Abstimmungen vom 25. September: «Eveline Widmer-Schlumpf hätte die Situation ändern können, sie hat es nicht gemacht»

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Abstimmungen vom 25. September«Eveline Widmer-Schlumpf hätte die Situation ändern können, sie hat es nicht gemacht»

Die Ex-Bundesrätin rät allen Frauen zu mindestens einem 70-Prozent-Job, um eine bessere Altersrente zu haben. Politikerinnen kritisieren das. 

von
Claudia Blumer
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SP-Nationalrätin Tamara Funiciello ärgert sich über die Forderung von Ex-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf: «Sie hätte als Bundesrätin die Rahmenbedingungen ändern können. Sie hat es nicht gemacht. Und jetzt fordert sie von uns, dass wir länger arbeiten sollen - sie, die seit dem 59. Lebensjahr eine Rente von 200’000 Franken bekommt.»

SP-Nationalrätin Tamara Funiciello ärgert sich über die Forderung von Ex-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf: «Sie hätte als Bundesrätin die Rahmenbedingungen ändern können. Sie hat es nicht gemacht. Und jetzt fordert sie von uns, dass wir länger arbeiten sollen - sie, die seit dem 59. Lebensjahr eine Rente von 200’000 Franken bekommt.»

Tamedia
Eveline Widmer-Schlumpf ist heute Präsidentin von Pro Senectute Schweiz und vertritt als solche die Ja-Parole zur AHV-Reform, über die am 25. September abgestimmt wird. Die Revision sei wichtig und im Sinne der Frauen, sagt Widmer-Schlumpf in einem Interview mit der NZZ am Sonntag.

Eveline Widmer-Schlumpf ist heute Präsidentin von Pro Senectute Schweiz und vertritt als solche die Ja-Parole zur AHV-Reform, über die am 25. September abgestimmt wird. Die Revision sei wichtig und im Sinne der Frauen, sagt Widmer-Schlumpf in einem Interview mit der NZZ am Sonntag.

Esther Michel
SP-Nationalrätin Min Li Marti hat Verständnis für die Forderung, dass Frauen in höheren Pensen arbeiten sollen. Doch es sei «nicht wahnsinnig liberal», dies den Frauen und Paaren zu verordnen.

SP-Nationalrätin Min Li Marti hat Verständnis für die Forderung, dass Frauen in höheren Pensen arbeiten sollen. Doch es sei «nicht wahnsinnig liberal», dies den Frauen und Paaren zu verordnen.

Tamedia

Darum gehts

  • Ex-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf polarisiert mit der Forderung, jede Frau solle mindestens 70 Prozent arbeiten.

  • Dies, um für das Alter gerüstet zu sein. Das Leben könne auch nach 65 noch lange weitergehen, sagt die Präsidentin der Pro Senectute.

  • Politikerinnen von links bis rechts reagieren darauf kritisch. Frauen arbeiteten heute schon mehr als Männer, sagt etwa Tamara Funiciello.

Ist die AHV-Reform gut oder schlecht für Frauen? Linke Parteien und Gewerkschaften sehen eine Benachteiligung. Für bürgerliche Parteien und Verbände hingegen ist es ein Akt der Gleichstellung, dass künftig auch Frauen mit 65 pensioniert werden sollen. Umfragen zeigen, dass die Befürworter leicht im Vorsprung sind.

Zu ihnen gehört auch die frühere Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP), heute Präsidentin der Pro Senectute. Die AHV-Revision sei für Frauen keine Benachteiligung, sagt sie im Interview mit der NZZ am Sonntag (Bezahlartikel). Es sei wichtig, den Frauen aufzuzeigen, dass die AHV nicht das Problem sei, dass die Ungleichheiten in anderen Bereichen liegen. Die Finanzierung der AHV aufs Spiel zu setzen, sei riskant.

