Nati-Analyse: Euphorie weg – Petkovic läuft die Zeit davon
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Nati-AnalyseEuphorie weg – Petkovic läuft die Zeit davon

Die Nati wollte Euphorie entfachen. Doch sie versprüht mehr Grau als Glanz. Der Nationalmannschaft ist die Identität abhanden gekommen.

von
Eva Tedesco

Nati-Trainer Vladimir Petkovic spricht über den Formstand der Spieler, seine Hoffnungen und einen Ausblick zur Vorbereitung in Lugano. (Video: 20 Minuten)

Wieder als Verlierer vom Platz. Wieder kein Hauch einer Chance. Die Nati hat auch den zweiten Auftritt im EM-Jahr 2016 gegen Bosnien-Herzegowina verloren und auch wenn mehr Wille da war als noch am vergangenen Freitag gegen Irland, so war er doch ungenügend. Mit der aktuellen Verfassung der Schweizer Nationalmannschaft fällt es selbst den grössten Optimisten des Landes und treusten Anhängern schwer, an eine Nati zu glauben, die zu einer Überraschung in Frankreich fähig ist.

73 Tage vor dem ersten EM-Gruppenspiel gegen Albanien passt nicht viel im Spiel zusammen. Vor allem aber lässt sich nicht mehr kaschieren, dass einige Nationalspieler ausser Form sind. Das betrifft Ricardo Rodriguez, der bei Wolfsburg nicht auf seine Bestform kommt, wie auch Admir Mehmedi (Leverkusen), der nach seinem Hoch in der Champions League seiner Topform nachläuft.

Gesucht: Innenverteidiger mit Selbstvertrauen

Ein Schatten seiner besten Tage ist Fabian Schär (Hoffenheim). Dem Innenverteidiger sind Verunsicherung und Probleme aus dem Club deutlich anzumerken. Generell scheint die Innenverteidigung nach den stabilen Jahren mit Abwehrchefs wie Murat Yakin und Patrick Müller seither einer ewigen Baustelle zu gleichen. Ob nun das Duo Schär/Klose oder Senderos/Schär oder Senderos/Klose heisst oder Djourou/Von Bergen – immer scheint einer der Abwehrspieler im Tief zu stecken. Fakt ist: Gegen Irland und Bosnien-Herzegowina wurde Johan Djourou vermisst.

Auch Haris Seferovic, der letzte Saison mit Alex Meier eines der gefährlichsten Angriffsduos in der Bundesliga bildete, steckt mit Frankfurt in der Krise. Der Stürmer bringt alles mit, kämpft und müht sich, aber gegenwärtig ohne Glück und Ertrag. Gesehen hat man in zwei Testspielen, dass in der Offensive fast nichts ohne Shaqiri geht. Die Unberechenbarkeit und Kreativität des Stoke-Söldners fehlte an allen Ecken und Enden, auch wenn Renato Steffen seine Chancen nutzen konnte.

Die fehlende Form einzelner schlägt sich auf das gesamte Gefüge nieder – «von vorne bis hinten», wie es Petkovic in Zürich formulierte. Zweieinhalb Monate vor der EM und 18 Monate nach dem Einstand von Petkovic muss konstatiert werden: Die Nati macht keinen Fortschritt. Es passt wenig zusammen und von den selbstbewussten Plänen des Tessiners ist immer weniger zu sehen.

Noch keine Euphorie

Man könnte meinen, dass der selbstbewusste Spektakel-Fussball, den Petkovic in seinen Clubs spielen liess, nicht auf die Nationalspieler übertragbar ist. Zumindest schien die Nati mit dem pragmatischen, mathematischen Fussball von Ottmar Hitzfeld besser zurechtzukommen. Gegen Bosnien wich Petkovic vielleicht auch deshalb von seinem offensiv ausgerichteten 4-3-3-System ab und setzte auf ein 4-2-3-1, das die Nati unter Ottmar Hitzfeld immer gespielt hat. Aber auf eine Initialzündung durch die gewohnte Ausrichtung wartete man am Dienstag im Letzigrund vergebens.

Die Fans wollten Antworten. Petkovic auch. Aber vor dem EM-Start sind eher die Fragezeichen grösser geworden und der Nati läuft die Zeit davon. Petkovic hat noch einmal 180 Minuten Zeit (am 28. Mai gegen Belgien und 3. Juni gegen Moldawien), um Lösungen zu finden. Bis dahin kann er nur zuschauen und hoffen, dass seine Akteure hoffentlich in Form kommen. Die Euphorie zu entfachen, bevor das Team das nächste Mal in Lugano zusammentrifft, hat die Nati am letzten Freitag in Irland und am Dienstag im Letzigrund definitiv verpasst.

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