Aktualisiert 05.03.2008 12:29

Euter zugeklebt: Leiden für die Schönheit

Damit die Euter der Kühe an Viehschauen prall und schön aussehen, greifen Landwirte zu unorthodoxen Methoden: Sie verkleben die Zitzen, damit die Milch nicht ausläuft. Tierschützer machen nun mobil gegen die Viehzüchter.

von
Tina Fassbind

«Pervers und tierverachtend» seien die Methoden, die an der Fachmesse für Nutztierhaltung «Tier+Technik» vom Ende Februar in St. Gallen angewendet wurden. Das jedenfalls lässt der Verein gegen Tierfabriken VgT in einer Medienmitteilung verlauten. «Damit die Kühe vor der Jury ein schön pralles Euter haben, werden sie nicht gemolken, und damit die Milch nicht heraustropft, werden ihnen mit einem Kunststoffkleber die Zitzen zugeklebt. Die Hochleistungskühe leiden unter Milchdruck», heisst es weiter.

Die Tierschützer des VgT sind den Hinweisen eines Viehhändlers gefolgt, der «solche Methoden ablehnt und mit Doping vergleicht». Die Mitglieder des Vereins haben die Vorbereitungen der Landwirte bei der Braunviehzüchter-Ausstellung beobachtet und dabei entdeckt, dass «nicht wenige von ihnen tatsächlich die Zitzen mit einem transparenten Kleber zuklebten.»

«Das ist kein Klebstoff, den man in der Papeterie kauft»

Beim Schweizerischen Braunviehzuchtverband kennt man diese Methode. Von Tierquälerei könne aber nicht die Rede sein. «Das Tier merkt nichts von dem Kleber. Das ist nicht schmerzhaft für eine Kuh. Der Kleber wird wieder entfernt, wenn das Tier erneut gemolken wird», erklärt Dr. Jürg Moll, Vizedirektor Schweizer Braunviehzuchtverband, gegenüber 20minuten.ch. «Das ist kein Klebstoff, den man in der Papeterie kauft, sondern ein spezielles Produkt, das auch besonders leicht entfernt werden kann.»

Moll weiss, dass dieser Klebstoff neben Viehausstellungen auch in den Stallungen der Viehzüchter zum Einsatz kommt: «Normalerweise verhindert ein Schliessmuskel im Strich, der Zitze am Kuheuter, dass die Milch ausläuft. Es kommt vor, dass bei Kühen wegen einer Verletzung oder genetisch bedingt diese Schliessmuskeln nicht mehr gut funktionieren. Dann kommt dieser Kleber zum Einsatz.» Milch sei ein gutes Nährmedium für Bakterien und Krankheitserreger, so Moll, «wenn also eine Kuh auf dem Stallboden liegt und die Milch auf das Stroh gelangt, können sich im Stall, aber auch in der Zitze der Kuh Erreger einnisten und vermehren. Das kann zu einer Entzündung der Kuheuter führen.»

«Verkleben der Zitzen ist kein Problem»

Solche Fälle seien allerdings eher selten, deswegen findet Jürg Moll die Anwendung des Klebers nicht problematisch: «Das Ziel ist natürlich, dass die Kühe nicht krank werden. Man muss sich fragen, welche Alternativen die Bauern zur Applikation dieses Klebers hätten. Wenn ein Landwirt das Auslaufen der Milch ignoriert, hat er ein hygienisches Problem. Die andere Variante wäre, dass die Kuh geschlachtet wird.»

«Uns sind ein paar solche Fälle bekannt, in denen die Zitzen von Kühen mit einem Leim zugeklebt wurden», bestätigt auch Prof. Dr. Mireille Meylan, stv. Leiterin der Wiederkäuerklinik Bern. Sie spricht zwar ebenfalls davon, dass es sich hier lediglich um wenige «schwarze Schafe» in der Landwirtschaft handle. Anders als Jürg Moll ist sie jedoch der Meinung, dass diese Methode für die Tiere schmerzhaft ist.

Zwei Arten von Leim

«Es gibt zwei verschiedene Arten von Leim», sagt die Tierärztin. «Der eine fühlt sich flexibel an wie Gummi. Die Zitze wird dabei in den Leim getunkt, sodass sich ein äusserlicher Film über dem Strich bildet. Dieser Spezialkleber ist extra für die Anwendung im Stall entwickelt worden.» Ganz anders verhält es sich gemäss Mireille Meylan bei dem Klebstoff, der an Schauen verwendet wird: «Dieser Leim wird steinhart wie Kunstharz. Das ist schon bei einer äusserlichen Anwendung schmerzhaft für das Tier. Wenn der Leim jedoch in die Zitzen gerät, dann ist das ein Fremdkörper, der reizt und zu Entzündungen führen kann. Das ist nicht in Ordnung und nicht tierschutzkonform.»

Strafanzeige gegen Schauteilnehmer

Der Verein gegen Tierfabriken will diese Methoden nicht weiter tolerieren. Er hat nun gegen mehrere der Schauteilnehmer der Fachmesse für Nutztierhaltung, welche die Zitzen ihrer Kühe verklebten, Strafanzeigen eingereicht. Zum Tatbestand der Tierquälerei gehöre nicht nur die Applikation des Leims, sondern auch das Wegreissen des Klebers von den Zitzen, wenn die Schau vorbei ist.

Haltung des Schweizer Bauernverbandes: «Wir denken, dass das nicht dramatisch ist. Natürlich sind wir dagegen, dass Tiere Schmerzen erleiden. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass die Bauern verantwortungsvoll mit ihrem Vieh umgehen», Urs Schneider, Leiter Kommunikation vom Schweizerischen Bauernverband. «Es kommt vor, dass die Landwirte ihre Kühe an Ausstellungen später melken. Dass aber ein Kleber angewendet wird, um die Euter praller wirken zu lassen, ist wohl eher die Ausnahme als die Regel.»

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