Aktualisiert 15.04.2011 09:46

Arabischer Frühling«Europa soll den Blick nicht abwenden»

Vor drei Monaten begann in Tunesien der arabische Frühling, inzwischen gilt die Aufmerksamkeit anderen Ländern. Ein Fehler, meint der tunesische Buchautor Ben Hamida.

von
Kian Ramezani
Tunesien zwischen Normalität und Ausnahmezustand: Ein Paar flaniert an der mit Stacheldraht abgeriegelten französischen Botschaft in Tunis vorbei.

Tunesien zwischen Normalität und Ausnahmezustand: Ein Paar flaniert an der mit Stacheldraht abgeriegelten französischen Botschaft in Tunis vorbei.

Drei Monate sind vergangen, seit ein Volksaufstand in Tunesien den Diktator Zine el-Abidine Ben Ali aus dem Amt fegte und einen Flächenbrand in der arabischen Welt lostrat, der bis heute andauert. Während sich die Weltöffentlichkeit vor allem der Entwicklung in Libyen, Jemen, Syrien und Bahrain zuwendet, versuchen sich die Menschen in Tunesien, in der neuen Ära zurechtzufinden. 20 Minuten Online sprach mit dem tunesischen Autor Amor Ben Hamida über die bevorstehenden Wahlen, libysche und tunesische Flüchtlingsströme, die Abhängigkeit Tunesiens vom Tourismus und die künftige Rolle des Islams in seinem Land.

Vor drei Monaten ist Zine el-Abidine Ben Ali abgetreten. Sie sind soeben von einem Aufenthalt in Tunesien zurückgekehrt. Ist er noch ein Thema bei den Menschen?

Amor Ben Hamida: Nein, er persönlich ist kein Thema mehr, seine Gefolgsleute schon. Ähnlich wie die Wahrheitskommission damals in Südafrika haben wir eine Korruptionskommission, die Ben Alis Verbrechen und die seiner Schergen untersucht. Einige sitzen schon hinter Gitter, andere warten noch auf ihren Prozess. Die Tunesier wissen, dass Ben Ali nie mehr zurückkommt und konzentrieren sich lieber auf die bevorstehenden Wahlen.

Die jungen Menschen in Tunesien haben diese Revolution gemacht, dennoch verlassen sie das Land in grosser Zahl. Warum?

Das ist in der Tat eine traurige und deprimierende Entwicklung. Niemand hat Verständnis dafür, dass in dieser hoffnungsvollen und wichtigen Zeit gut ausgebildete Menschen das Land verlassen. Die Jugend ist ungeduldig und fragt, warum haben wir immer noch keine Arbeit, obwohl wir seit drei Monaten frei sind. Obwohl man ihnen sagt, dass es derzeit auch in Europa keine Jobs gibt, ist ihr Traum so gross, dass sie für eine Flucht ihr Leben aufs Spiel setzen. Hinzu kommen rund 150 000 tunesische Gastarbeiter, die vor dem Bürgerkrieg aus Libyen geflüchtet sind und den angespannten Arbeitsmarkt zusätzlich belasten.

Was sind denn die wirtschaftlichen Perspektiven Tunesiens abgesehen vom Tourismus?

Schon unter Ben Ali, als der Tourismus noch florierte, lag die Arbeitslosigkeit zwischen 20 und 25 Prozent. Inzwischen ist die Branche um 50 Prozent eingebrochen. Die Menschen müssen jetzt Eigeninitiative entwickeln und nicht vom Staat erwarten, dass er für sie Arbeitsplätze schafft. Wir brauchen Kleinunternehmer und KMU wie in der Schweiz. Investitionen aus dem In- und Ausland werden erst fliessen, wenn die Wahlen vorbei sind. Im Moment ist die Unsicherheit noch zu gross, wer im Juli an die Macht kommt.

Kann man den Menschen diese Anspruchshaltung verübeln? Auch in Europa ist die Ansicht weit verbreitet, der Staat sei für genügend Arbeitsplätze verantwortlich.

Die Menschen wollten Demokratie und müssen jetzt lernen, dass in einer Demokratie primär die Privatwirtschaft und nicht der Staat Arbeitsplätze schafft.

Inwieweit verschärfen die libyschen Flüchtlinge die wirtschaftliche Lage in Tunesien?

