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«Europameister gegen den Rest der Welt»

Auch in diesem Jahr wird «Weltklasse Zürich» seinem Namen mehr als gerecht. Das vierte von sechs Golden-League-Meetings nimmt Abschied vom alten Letzigrund. Mit 20minuten.ch sind Sie ab 20 Uhr live dabei.

Dem Anlass entsprechend könnte die Besetzung kaum besser sein. In 18 der 19 Disziplinen sind die Jahresbesten am Start. Insgesamt stehen 15 Olympiasieger, 14 Weltmeister von Helsinki 2005 sowie 18 in der vergangenen Woche in Göteborg gekürte Europameister in den Teilnehmerlisten. Die Affiche des Meetings lautet denn auch «Europameister gegen den Rest der Welt».

Zahlreiche spannende Wettkämpfe sind garantiert. Zum ersehnten Duell der Sprinter Asafa Powell (Jam) und Justin Gatlin (USA), die mit 9,77 Sekunden gemeinsam den Weltrekord inne haben, wird es allerdings nicht kommen. Olympiasieger und Weltmeister Gatlin blieb Ende April in einer Dopingprobe (Testosteron) hängen und dürfte als Wiederholungstäter lebenslang gesperrt werden. Dennoch kündigt sich das 100-m-Rennen als einer der Höhepunkte des Abends an, denn Powell ist bei guten Bedingungen immer für eine Weltbestleistung gut. Zudem erhält er mit dem portugiesischen Doppel-Europameister Francis Obikwelu einen formstarken Herausforderer.

Der heisseste Weltrekord-Kandidat ist allerdings der Katari Saif Saaeed Shaheen über 3000 m Steeple. Der gebürtige Kenianer, der früher Stephen Cherono hiess, macht kein Hehl daraus, dass er die selber gehaltene Marke von 7:53,63 unterbieten will. Umso mehr, als Zürich sein Lieblings-Meeting ist und er dem Veranstalter damit ein schönes Abschiedsgeschenk machen könnte. Bislang gab es 23 Weltrekorde im Letzigrund. Die letzten (regulären) liegen allerdings schon neun Jahre zurück; die 3000-m-Steeple-Bestmarke von Brahim Boulami (Mar) am 16. August 2002 wurde nach positivem Dopingbefund (EPO) nicht anerkannt.

«Es ist mein Traum, den Rekord zu brechen. Ich habe 7:48 in meinem Kopf», sagte Shaheen. Darauf angesprochen, dass dies ganz schön schnell sei, entgegnete er: Wenn es die Tempomacher schaffen würden, die ersten 2000 m in 5:15 anzugehen, dann seien die 7:48 möglich. Der Weltmeister hat in diesem Jahr erst ein Rennen über 3000 m Steeple bestritten, wobei er Anfang Juli in Athen mit der Jahresweltbestleistung von 7:56,32 die sechstbeste je erzielte Zeit auf dieser Strecke realisierte.

Wer holt den Jackpot?

Neben der Jagd nach Bestzeiten steht der Kampf um den Jackpot, der heuer zweigeteilt ist, im Mittelpunkt des Interesses. Die Sieger von fünf Golden-League-Meetings partizipieren an 500 000 Dollar. Wer gar in sämtlichen sechs Veranstaltungen der höchsten Kategorie gewinnt, bekommt einen Teil von weiteren 500 000 Dollar. Mit Powell, Jeremy Wariner (USA/400 m), Sanya Richards (USA/400 m) und Doppelweltmeisterin Tirunesh Dibaba (Äth/5000 m) können sich noch vier Athleten Hoffnungen auf den gesamten Jackpot machen. Während die beiden Männer wohl kaum zu bezwingen sind, treffen Richards mit Olympiasiegerin und Weltmeisterin Tonique Williams- Darling (Bah) sowie Dibaba mit Olympiasiegerin und Weltrekordhalterin Meseret Defar (Äth) auf harte Konkurentinnen.

Alex Martinez will sich rehabilitieren

Fünf Jahre sind vergangen, seit mit heuer pausierenden André Bucher letztmals ein Schweizer bei «Weltklasse Zürich» einen Wettkampf gewann. Auch diesmal dürften die Einheimischen nur Nebenrollen spielen.

Der Einzige, der vom Potenzial her mit der absoluten Weltspitze mithalten kann, ist Dreispringer Alexander Martinez. Der gebürtige Kubaner, der seit Februar den Schweizer Pass besitzt, weist eine persönliche Bestleistung von 17,51 m auf - erzielt im vergangenen Jahr in Bern. Bloss fünf Athleten sprangen heuer weiter, wovon mit dem Jahresbesten Walter Davis (USA), Europameister Christian Olsson (Sd), Yoandri Betanzos (Kuba) sowie Jadel Gregorio (Br) vier in Zürich dabei sind.

Die Konkurrenz ist für Martinez also sehr gross. Dennoch ist ihm fünf Tage vor seinem 29. Geburtstag Einiges zuzutrauen, zumal er an seinem Heim-Meeting - er ist Mitglied des LC Zürich - viel gutzumachen hat. An den Europameisterschaften in Göteborg belegte der studierte Sportlehrer am letzten Samstag im Final mit bescheidenen 16,80 m lediglich Rang 9.

