Europäische Krankheit: Eurokrise verhagelt USA die Weihnachten
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Europäische KrankheitEurokrise verhagelt USA die Weihnachten

Das durch die europäische Schuldenkrise ausgelöste Beben hat die Küsten der USA erreicht und lässt Konsumenten und Unternehmen zittern. Nicht nur das Weihnachtsgeschäft ist in Gefahr.

Die Weihnachtsbäume werden in den USA-Städten bereitgestellt. Ob auch viele Geschenke darunter liegen werden, hängt auch von der europäischen Krankheit ab.

Die Weihnachtsbäume werden in den USA-Städten bereitgestellt. Ob auch viele Geschenke darunter liegen werden, hängt auch von der europäischen Krankheit ab.

Die Furcht, dass die Krise Europas sich verschlimmern und ausbreiten könnte, erschreckt Investoren und Konsumenten just in dem Moment, in dem die Einkaufssaison zu den Feiertagen näher rückt. Befürchtet wird, dass die US-Konsumenten ihre Ausgaben einschränken könnten. Das stotternde Wachstum Europas wirkt sich bereits auf die Gewinne einiger US-Unternehmen aus und könnte die US-Wirtschaft bremsen.

Die Krise «scheint genau zu dem Zeitpunkt einen Höhepunkt zu erreichen, an dem die US-Wirtschaft am verwundbarsten ist», sagt Mark Vitner, Wirtschaftswissenschaftler beim Finanzdienstleister Wells Fargo.

Keine Neueinstellung wegen ausbleibendem Auftrag aus Europa

Betroffen sind etwa Unternehmen wie Marlin mit 34 Mitarbeitern in Baltimore. Marlin bemühte sich um einen Auftrag über vier Millionen Dollar von einem deutschen Partner. Geschäftsführer Drew Greenblatt stellt nun fest, dass die deutsche Firma sich wegen Europas Finanzkrise im «Pausen-Modus» befinde. Die Gesamtverkäufe von Marlin wachsen flott an. Doch die Verkäufe nach Europa gehen zurück. «Wenn sie bestellt hätten wie üblich, hätten wir mehr Leute eingestellt», sagte Greenblatt.

Die Europäische Union ist Handelspartner Nr. 1 der USA. In den ersten neun Monaten des Jahres 2011 wurden Waren im Wert von fast 353 Milliarden Euro ausgetauscht. Um die 14 Prozent der Erlöse der 500 grössten US-Firmen - etwa 965 Milliarden Euro - kommen aus Europa.

Die US-Wirtschaft ist besonders deswegen anfällig für die Europäische Krankheit, weil ihr Wachstum so schwach ist. Auch sieht sie sich weiteren Risiken ausgesetzt, etwa geringe Neueinstellungen, stagnierende Löhne, hohe Energiekosten, ein grosses Handelsdefizit und möglicherweise happige Kürzungen der Staatsausgaben.

Furcht vor Sogwirkung der europäischen Krise

«Es braucht nicht viel, um uns in eine weitere Rezession zu stürzen», sagte Sung Won Sohn, Wirtschaftsprofessor an der staatlichen Universität von Kalifornien. «Wenn Europa in grössere Schwierigkeiten gerät, wird das uns und den Rest der Welt ebenfalls herunterziehen», fügte er hinzu.

Die EU hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass der Kontinent im kommenden Jahr «in eine tiefe und langandauernde Rezession» schlittern könnte. Für 2012 wird ein Wachstum von gerade einmal 0,5 Prozent erwartet. Das liegt weit unter den 1,8 Prozent, die im Frühjahr vorhergesagt worden waren.

Die Bank Wells Fargo geht davon aus, dass die US-Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,1 Prozent wachsen wird, 0,4 Prozentpunkte unter den Erwartungen wegen des europäischen Rückgangs. Die Investmentbank Goldmann Sachs nimmt an, dass Europas Probleme das US-Wachstum einen vollen Prozentpunkt kosten könnten.

Die Auswirkungen der Krise sind vielfältig

Auch wenn sich die Abwärtsspirale in Europa nicht weiter drehen sollte, beeinflussen die Finanzturbulenzen US-Unternehmen und Konsumenten in mehrfacher Weise:

Der Wirbel an den Börsen beunruhigt die Konsumenten und lässt sie bei Ausgaben vorsichtig sein.

US-Unternehmen mit grossen Geschäften in Europa leiden unter geringeren Verkäufen, Preisen und Gewinnen.

Weltweit schränken die Banken ihre Kreditvergabe ein und horten Bargeld um mögliche grosse Ausfälle bei griechischen, italienischen und anderen Staatsschulden abzufedern. Banken in den USA und Übersee halten etwa 1,2 Billionen Euro als Reserve - ein jäher Anstieg um etwa 430 Milliarden Euro im Vergleich zum vergangenen Jahr.

Die Unsicherheit, wie viel Schaden Europa anrichten könnte, stimmt Unternehmen zurückhaltend, ihre Geldvermögen für Einstellungen und Investitionen auszugeben.

Nicht alle US-Firmen melden schlechte Zahlen aus Europa

Jedoch ist nicht jede US-Firma in Europa geschädigt. McDonald's, Kraft Foods, Sara Lee und Oracle haben gerade starke Ergebnisse von dort gemeldet. Dagegen sank der Gewinn von General Motors im dritten Quartal um 15 Prozent. Das wurde überwiegend auf geringere Verkäufe und höhere Kosten in Europa zurückgeführt. «Die Dinge haben sich deutlich verschlechtert», teilte GM-Finanzvorstand Dan Ammann vergangene Woche Investoren mit.

Jeff Fettig, der Geschäftsführer der Haushaltsgeräte-Herstellers Whirlpool, sagte, sein Unternehmen plane wegen des Nachfragerückgangs in Europa 5000 Arbeiter in Nordamerika und Europa zu entlassen. Aber auch kleinere Geschäftszweige, etwa der Weinexport leiden. Etwa 38 Prozent der US-Weinausfuhren gehen nach Europa.

Beängstigender ist die Entwicklung für die Banken. Sie halten Anleihen von Staaten und Unternehmen aus Europa und befürchten Verluste, sollte die Krise sich verschärfen. Die grosse Furcht hahinter ist, dass grosse Banken in den USA und Europa ihre jeweilige Fähigkeit, Verluste zu auszugleichen, so stark anzweifeln könnten, dass sie sich untereinander kein Geld mehr leihen. Das Ergebnis wäre sinkendes Vertrauen, ein Einfrieren der Kreditvergabe und ein Schock für die Wirtschaft weltweit.

(dapd)

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