Drittimpfung – Ex-BAG-Chef: «Der Bund hat den Booster verschlafen»
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Drittimpfung«Es ist jetzt 5 vor 12»

Über 65-Jährige müssen auf eine Drittimpfung teilweise wochenlang warten. Das sei inakzeptabel, sagen Politiker. Ex-BAG-Vize Andreas Faller fordert eine Untersuchung.

von
Claudia Blumer
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Andreas Faller, ehemaliger Vizedirektor Bundesamt für Gesundheit, fordert eine unabhängige Aufarbeitung der Corona-Pandemie.

Andreas Faller, ehemaliger Vizedirektor Bundesamt für Gesundheit, fordert eine unabhängige Aufarbeitung der Corona-Pandemie.

Henry Muchenberger
Für Martin Bäumle, Nationalrat der Grünliberalen, ist es unverständlich, dass die Verantwortlichen nicht schon viel früher aktiv geworden sind.

Für Martin Bäumle, Nationalrat der Grünliberalen, ist es unverständlich, dass die Verantwortlichen nicht schon viel früher aktiv geworden sind.

LMS
Auch Mitte-Nationalrat Lorenz Hess sagt: «Was jetzt passiert, ist unverständlich.»

Auch Mitte-Nationalrat Lorenz Hess sagt: «Was jetzt passiert, ist unverständlich.»

Marcel Bieri

Darum gehts

  • Wer über 65 ist und einen Termin für eine Drittimpfung will, wartet je nach Kanton mehrere Wochen.

  • Für die flächendeckende Drittimpfung ab Dezember seien die Kantone schlecht gerüstet, schreibt die «SonntagsZeitung».

  • Politiker kritisieren dies als inakzeptabel. Seit Monaten wisse man, dass die Booster-Impfung komme. Die Verantwortlichen beim Bund und bei den Kantonen hätten nicht vorgesorgt.

  • Ex-BAG-Vizedirektor Andreas Faller fordert eine Untersuchung der Covid-Pandemie durch eine unabhängige Kommission. Damit sich solche Fehler nicht wiederholen.

Andreas Faller, früher Vizedirektor beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), kennt über 65-Jährige, die sich für eine Booster-Impfung anmelden wollten, denen jedoch beschieden wurde: «Kommen Sie Mitte Dezember.»

Es ist nicht das einzige Beispiel. Wer über 65 ist und sich ein drittes Mal impfen lassen will, muss je nach Kanton warten. Davon berichteten mehrere Personen. «Der Bund hat den Booster verschlafen», sagt Andreas Faller.

Dabei wisse man seit dem Sommer, dass die Booster-Impfung spätestens im Herbst aktuell wird. «Die zuständigen Behörden hätten sich auf die Drittimpfung vorbereiten können, und haben es aus unerfindlichen Gründen nicht gemacht.» Nun fehlt in einigen Kantonen offenbar die Kapazität, wie die «SonntagsZeitung» berichtet (Bezahlartikel). Bern beispielsweise könne wohl erst im Januar mit der flächendeckenden Drittimpfung beginnen.

Das sorgt auch unter den Leserinnen und Lesern für Kritik. Etwa: «Ich verstehe es nicht. Warum konnte in der nationalen Impfwoche nicht geboostert werden? Nein, man zwingt lieber Ungeimpfte dazu, sich impfen zu lassen, als die Impfung jenen zu geben, die sie wollen.»

Untersuchung wie mit der Bergier-Kommission

«Ich frage mich schon, wie oft man denselben Fehler wiederholen darf», sagt Gesundheitsexperte Faller, der heute als Anwalt und Berater tätig ist. Schon vor einem Jahr sei die Schweiz gegenüber anderen Ländern in Verzug gewesen. «Die Pandemiepolitik des Bundes, der Kantone und weiterer involvierter Behörden muss von einer unabhängigen Kommission lückenlos untersucht werden», fordert Faller. «Im Sinne der Bergier-Kommission, welche die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg beleuchtet hat, braucht es auch hier eine neutrale, verwaltungsunabhängige Kommission, welche die Covid-Krise untersucht, um die Lehren zu ziehen. Die politisch Verantwortlichen sollen sich nicht mit Ausreden aus der Affäre ziehen können.»

Es liege nicht nur am komplexen System Schweiz und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen. «Das ist oft eine Ausrede. Es gibt auf allen Ebenen Personen, die entschlossen handeln, und andere, die zuwarten.»

