Aktualisiert 29.10.2007 13:53

Europa ist voller «Eulen»

Am Sonntag wurden die Uhren wieder auf Winterzeit umgestellt. Die kurzen Tage und langen Nächte machen zu schaffen. Viele schleppen sich müde durch die Wintertage. 20minuten.ch wollte wissen, warum das so ist und was man dagegen tun kann.

20minuten.ch: Warum ist es derzeit besonders schwierig, sich am Morgen aus dem Bett zu schälen?

Dr. Christian Cajochen*: Weil das natürliche Morgenlicht zur Zeit fehlt, und die Morgendämmerung jeden Tag später eintritt. Morgenlicht hilft uns, schneller wach zu werden. Zudem stellt es die innere Uhr vor, damit wir weniger Probleme mit dem morgendlichen Aufstehen haben. Genau das fehlt uns im Herbst und Winter.

Also ist die «innere Uhr» kein Mythos?

Nein. Jeder Mensch hat eine innere Uhr. Sie liegt in einem genau umschriebenen Hirnareal, im so genannten Hypothalamus. Von dort aus werden alle tagesrhythmischen Schwankungen der Hormone, der Müdigkeit, der Leistungsfähigkeit etc. getaktet. Fällt dieser Taktgeber aus, sind unser Schlaf-Wachverhalten und die ganzen Hormonschwankungen nicht mehr mit dem 24-Stunden Tag synchronisiert. Dann beginnt man plötzlich, zu Unzeiten zu schlafen.

Am Sonntag, wenn die Uhren auf Winterzeit gestellt werden, muss der Organismus wieder eine Zeitverschiebung wegstecken. Was kann man tun, damit die Umstellung nicht so hart wird?

Die Umstellung zur Winterzeit schafft einen künstlich verlängerten 25-Stunden-Tag. Das kommt den meisten Menschen entgegen. In so genannten «Bunker-Experimenten» unter abgeschotteten Bedingungen konnte bewiesen werden, dass die meisten Menschen einen 24,5-Stunden-Rhythmus haben.

Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang auch von «Eulen»- und «Lerchen»-Typen. Was heisst das genau?

Für «Eulen» oder Spättypen liegt der Takt der inneren Uhr bei 25 oder 26 Stunden. «Lerchen» oder Frühtypen leben ohne Tageslicht im 23-Stunden-Rhythmus oder kürzer. Die Zeitumstellung im Frühjahr fällt ihnen nicht schwer, weil der einmalig verkürzte Tag ihrem natürlichen Rhythmus entspricht. Allerdings gibt es in Europa mehr Eulen als Lerchen.

Woran liegt das?

Es kann möglicherweise daran liegen, dass unsere Gesellschaft den Abend durch Kunstlicht verlängert und damit die innere Uhr ständig nachstellt.

Wäre es sinnvoll, die Arbeitszeiten in Europa diesem Umstand anzupassen?

Logisch ist natürlich, dass «Lerchen» eher die Frühschicht übernehmen sollten und «Eulen» die Nachtschicht. Wenn ich eine Firma hätte, würde ich meine Angestellten möglichst entsprechend ihres Chronotyps zur Schichtarbeit einteilen. Das wäre eine Win-Win-Situation für beide Seiten: mehr Gesundheit und Zufriedenheit beim Arbeiter und demzufolge weniger krankheitsbedingte Arbeitsausfälle, und der Chef macht mehr Geld, was er dann den Arbeitern weitergeben kann ...

Gibt es Angaben darüber, welchen Einfluss der Schlafrhythmus der ArbeitnehmerInnen auf die Wirtschaft hat?

Nein, bis jetzt gibt es keine guten Studien darüber, weil das Thema Chronotypus oder Schlafrhythmus (noch) kein Thema ist in der Wirtschaft.

Kann zu früh aufstehen krank machen?

Nein, das glaube ich nicht. Solange man eine gute Schlafhygiene befolgt, macht früh aufstehen sicherlich nicht krank. Wichtig ist, dass man genügend schläft, damit man am Tag optimal funktionieren kann.

Was verstehen Sie unter «guter Schlafhygiene»?

Der Begriff der Schlafhygiene bezeichnet Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen, die einen gesunden Schlaf fördern. Wichtige Voraussetzungen für einen guten Schlaf sind ein gesunder Lebenswandel und eine gute Ernährung.

Also gibt es eine gesunde Schlafdauer?

Nein, die ist individuell verschieden. Studien haben jedoch gezeigt, dass eine Schlafdauer von sieben bis acht Stunden für die meisten Menschen ideal wäre. Es gibt aber auch extreme Langschläfer und Kurzschläfer. Viele brüsten sich, Kurzschläfer zu sein, kompensieren jedoch ihre «Schlafschuld» am Wochenende, in den Ferien oder im Auto, falls sie einen Chauffeur haben.

Wer braucht eigentlich mehr Schlaf: Frauen oder Männer?

Bis zur Menopause schlafen die Frauen im Schnitt etwa eine halbe bis eine Stunde länger als die Männer. Das wird nicht nur in Fragebögen subjektiv erhoben, sondern ist auch objektiv in «Bunkerexperimenten» nachgewiesen worden. Was dahinter steckt, weiss man nicht.

Tina Fassbind, 20minuten.ch

*Dr. Christian Cajochen ist Chronobiologe an der Universität Basel. Die Chronobiologie befasst sich mit Tages- (circadianen) und Jahres- (saisonalen) Rhythmen biologischer Prozesse. Die Abteilung Chronobiologie untersucht Grundlagenmechanismen der inneren Uhr und der Schlaf-Wach-Regulation des Menschen, um neue Behandlungsmethoden zu entwickeln. Chronobiologische Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus treten oft bei psychischen Krankheiten (z.B. Depression, besonders Saisonal Abhängiger Depression), Alzheimers Demenz, nach Einnahme von bestimmten Medikamenten, während Schichtarbeit, beim Jet-Lag und beim Altern auf.

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