Das Problem besteht vor allem im Süden an der Grenze zu Libyen, weil der früher rege Handel zwischen den beiden Ländern komplett zum Erliegen gekommen ist. Was die Flüchtlinge anbelangt, so ist die Lage finanziell unter Kontrolle, nicht zuletzt weil Europa, aber auch Kuwait und Bahrain grosszügige Unterstützung gewähren. Trotz eigener Probleme werden die libyschen Flüchtlinge in Tunesien mit Würde und Respekt behandelt.

Was sind Ihre Erwartungen an die Wahlen im Juli?

Vorhersagen sind sehr schwierig. Unter Ben Ali gab es zwar eine Opposition, aber sie durfte den Mund nicht aufmachen. Derzeit werden viele Parteien gegründet, aber sie haben noch keine Programme und keine Aushängeschilder. Es ist gut möglich, dass ein heute noch unbekannter Kandidat Präsident wird. Ich bin selber sehr gespannt, was am Schluss herauskommt. Ich bin aber überzeugt, dass es weder eine islamistische noch eine links- oder rechtsextreme Regierung geben wird.

Offenbar wird es Frauenquoten auf den Wahllisten geben. Wie kam dieser für die arabische Welt aussergewöhnliche Entscheid zustande?

Ich muss fairerweise sagen, dass das nicht ganz neu ist in Tunesien. Auch unter Ben Ali gab es Frauen in politischen Ämtern. Diese Ausnahmeerscheinung in der arabischen Welt ist Ben Alis Vorgänger Habib Bourguiba zu verdanken, der viel für die Gleichstellung der tunesischen Frauen in Arbeit, Ehe und Ausbildung getan hat.

Welche Rolle wird der Islam, welche der Islamismus in der politischen Landschaft Tunesiens spielen?

Diese Diskussion findet derzeit statt. Die Islamisten sagen, 99 Prozent der Tunesier seien Muslime und ein laizistischer Staat sei daher undenkbar. Ich denke, auch in der neuen Verfassung wird stehen, dass Tunesien ein islamisches Land ist. Gleichzeitig sind wir durch unsere Vergangenheit, durch Handel und Tourismus sehr westlich orientiert. Vor allem die jungen Leute werden nicht akzeptieren, dass der Islamismus in Tunesien eine tragende Rolle spielt.

Hatten Sie bei Ihrem Besuch den Eindruck, dass mehr Frauen ein Kopftuch trugen als in früheren Jahren?

In den vergangenen Jahren unter Ben Ali hat es solche Tendenzen gegeben, aber nicht speziell in den letzten drei Monaten. Mir ist allerdings aufgefallen, dass Männer vermehrt einen Bart tragen. Das war ein Unding des alten Regimes, Männer mit Bart unter Generalverdacht zu stellen, sie seien Extremisten oder gar Terroristen. Das sind einfach gläubige Menschen, die heute von der neu gewonnenen Freiheit Gebrauch machen.

Was halten die Tunesier von den Unruhen in Libyen, Syrien, Bahrain und Jemen?

Natürlich freut man sich, dass der Funken aus Tunesien auf diese Länder übergesprungen ist. Andererseits besteht die Sorge, dass die Aufstände dort scheitern könnten und ein freies Tunesien sich dann irgendwie mit diktatorischen Nachbarländern arrangieren müsste. Jemen und Bahrain sind etwas weit weg, aber was in Nordafrika sowie in Syrien und Jordanien passiert, wird sehr genau verfolgt.

Was können Europa und die Schweiz tun, um den Demokratisierungsprozess in Tunesien zu unterstützen?

Es geht nicht primär um Geld, auch wenn die wirtschaftlichen Probleme derzeit gross sind. Viele Menschen wünschen sich einfach, dass der Westen in Tunesien Präsenz zeigt. Das gilt für die Politik, aber natürlich auch für den Tourismus. Für die ersten freien Wahlen werden wir logistische Unterstützung und das Know-how des Westens brauchen. Nachher braucht es Investitionen, die im ureigensten Interesse Europas sind. Aus einem Land, das seinen Bürgern eine wirtschaftliche Perspektive bietet, gibt es keine Flüchtlingsströme. Und nicht zuletzt soll der Westen nicht seinen Blick von Tunesien abwenden, nur weil dort gerade nichts Aufregendes passiert.

Amor Ben Hamida wurde 1958 in Medenine im Süden Tunesiens geboren und wuchs im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen/AR auf. Heute lebt und arbeitet er in Zürich. Zuletzt erschien von ihm «Chronik einer Revolution» über den Volksaufstand in Tunesien.

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