Europa-Skepsis: «EU-Befürworter waren zu lange still»
Aktualisiert

Europa-Skepsis«EU-Befürworter waren zu lange still»

Laut Aline Trede (Grüne) sinkt das Vertrauen in die EU, weil man das Thema Europa tabuisiert. Für Alfred Heer (SVP) ist die Ablehnung eine Folge der Zuwanderung.

von
R. Kayser
Auch das traditionell eher europafreundliche Schaffhausen ist mittlerweile europakritisch eingestellt.

Auch das traditionell eher europafreundliche Schaffhausen ist mittlerweile europakritisch eingestellt.

Die Europa-Skepis in der Schweiz wächst. Wie eine Analyse des Politgeographen Michael Hermann für die «SonntagsZeitung» zeigt, hat die Angst vor der Zuwanderung und Europa mittlerweile das ganze Mittelland erfasst. Regionen wie Schaffhausen oder Worben BE, die vor wenigen Jahren noch europafreundlich waren, sind heute europaskeptisch.

Gemäss Hermann sei diese Zunahme der Europaskepsis nicht an Zahlen festzumachen, in den betroffenen Regionen seien nicht übermässig viele Ausländer zugewandert. Gegenüber der Zeitung führt Hermann die zunehmende Abwehrhaltung gegenüber Europa auf die Verstädterung zurück.

«EU ist für viele ein anonymes Konstrukt»

Auch Gilbert Casasus, Professor für Europastudien an der Universität Freiburg, sieht in der zunehmenden «Agglomerisierung» eine Ursache für die wachsende Europa-Skepsis. «Viele Regionen und kleinere Städte im Mittelland haben das Gefühl, zunehmend an kultureller und politischer Bedeutung zu verlieren und von den Grossstädten bestimmt zu werden.»

Die Bevölkerung fühle sich verdrängt und habe Angst vor Bedeutungsverlust, so der Europa-Experte. Die Verantwortung dafür werde zunehmend der EU in die Schuhe geschoben. «Europa ist zurzeit der beste Sündenbock, den man sich vorstellen kann.» Europa sei nämlich für viele ein unnahbares, abstraktes Konstrukt, sagt Casasus. Dies habe sich die EU aber auch selber zuzuschreiben, weil sie zu passiv mit der Schweiz interagiere.

Aber auch die Schweiz trage am zunehmenden Vertrauensverlust in Europa Mitschuld, sagt Casasus weiter. Die Bevölkerung müsse besser verstehen, wie die EU funktioniere, um die Angst vor ihr zu verlieren um ein notwendiges Vertrauen zwischen der Europäischen Union und der Schweiz wieder herzustellen.

«Europa darf kein Tabu mehr sein»

Aline Trede (Grüne), Co-Vizepräsidentin der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (NEBS), sieht das auch so: «Die EU-Befürworter waren in den letzten Jahren zu still, wenn es um Europa-Fragen ging», sagt die Gründe-Nationalrätin. Das sei ein grosses Versäumnis seitens der proeuropäischen Kräfte gewesen. «Wir haben die Plattform stets der SVP überlassen und geschwiegen.» Das soll sich nun ändern. «Europa darf kein Tabu mehr sein. Man muss darüber reden und den Mut haben, Europa zu erklären», sagt Trede.

Konkret plant die NEBS, mit Beispielen Europa der Bevölkerung näherzubringen. So soll etwa an Podien vermehrt über konkrete EU-Themen gesprochen werden, die auch im Alltag für die Schweizer Bevölkerung von grosser Bedeutung seien, wie etwa Import und Export, CO2-Grenzwerte oder Lebensmittel. Auch soll ein grösserer Austausch mit EU-Politikern stattfinden, so Trede. Diese sollen häufiger an Podien und Veranstaltungen zu Wort kommen. «Man muss der EU ein Gesicht geben.»

«Zuwanderung als Ursache für steigende EU-Skepsis»

Für Alfred Heer, SVP-Nationalrat und Vizepräsident der Europarat-Delegation des Parlaments, ist es völlig verständlich, dass die Europa-Skepsis im Mittelland wächst. Er sieht die Ursache in der hohen Zuwanderung. «Dort sind die Leute mit dem Verkehr direkt von den Folgen der Zuwanderung betroffen», sagt Heer. Dass das Vertrauen in die EU sinke, sei angesichts der aktuellen Situation nicht verwunderlich: «Schengen Dublin funktioniert nicht, wir haben eine hohe Zuwanderung und viele Schweizer fürchten um ihren Job.»

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