Wenn die Versäumnisse nun zu härteren Massnahmen wie Lockdown oder 2G-Zertifikatspflicht führten, sagt Faller, sei das inakzeptabel. «Es darf nicht sein, dass die Freiheit der Bevölkerung weiter eingeschränkt wird, weil Verantwortliche ihren Job nicht gemacht haben.»

«Es darf nicht sein, dass die Freiheit weiter eingeschränkt wird, weil Verantwortliche ihren Job nicht gemacht haben.»

Andreas Faller, ehemaliger Vizedirektor Bundesamt für Gesundheit

Auch Politiker kritisieren die Situation. «Der Bundesrat gefährdet mit seiner Impfstrategie Menschenleben», sagte SVP-Nationalrat und Verleger Roger Köppel kürzlich auf «Weltwoche Daily». Dies, weil der Bundesrat zu wenig auf Vulnerable fokussiere, sondern eine möglichst breite Durchimpfung anstrebe. Das räche sich jetzt, sagt Köppel. «Ältere Personen, die sich boostern lassen wollen, können nicht. Das ist ein Skandal.»

«Im Januar hiess es noch, man habe nicht so schnell mit der Impfung gerechnet», sagt GLP-Nationalrat Martin Bäumle. «Doch jetzt gibt es keine Ausreden mehr.» Es sei ihm unverständlich, dass die Verantwortlichen nicht schon viel früher aktiv geworden sind. Schon lange zeichne sich ab, dass die Impfnachfrage stagniere und die Drittimpfung eine Alternative für die möglichst hohe Immunisierung der Bevölkerung sei. «Dass heute 75-Jährige auf eine Booster-Impfung warten müssen, ist ein absolutes No-Go.»

«Es muss jetzt einfach eine Lösung her. Wie, ist mir eigentlich egal. Wir haben ein BAG, eine Gesundheitsdirektorenkonferenz und eine Impfkommission. Sie müssen schnellstmöglich eine Lösung vorlegen», sagt Bäumle. Es müsse jetzt ganz schnell vorwärts gehen mit der Drittimpfung. Ansonsten drohten zusätzliche Einschränkungen oder sogar Szenarien wie in Österreich. Das wäre angesichts der erneuten Versäumnisse ein Skandal, sagt Bäumle.

«Es ist jetzt 5 vor 12»

Mitte Nationalrat Lorenz Hess sagt, er habe die Politik bisher immer in Schutz genommen. «Doch was jetzt passiert, ist unverständlich.» Die Auffrisch-Impfung sei schon lange ein Thema und es gebe laufend Forschungsresultate dazu. Dass nun trotzdem nicht alle impfwilligen älteren Personen sofort eine Auffrisch-Impfung bekommen, sei deshalb bedenklich und «nicht vertrauenerweckend». Er frage sich, was hier schiefgelaufen sei.

Jetzt müsse der Bund das Zepter übernehmen, Föderalismus hin oder her. Das System stosse an seine Grenzen. «In der Krise heisst es ‹führen, nicht debattieren›», sagt Hess. «Wir sind bis jetzt einigermassen gut durch die Pandemie gekommen. Doch jetzt ist es 5 vor 12. Bund und Kantone müssen jetzt blitzartig einen Umsetzungsplan für die dritte Impfung auf den Tisch legen. Sonst droht ein erneuter Lockdown.»

«Personal ist ein limitierender Faktor»

Kantone

«Wir gehen davon aus, dass viele Kantone noch 2021 mit Auffrischimpfungen auch für alle Personen unter 65 Jahren starten», sagt Michael Jordi, Generalsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz. Sobald die prioritären Gruppen Zugang zur Booster-Impfung hatten, würden die Kantone diese allen zur Verfügung stellen. Wie schon beim Start der Impfkampagne werde diese Öffnung aber aufgrund unterschiedlicher Begebenheiten nicht in allen Kantonen zum gleichen Zeitpunkt erfolgen. Ein Datum für die ganze Schweiz könne nicht genannt werden. «Dass einige Kantone die Zahl der Impfzentren ab Sommer 2021 reduziert haben, ist mit Blick auf die Nachfrage nur logisch. Die Infrastruktur kann rasch wieder hochgefahren werden, wobei das Personal tatsächlich ein limitierender Faktor ist.»

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