbegründerin der Vermögensverwaltung Forma Futura Invest AG in Zürich. Bekannt wurde Hunziker als «Aushängeschild» der Schweizer Börse SWX und des europäischen Börsenprojekts Virt-x. Das «Wall Street Journal» zählte sie damals zu den einflussreichsten Frauen Europas. Hunziker studierte in St. Gallen und arbeitete bei verschiedenen Banken. 2002 wechselte sie zur Bank Julius Bär in die Konzernleitung. Sie ist verheiratet und hat einen Sohn. Forma Futura fokussiert sich auf Investitionen die eine «nachhaltige Lebensqualität» fördern.

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