«Frau Widmer-Schlumpf bekam mit 59 eine Rente»

Auf die Frage, was sie einer 30-jährigen Frau raten würde, damit sie im Alter ein einigermassen gutes Leben führen kann, sagt die 66-jährige Bündnerin: «Jede Frau sollte heute mindestens 70 Prozent erwerbstätig sein, um ein Leben führen zu können, das demjenigen vor Eintritt ins Rentenalter entspricht. Bei Kleinpensen wird das schwierig.» Auch die Mutterschaft soll Frauen nicht zu einer längeren Pause verleiten: «Wenn Sie eine Pensionskassenrente aufbauen wollen, ist ein minimales Jahreseinkommen von mehr als 20’000 Franken aus einer Anstellung wichtig.»

Das sei völlig weltfremd, sagt SP-Nationalrätin Tamara Funiciello. Widmer-Schlumpf ignoriere, dass zahlreiche Ungerechtigkeiten dazu führten, dass Frauen weniger erwerbstätig sind. Angefangen bei den 25’000 Kita-Plätzen, die im Land fehlten. «Eveline Widmer-Schlumpf hätte als Bundesrätin die Rahmenbedingungen ändern können. Sie hat es nicht gemacht. Und jetzt fordert sie von uns allen, Männer wie Frauen, dass wir länger arbeiten sollen - sie, die seit dem 59. Lebensjahr eine Rente von 200’000 Franken bekommt.» Dabei sehe die Ex-Bundesrätin über die Tatsache hinweg, dass viele Frauen in unattraktiven, körperlich anstrengenden Berufen schon weit vor dem Pensionsalter erschöpft und gesundheitlich beeinträchtigt seien.

Das ganze System sei zulasten der Frauen mit tiefen und mittleren Einkommen, sagt Funiciello, und dies werde mit der vorliegenden Reform noch verstärkt: «Frauen sollen mehr und länger arbeiten. Das können sie nur, wenn ihre Kinder von den Grosseltern oder von Kita-Angestellten betreut werden, dies wiederum zu einem Minimallohn, der nie und nimmer für eine anständige Rente reicht.»

«Nicht wahnsinnig liberal»

Widmer-Schlumpfs Forderung erntet links und rechts Kritik - links, weil Frauen kritisiert werden; rechts, weil sie mit ihrem Vorschlag auch das traditionelle Familienmodell angreift. Das sei eine «dirigistische Vorgabe», sagt SVP-Nationalrätin Monika Rüegger der NZZ am Sonntag.

SP-Nationalrätin Min Li Marti hat ein gewisses Verständnis für die Forderung. «Tatsächlich sind Kleinpensen betrieblich schwierig, und die Frauen sind damit nicht genügend abgesichert für den Fall einer Scheidung oder eines Schicksalsschlags - abgesehen von der tieferen Altersrente.» Auf der anderen Seite sei es «nicht wahnsinnig liberal», den Frauen und Paaren vorzuschreiben, wie sie sich arrangieren sollen.

«Zuerst Gleichstellung»

Min Li Marti tritt am Montag mit Grüne-Ständerätin Maya Graf vor die Medien, namens des Komitees «Gleichstellung zuerst!», welches gegen die AHV-Reform antritt. Maya Graf sagt auf Anfrage: «Ich finde die Forderung von alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im Ansatz absolut richtig.» Doch zuerst müssten die Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter anderem bezahlbare flächendeckende Kinderbetreuung, Lohngleichheit, eine Reform der beruflichen Vorsorge, Individualbesteuerung und mehr Wiedereinstiegschancen für Frauen nach der Familienphase.

Danielle Axelroud, Mitglied des Komitees «Gleichstellung zuerst!», schlägt stattdessen vor, die AHV-Renten zu verdoppeln. So würde die unbezahlte und vor allem von Frauen erledigte Arbeit im Alter besser honoriert. Die Genfer Nationalrätin Stefania Prezioso fordert dies in einer parlamentarischen Initiative, die sie im Frühling eingereicht hat. Demnach soll die zweite Säule aufgehoben und die AHV-Renten sollen auf 4000 bis maximal 8000 Franken pro Person angehoben werden. 


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