Fernbus-Linien: Eurobus muss Rollstuhl-Fahrern Zugtickets zahlen
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Fernbus-LinienEurobus muss Rollstuhl-Fahrern Zugtickets zahlen

Die Schweizer Fernbusse sind noch nicht behindertengerecht. Eurobus muss nachrüsten. Auch beim Fernbus-Riesen Flixbus geht einiges.

von
Stefan Ehrbar
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Seit dem 10. Juni betreibt Eurobus ein Schweizer Fernbusnetz. Doch die Busse sind noch nicht vollständig behindertentauglich.

Seit dem 10. Juni betreibt Eurobus ein Schweizer Fernbusnetz. Doch die Busse sind noch nicht vollständig behindertentauglich.

Eurobus
Personen im Rollstuhl, die mit dem Bus mitfahren wollen, müssen eine minimale Gehfähigkeit aufweisen. Zudem muss ihr Rollstuhl zusammenfaltbar sein.

Personen im Rollstuhl, die mit dem Bus mitfahren wollen, müssen eine minimale Gehfähigkeit aufweisen. Zudem muss ihr Rollstuhl zusammenfaltbar sein.

Keystone/Gaetan Bally
Ab dem Dezember verspricht Eurobus Abhilfe: Dann nimmt der Betreiber neue Busse in Betrieb, die als erste der Welt komplett rollstuhlgängig sind.

Ab dem Dezember verspricht Eurobus Abhilfe: Dann nimmt der Betreiber neue Busse in Betrieb, die als erste der Welt komplett rollstuhlgängig sind.

Eurobus

Seit dem 10. Juni fahren die Fernbusse von Eurobus auf drei Linien durch die Schweiz. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) hat den Betrieb genehmigt – unter Auflagen: So müssen etwa das Halbtax und GA anerkannt werden und das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) eingehalten werden.

Das ist Eurobus aber aus technischen Gründen noch nicht möglich. Die Busse, die bisher eingesetzt werden, sind nur für Rollstuhlfahrer zugänglich, die eine minimale Gehfähigkeit vorweisen und deren Rollstuhl zusammenfaltbar ist. Die Mitfahrt im günstigen Fernbus ist damit vielen Rollstuhlfahrern verwehrt.

«Solche Busse sind noch nicht verfügbar»

Möglich ist das nur, weil das BAV eine Ausnahme zulässt. «Das Busunternehmen hat sich verpflichtet, Busse zu beschaffen, die dem Gesetz entsprechen», sagt Sprecherin Florence Pictet. Das nehme aber mehrere Monate in Anspruch, weil solche Fahrzeuge noch gar nicht auf dem Markt verfügbar seien. «Das wirtschaftliche Risiko, diese Busse schon vor der Konzessionserteilung zu bestellen, wäre aus Sicht des BAV zu gross gewesen.»

Damit Eurobus trotzdem dem Gesetz entspricht, wurde das Unternehmen zu einer Ersatzlösung verpflichtet. «Eurobus ist verpflichtet, Reisenden im Rollstuhl, für die ein Ein- und Aussteigen nicht möglich ist, die Kosten für eine dementsprechende Beförderung durch die Eisenbahn zu vergüten», sagt Pictet.

«Betroffene offen informiert»

Roger Müri, Leiter Fernbus bei Eurobus, kennt das Problem. «Momentan fahren wir unsere Linien mit normalen Reisebussen. Diese verfügen nicht über Rollstuhlplätze», sagt er. Lange dauere dieser Zustand aber nicht an. «Ab Dezember werden wir unsere neu bestellten Doppelstockbusse in Betrieb nehmen. Diese verfügen über einen Niederflurzugang mit Rampe und über zwei Rollstuhlplätze.»

Zudem werde es eine Rollstuhltoilette geben, die mit einem normalen Rollstuhl befahrbar sei. «Das ist eine Weltpremiere», sagt Müri. «Wir haben Rollstuhlfahrer immer sehr offen darüber informiert, was möglich ist und was nicht. Das wurde von den Betroffenen sehr gut aufgenommen», sagt er. Bisher habe Eurobus keine Ersatzbeförderungen bezahlen müssen.

Flixbus fällt nicht unters Gesetz

Während Eurobus in neue Fahrzeuge investiert, um dem Gesetz nachzukommen, ist beim deutschen Fernbus-Riesen Flixbus keine Besserung in Sicht. Reisende im Rollstuhl, die nicht gehfähig sind, werden dort noch über längere Zeit nicht mitfahren können. Weil Flixbus keinen Transport innerhalb des Landes durchführt, sondern nur auf internationalen Routen, hat die Firma keine dementsprechenden Auflagen vom BAV erhalten.

Marc Moser, Sprecher des Behinderten-Dachverbandes Inclusion Handicap, hält das für einen Fehler. «Unserer Auffassung nach untersteht auch Flixbus dem Behindertengleichstellungsgesetz», sagt er. «Wir sind anderer Ansicht als das BAV.» Der gesamte ÖV müsse gemäss dem Gesetz bis 2023 barrierefrei zugänglich sein. «Es ist wichtig, dass gerade bei neuen Angeboten wie Fernbussen von Anfang an darauf geschaut wird», sagt Moser.

Flixbus-Sprecher Martin Mangiapia sagt, ein grosser Teil der Flixbus-Flotte sei bereits mit je zwei Rollstuhlplätzen ausgestattet. In Deutschland müssten alle ab 2016 neu zugelassenen Busse behindertengerecht sein, damit ab 2020 alles umgerüstet sei. «Wenn wir allein die deutschsprachigen Buspartner betrachten, die für Flixbus in oder durch die Schweiz fahren, so sind hier etwa 45 Prozent mit den zwei Rollstuhlplätzen ausgestattet – mit stark steigender Tendenz.» Auch im Rest Europas sei Flixbus am Thema dran. Der italienische Ableger arbeite etwa punktuell mit einem Hilfsdienst zusammen, der das barrierefreie Reisen unterstütze.

Doppelt so viele Buchungen

Wie Roger Müri von Eurobus sagt, sei die Firma mit dem operativen Start des Fernbusnetz sehr zufrieden. Im Juli hätten sich die Buchungen gegenüber dem Juni mehr als verdoppelt. Diese Tendenz stimme zuversichtlich. In den nächsten Monaten würden nun Anpassungen am Liniennetz, dem Fahrplan und den Fahrzeiten geplant, so Müri.

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