Macht und Moral: «Europäer sind dumm und naiv geworden»
Aktualisiert

Macht und Moral«Europäer sind dumm und naiv geworden»

Der Bund warnt vor globalen Machtverschiebungen und der Isolierung Europas. Zu Recht, sagt US-Autor und Sicherheitsexperte Eric T. Hansen.

von
Désirée Pomper
Der amerikanische Autor Eric T. Hansen über die Ukraine-Krise: «Viele Europäer haben verlernt, wie die Welt funktioniert. Sie haben sich daran gewöhnt, dass sie sich in Krisensituationen auf die USA verlassen können.»

Der amerikanische Autor Eric T. Hansen über die Ukraine-Krise: «Viele Europäer haben verlernt, wie die Welt funktioniert. Sie haben sich daran gewöhnt, dass sie sich in Krisensituationen auf die USA verlassen können.»

Herr Hansen, laut dem Sicherheitsbericht der Schweiz 2014 befindet sich Europa zunehmend auf verlorenem Posten: Die Einflussnahme Russlands auf dem europäischen Kontinent wächst, die USA orientieren sich zunehmend an Asien. Stehen wir wirklich so unter Druck?

Auf jeden Fall. Russland rüstet auf. Seit 2011 läuft ein auf über 500 Milliarden Franken dotiertes zehnjähriges Rüstungsprogramm. Und Wladimir Putin hat in der Ukraine ja soeben demonstriert, dass er auf EU-Regeln pfeift. Gleichzeitig wenden sich die USA zunehmend von Europa ab. Sie haben keine Lust mehr, weiterhin den grossen Beschützer zu spielen.

Warum nicht?

Die Amerikaner haben das Gefühl, die Europäer sollten jetzt selber auf sich aufpassen. Man habe schliesslich seine Pflicht getan während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs. Sie konzentrieren sich jetzt auf Asien und Südamerika. Es wird Zeit, dass Europa Verantwortung für sich selber übernimmt.

Europa scheint mit dieser neuen Situation allerdings etwas überfordert…

Sie macht Europa Angst. Europa ist wie ein Teenager, der noch zu Hause lebt, von Mama und Papa beschützt und finanziert wird und gegen den Kapitalismus wettert. Jetzt aber muss er sich in der grossen weiten Welt behaupten, einen Job suchen, vor dem Chef kuschen und sich überlegen, ob er sein Geld für ein Bier ausgibt oder Amnesty International spendet.

Die EU hat also den Bezug zur Realität verloren?

Ja. Viele Europäer haben verlernt, wie die Welt funktioniert. Sie haben sich daran gewöhnt, dass sie sich in Krisensituationen auf die USA verlassen können. Während die USA ihnen den Rücken freigehalten haben, konzentrierten sich die Europäer auf ihren Wohlstand und entwickelten eine starke Moralpolitik. Ihr Ziel: Das Böse aus der Welt zu schaffen. Dazu gehören die Banken, die Manager, der Kapitalismus und die Globalisierung. Dabei vergisst man, dass dies doch die Grundlage für den Wohlstand ist, ohne die es Westeuropa so gar nicht gäbe.

Warum ist Moralpolitik in Europa im Vergleich zu den USA so stark?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sich die jüngere Generation von den Nazis distanzieren. Es gab einen starken Schwenker zum Moralischen. Werte wie politische Korrektheit, Toleranz und soziale Gerechtigkeit wurden extrem wichtig. Es gibt die politische Erwartung, dass die Welt ohne Konflikte funktionieren muss. Viele Europäer denken, dass wir nur nett zueinander sein müssen, und alles ist gut. Der Mensch wird als moralisches Wesen verstanden.

Was ist so schlimm daran?

Ich mag die europäische Moralvorstellung eigentlich. Sie ist im Grunde gut. Aber wenn man sie verabsolutiert, dann ist das naiv. In gewissen Situationen muss man mittels Machtpolitik klar seine Interessen vertreten. Sonst passiert das, was jetzt der Fall ist: Russland annektiert Stück für Stück Teile Europas und Europa schaut zu. Viele konnten sich gar nicht mehr vorstellen, dass es auch in Europa Länder gibt, die Macht ausüben wollen. Doch genau das ist nun passiert. Putin hat die Regeln gebrochen und demonstriert, dass er auf die EU-Regeln pfeift. Jetzt weiss Europa nicht, wie es damit umgehen soll. Viele Europäer sind so stark auf Moralpolitik gepolt, dass sie die Grenzen nicht sehen. Europa hat vergessen, dass man für seine Interessen auch kämpfen muss. Europa ist dumm und naiv geworden.

Immerhin war Westeuropa in den letzten 60 Jahren an keinem Krieg beteiligt – im Gegensatz zu den USA.

Es reicht nicht, stolz darauf zu sein, die letzten 60 Jahre keinen Krieg gehabt zu haben und mit Anti-Kriegs-Plakaten an Demos zu gehen. Das ist eine Haltung, aber keine Politik. Es führt nur dazu, dass man ein gutes Gefühl hat, es ist pure Selbstbeweihräucherung. Aber man bewirkt nichts. Die EU verkennt, dass sie auch eingreifen muss, um Frieden zu schaffen

Sie verklären die Machtpolitik. Schliesslich haben Grossmächte wie die USA mit ihren militärischen Interventionen nicht nur Gutes bewirkt.

