Aktualisiert 10.04.2014 16:58

Atlético MadridEuphorie am Paseo de los Melancólicos

Zum ersten Mal seit 40 Jahren steht Atlético Madrid im Champions-League-Halbfinal. Der Erfolg ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Diego Simeone.

von
Sandro Compagno

Das Resultat in diesem Viertelfinal-Rückspiel der Champions League im Vicente Calderón war noch das Beste, was den Gästen vom FC Barcelona widerfahren konnte. 1:0 gewann Atlético Madrid, nur 1:0. Was die Mannschaft von Diego Simeone im Rückspiel – das Spiel in Barcelona hatte 1:1 geendet – aufführte, gehört zum Besten, was der moderne Fussball zu bieten hat. «Wir brachten keine vier oder fünf Pässe zusammen», musste Barça-Trainer Gerardo Martino zugeben. «Wir liessen ihren Schlüsselspielern wie Xavi oder Andrés Iniesta keine Zeit zum Denken», erklärte Diego Simeone.

These und Antithese

Mit Atlético setzte sich die Antithese zum FC Barcelona durch. Die Gäste hatten 65 Prozent Ballbesitz, kamen aber in 90 Minuten nur zu zwei Schüssen aufs Atlético-Tor. Die Rojiblancos trafen schon in der 5. Minute durch Koke, dazu schepperte dreimal die Torumrandung. Barcelona spielte quer, Atlético suchte die Vertikale. Wenn sich die Möglichkeit ergab, in der gegnerischen Platzhälfte den Ball zu erobern, zog die Mannschaft von Diego Simeone ein unglaubliches Pressing auf. Wenn nicht, liessen sich die Madrilenen weit zurückfallen und spannten ein engmaschiges Abwehrnetz, in dem sich Messi, Neymar und Co. immer wieder verfingen.

Am Freitag werden in Nyon die Halbfinals der Champions League ausgelost. Egal ob es Real Madrid, Bayern München oder Chelsea trifft: Ein Ausflug ins Vicente Caldéron wird eine ungemütliche Angelegenheit. Das war nicht immer so. Die letzten 15 Jahre waren eine reine Achterbahnfahrt für den Verein: Erst im Jahr 2000 war Atlético Madrid in die Segunda División abgestiegen, dem Klub des exzentrischen Präsidenten Jesús Gil y Gil drohte gar der Sturz in die Drittklassigkeit. Wie chaotisch die Vereinsführung unter Jesús Gil war, belegt die Karriere eines der grössten spanischen Fussballers aller Zeiten: Raúl wechselte 1992 mit 15 Jahren von Atlético zu Real Madrid, ganz einfach, weil der Präsident aus Kostengründen die gesamte Nachwuchsabteilung aufgelöst hatte.

Underdog und Arbeiterklub

«El pupas» – zu deutsch ungefähr: die Verfluchten, die Unglücklichen – wurde Atlético von seinen Gegnern genannt. Die Rojiblancos gelten als Klub der Arbeitsklasse und kultivieren ihren Status des Underdogs. So beispielsweise in einem TV-Werbespot, in dem ein kleiner Junge seinen Vater fragt, warum sie Atléti-Fans seien. Dieser kann keine plausible Erklärung liefern. Die Anhänger der Rot-Weissen seien «Gefangene ihrer Gefühle», sagte einst Fernando Torres, auch er ein früherer Atlético-Junior. Fan von Atlético zu sein, war ein Gefühl, ein Leiden.

TV-Werbesport aus dem Jahr 2013. (Quelle: Youtube)

Hinter dem Stadion Vicente Caldéron führt eine Strasse durch. Sie heisst: Paseo de los Melancólicos... Die Melancholie hat Begeisterung Platz gemacht. Atlético steht im Halbfinal der Champions League und führt die Primera División an. Begründer des rot-weissen Freudentaumels ist Diego Simeone. 1996 hatte der heute 44-jährige Argentinier mit Atlético das Double gewonnen, am 23. Dezember 2011 kam er als Trainer. Atlético war gerade gegen Albacete aus der Copa del Rey geflogen und stand in der Liga auf Platz 10, in unmittelbarer Nähe der Relegationsplätze. «Ich kam in einer Notlage, aber die Mannschaft war gut», sagte Simeone im Herbst im englischen Fussball-Magazin «FourFourTwo». Es habe nur kleine Änderungen gebraucht.

Kleine Änderungen

Als Spieler war Simeone ein bissiger, kampfstarker Mittelfeldspieler. Als Trainer ist er ein akribischer, detailversessener Arbeiter. Und er ist kompromisslos, ordnet der Leistung alles unter: «Es gibt nur eine Form von Motivation: interne Konkurrenz.» Ohne mit der Wimper zu zucken, setzt er auch Stars auf die Ersatzbank, wenn sie zu wenig Leistung bringen. Das ist unüblich in einer Liga, in der sich Klubpräsidenten gerne in Teambelange einmischen. Der Status einer Klub-Legende hilft dem Argentinier bei heiklen Personalentscheiden.

Der Trainer neutralisiere die Stärken des Gegners und ziehe Vorteile aus dessen Schwächen, erklärt der brasilianische Verteidiger Miranda. «Aggressiv, stark, kämpferisch, entschlossen» – mit diesen vier Adjektiven umschreibt Simeone die Spielweise, die er mit Atlético anstrebt. Besser lässt sich der Auftritt seiner Mannschaft gegen den FC Barcelona nicht umschreiben.

Eigene Balljungen im fremden Stadion

Ein Beispiel aus der vergangenen Saison zeigt, wie stark Simeone auf die Details achtet. Der Final in der Copa del Rey war eine Angelegenheit zwischen Real und Atlético Madrid. Da Spanien nicht über ein Nationalstadion verfügt, findet das Spiel jedes Jahr woanders statt. Aus ökonomischen Gründen entschieden sich die beiden Klubs für die Real-Heimstätte Santiago Bernabéu (80'000 Plätze), im Vicente Caldéron finden nur 53'000 Platz. Simeone konnte den Entscheid nachvollziehen, doch er wollte nicht, das sich seine Mannschaft als Gast fühlt. So sorgte er sogar dafür, dass die Hälfte der Balljungen von Atlético kamen. 2:1 nach Verlängerung gewannen die Rojiblancos im Stadion des Stadtrivalen.

Real Madrid gegen Atlético Madrid? Gut möglich, dass sich die beiden Hauptstadt-Klubs in der aktuellen Champions League wieder begegnen. Am Freitagmittag werden die Halbfinals ausgelost. 20 Minuten berichtet live.

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