Als zweiter Schweizer Topathlet startet Christian Belz über 5000 m. Der bald 32-jährige Berner, der demnächst Vater wird, verpasste an den EM als Vierter über die doppelte Distanz nur knapp eine Medaille. In Zürich wird er angesichts der übermächtigen Afrikaner, die vom äthiopischen Weltrekordhalter Kenenisa Bekele angeführt werden, nichts mit dem Ausgang des Rennens an der Spitze zu tun haben. Ein verlockendes Ziel bietet sich ihm dennoch: der Schweizer Rekord von Markus Ryffel aus dem Jahre 1984 (13:07,54). Belz' Bestzeit liegt bei 13:12,16. Die Voraussetzungen für den Ehemann von Anita Brägger sind sicherlich gut, denn die Form stimmt und für das nötige Tempo ist gesorgt. Es wäre die 58. nationale Bestleistung im Letzigrund.

Gespannt sein darf man auch auf den Auftritt von Speerwerfer Stefan Müller. Der 27-jährige Winterthurer übertraf in Göteborg als erster Schweizer mit dem «neuen» Speer die 80-m-Marke, und dies gleich zweimal. Mit 80,87 wurde er im Final ausgezeichneter Siebter. Als weitere Schweizer EM-Teilnehmer sind Andreas Baumann (100 m), Pierre Lavanchy (400 m), Ivan Bitzi (110 m Hürden), Andreas Kundert (110 m Hürden), Christian Grossenbacher (400 m Hürden), Felix Loretz (Speer) und Marco Cribari (200 m U23) gemeldet.

Letzter Akt im alten Letzigrund

Das 56. Meeting «Weltklasse Zürich» ist der letzte Akt in der Geschichte des altehrwürdigen Letzigrunds. Deshalb gibt es nach den Wettkämpfen eine emotionale Reise durch die traditionsreiche Vergangenheit, wobei zahlreiche Stars, die das Meeting zu dem gemacht haben, was es heute ist, zugegen sein werden. Unter anderen werden Armin Hary, Wilson Kipketer, Hicham El Guerrouj, Greg Foster und Heike Drechsler erwartet. Auch die Schweizer Prominenz wie Werner Günthör, Markus Ryffel, Meta Mathys-Antenen oder Cornelia Bürki ist vor Ort.

Am kommenden Montagabend findet dann eine weitere kleine Abschiedsfeier (»Auf Wiedersehen Letzigrund») statt, ehe die Abbrucharbeiten beginnen. Der Neubau soll Anfang September 2007 eröffnet werden, damit das traditionsreiche Meeting im nächsten Jahr am 7. September an gleicher Stätte über die Bühne gehen kann.

Dass «Weltklasse Zürich» in diesem Jahr überhaupt nochmals im Letzigrund durchgeführt wird, ist ein logistisches Meisterwerk; bereits seit vergangenem November wird rund um das Stadion fleissig gebaut. Die Rohbauarbeiten der Haupttribüne sind schon weit fortgeschritten. Deshalb wurde der Aufwärmplatz in den benachbarten Utogrund verlegt, wo YF Juventus in der Challenge League spielt. Und für die Zuschauer stellte man provisorische Zugänge auf.

«Es ist ausserordentlich, was gemacht wurde, um die Veranstaltung durchzuführen», erklärte der abtretende Meeting- Präsident Hansjörg Wirz. Er gab aber auch zu, dass das bisherige Stadion die Organisatoren daran gehindert hätte, auf allen Ebenen die bestmögliche Qualität zu erreichen; in der neuen Arena ergeben sich ab 2007 bessere Möglichkeiten. Für die Zukunft von «Weltklasse Zürich» ist auch insofern gesorgt, als der frühere Meetingdirektor Res Brügger am Mittwoch den Vertrag mit Hauptsponsor UBS um vier Jahre verlängern konnte. (si)

Zeitplan

Ab 17.45 Uhr: Schüler/Junioren.

18.20 Uhr: 800 m U23 Frauen.

18.30 Uhr: Diskus Männer.

18.30 Uhr: 1500 m U23 Männer.

18.40 Uhr: 200 m U23 Männer.

18.50 Uhr: 400 m Hürden Männer (B-Serie).

19.00 Uhr: 100 m Frauen (B-Serie).

19.10 Uhr: Athletenpräsentation.

19.25 Uhr: Weit Männer.

19.30 Uhr: 1500 m Rollstuhl.

19.30 Uhr: Hoch Frauen.

19.40 Uhr: 110 m Hürden Männer (B-Serie).

19.40 Uhr: Stab Männer.

19.45 Uhr: 800 m Männer (B-Serie).

19.50 Uhr: 100 m Männer (B-Serie).

20.05 Uhr: 800 m Frauen.

20.15 Uhr: 110 m Hürden Männer.

20.20 Uhr: 5000 m Frauen.

20.25 Uhr: Speer Männer.

20.40 Uhr: 400 m Hürden Männer.

20.50 Uhr: 100 m Männer.

21.00 Uhr: Drei Männer.

21.00 Uhr: 3000 m Steeple Männer.

21.15 Uhr: 100 m Hürden Frauen.

21.25 Uhr: 1500 m Männer.

21.35 Uhr: 400 m Frauen.

21.45 Uhr: 800 m Männer.

21.55 Uhr: 100 m Frauen.

22.00 Uhr: 5000 m Männer.

22.20 Uhr: 400 m Männer.

22.25 Uhr: Präsentation der Sieger.

22.30 Uhr: Abschlussfeier Stadion Letzigrund.

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