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HandyrechnungEU verbilligt Roamingtarife - Bern unter Druck

Während die EU ihre Roaminggebühren auf Juli massiv senkt, zeigen sich Schweizer Telecom-Anbieter knausrig. Damit könnte es bald vorbei sein - der Druck auf den Bundesrat steigt.

von
Jessica Pfister
Wer im Urlaub telefoniert, muss heute tief in die Tasche greifen. Die Politik könnte bald eingreifen. (Bild: Thinkstock)

Wer im Urlaub telefoniert, muss heute tief in die Tasche greifen. Die Politik könnte bald eingreifen. (Bild: Thinkstock)

Da reiben sich Schweizer Handykunden verwundert die Augen: Ab Beginn der Sommerferien zahlen EU-Bürger für einen Anruf im europäischen Ausland gerade mal 35 Rappen pro Minute. Zum Vergleich: Sunrise-Kunden kostet die Minute im Standardtarif aktuell Fr. 1.70, Orange-Kunden müssen für die erste Minute Fr. 1.20 zahlen und für jede weitere Minute 40 Rappen und bei den Swisscom -Kunden beträgt der Minuten-Tarif 80 Rappen. Immerhin kündigte der ehemalige Monopolist letzte Woche eine minimale Preisreduktion von 5 Rappen an - und Konkurrent Sunrise will laut eigenen Angaben zumindest in der Ferienzeit «einige Neuerungen in Sachen Roaming» bekannt geben.

Für Telekom-Experte Ralf Beyeler sind solche Preissenkungen nur «ein Tropfen auf den heissen Stein». «Die Schweizer werden nach wie vor abgezockt», sagt Beyeler vom Vergleichsdienst Comparis. Der Wettbewerb zwischen den hiesigen Telekom-Anbietern funktioniere überhaupt nicht. «Obwohl die Swisscom im Jahr 2007 die Standardtarife für das Telefonieren im Ausland massiv gesenkt hat, haben die anderen Anbieter bis heute nicht nachgezogen.»

Mit der Swisscom geht der Experte ebenfalls hart ins Gericht. Der Datentransfer sei stark überteuert. «Die absolute Gewinnmaximierung steht auch bei den Mobilfunk-Anbietern im Vordergrund.» Für Beyeler ist klar: «Es liegt nun an der Politik, den Druck auf eine Regulierung zu erhöhen».

«Kommen massiv schlechter davon»

Tatsächlich stehen die Chancen gut, dass die Schweiz künftig für alle Handyanbieter verbindliche Höchsttarife für die Ausland-Telefonie festgelegt. Am Donnerstag diskutiert die Fernmeldekommission des Ständerats einen entsprechenden Vorstoss von SP-Nationalrätin Ursula Wyss. Der Nationalrat hat das Anliegen im vergangen September bereits klar unterstützt.

Bis auf die SVP stehen auch die Ständeräte einer Regulierung durchwegs positiv gegenüber. «Ich bin öfters auf Konferenzen im Ausland und stelle immer wieder fest, dass wir Schweizer bei den Telefonkosten massiv schlechter davonkommen als ausländische Kollegen», sagt FDP-Ständerat Hans Hess. Es könne nicht sein, dass ein Schweizer Handynutzer im Durchschnitt mehr als das Doppelte bezahlen müsse als EU-Kunden. Einen «deutlichen Nachteil» sieht auch CVP-Ständerat Konrad Graber. «Ich gehe davon aus, dass wir explizit die Forderung nach einem Abkommen mit der EU stellen werden.»

«Junge wechseln den Anbieter»

Nicht einverstanden damit wäre SVP-Ständerat This Jenny. Er bezeichnet die Gebühren für das Telefon im Ausland zwar auch als «unverschämt» - dennoch glaubt er, dass der Markt hier regulierend wirke. Er sei zuversichtlich, dass die Preissenkungen von Swisscom auch bei den anderen Anbietern ein Umdenken auslösen. «Gerade auch, weil die jungen Handybenutzer sonst einfach zum günstigsten Anbieter abwandern.»

Beim Marktführer Swisscom will man - wenig überraschend - von verbindlichen Höchsttarifen ebenfalls nichts wissen. Tiefere Roamingpreise seien auch in der Schweiz möglich, wenn man sich mit Nachdruck für Preissenkungen einsetze, so Mediensprecher Carsten Roetz. Daher brauche es keine Regulierung. Eine solche würde gar die Marktposition des Ex-Monopolisten Swisscom weiter stärken, sagt Orange-Sprecherin Marie-Claude Debons. «Eine Regulierung könnte dem Preiswettbewerb bei den Inlandtarifen schaden.» Sunrise verfolge den Vorstoss mit «grossem Interesse», wie es heisst. Man setze sich dafür ein, den Kunden günstigere Roamingtarife bieten zu können.

«Abkommen prüfen»

Der Bundesrat bestreitet nicht, dass die Schweizer fürs mobile Telefonieren im Ausland viel mehr zahlen als EU-Bürger. Dennoch hielt er bisher nichts von einem staatlichen Eingriff. «Die einseitige Festlegung von Preisobergrenzen wäre nicht sachgerecht, weil sie nur nur die Endpreise für die Kunden erfassen würde, nicht aber die Preise, die Mobilfunkanbieter für die Benutzung eines ausländisches Netzes bezahlen müssen», schreibt der Bundesrat in seiner Antwort auf die Motion. Dies würde insbesondere die kleineren Schweizer Betriebe benachteiligen.

Doch auch die Landesregierung weiss, dass sie unter dem Druck des Parlaments wohl nicht mehr um ein Abkommen mit der EU herumkommt. So sagt Roberto Rivola vom Bundesamt für Kommunikation zu 20 Minuten Online: «Falls sich das EU-Roaming-Regime auf weitere europäische Staaten ausdehnen lässt, würde die Schweiz die Möglichkeit eines entsprechenden Abkommens prüfen.»

Handy-Abo-Vergleich

Der Handy-Abo-Tarifvergleich Dschungelkompass bietet seit Dienstag auch einen Vergleich von Roaming-Tarifen bei Mobilfunk-Anbietern.

Ein anderes Vergleichssystem bietet Comparis.

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