Natürlich übertreibt es das Land mit Interventionen. Doch die USA haben viel Gutes bewirkt. Sogar die Irak-Intervention, die ein Fehler war, hatte eine positive Wirkung. Ich glaube, dass die demokratischen Aufstände im ganzen arabischen Raum nicht möglich gewesen wären, wenn man nicht gesehen hätte, dass auch ein Diktator gestürzt werden kann. Während des Kalten Krieges haben die USA so lange Druck gemacht, bis die Sowjetunion zusammengebrochen ist. Oder Nigeria: Europa fühlt sich nicht verantwortlich dafür, Antiterroreinheiten zu entsenden, um die von Islamisten entführen Schulmädchen zu retten. Das sollen die USA regeln. Europa sieht sich als Ausnahme. Niemand erwartet etwas von Europa.

Aber ist es denn nicht besser zu kuschen, als mit Machtpolitik auf das Gebaren Putins zu reagieren und so ein Blutvergiessen zu provozieren?

Das stimmt historisch nicht. Als Hitler expandierte, wollten die Briten abwarten und schauen, was passiert. Das Resultat war, dass Hitler einmarschierte. Die Europäer haben die Einstellung: Menschen sind eigentlich gut. Wir müssen ihnen einfach mehr zutrauen. Diese Einstellung kann verheerend sein.

Was für eine Stellung wird Europa in 20 Jahren haben, wenn es keine Machtpolitik betreibt?

Westeuropa ist reich und wird reich bleiben. Es wird weiter Autos produzieren und diese auch verkaufen. Aber es stagniert kulturell, wirtschaftlich und politisch. Alle sehnen sich nach dem Europa des 19. Jahrhunderts, als es noch politische Führerfiguren und Ideenreichtum gab. Europa wird vollends von der Weltbühne verschwinden. Man muss sich fragen: Ist es wirklich das, was man will? Und was haben wir jetzt für Politiker an der Macht? Die Europäer beschreiben sich selber als rational und sachlich. Gleichzeitig wählen sie Führer, die grenzwertig sind: einen korrupten Berlusconi, Sarkozy, der sich wie ein Rockstar aufführte, Hollande mit seinem linken Populismus. Einzig Angela Merkel scheint vertrauenswürdig.

Und die Schweiz?

Die Schweiz war schon immer auf Wohlstand statt auf politischen Einfluss gepolt. Viele Schweizer wollen einfach ihren Reichtum geniessen. Doch was hat die Schweiz der Welt geschenkt? Lassen Sie mich Orson Welles zitieren: «Italien hatte unter der dreissigjährigen Herrschaft der Borgias Krieg, Terror, Morden und Blutvergiessen, aber es gab uns Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz hatten sie Bruderliebe, 500 Jahre Frieden und Demokratie. Und was brachte das? Die Kuckucksuhr!»

Die Kuckucksuhr stammt nicht aus der Schweiz. Aber bleiben wir dennoch bei der Schweiz: Am 18. Mai stimmen wir über den Gripen ab. Als Befürworter der Machtpolitik sind Sie sicher der Meinung, dass die Schweiz eine Luftwaffe braucht, oder?

Ja und nein. Es kommt darauf an, wie sich Europa entwickelt. Entwickelt sich die EU zu einer starken Union mit einer richtigen Zentralbank und einem gemeinsamen Aussenministerium, dann würde sich eine eigene Luftwaffe erübrigen. Zerfallen die Länder aber in abgeschottete Nationalstaaten, dann braucht die Schweiz ein starkes Militär mit einer Luftwaffe. Sonst läuft sie Gefahr, von den Nachbarstaaten abhängig zu werden.

Und welches Szenario ist wahrscheinlicher?

Ich zweifle inzwischen daran, dass die EU es schafft, ein starkes, geschlossenes Europa aufzubauen. Man hat Angst vor einer starken EU. Ist man stark, würde man zu einem ernst zu nehmenden Gegner – auch für Russland beispielsweise. Die EU-Länder ziehen es aber vor, sich hinter dem Kleinstaat zu verstecken.

Für wie wahrscheinlich halten Sie einen weiteren Weltkrieg?

Für sehr unwahrscheinlich. Wenn Russland die Ukraine angreifen würde, würde keiner der Alliierten die Ukraine verteidigen. Das Land ist einfach für niemanden wichtig genug. Gegen einen weiteren Weltkrieg sprechen die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den Grossmächten. Diese sind einfach zu stark.

Sicherheit Schweiz

Die Schweiz und Europa stehen international zunehmend auf verlorenem Posten da. Das geht aus dem Lagebericht 2014 des Nachrichtendienstes der Bundes NDB «Sicherheit Schweiz» hervor. Während Russland seine Einflussnahme auf Europa verstärke und aufrüste, sei es fraglich, ob Europa auf die Rückendeckung der USA zählen könne: Es stelle sich die Frage, ob die USA «in einer Ära aufstrebender machtpolitischer Pole im asiatischen Osten ihre traditionelle Verantwortung für die Stabilität der Ordnung in Europa» künftig wahrnehmen würden, heisst es. dp

Eric T. Hansen ist ein amerikanischer Buchautor und «Zeit»-Kolumnist. Sein neustes Buch heisst: «Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss.»

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