Strafgericht BL – Ex-Frau am Arbeitsplatz niedergestochen – 15 Jahre Haft
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Strafgericht BLEx-Frau am Arbeitsplatz niedergestochen – 15 Jahre Haft

Die brutale Messerattacke machte die Frau zur Tetraplegikerin. Das Baselbieter Strafgericht ging beim Strafmass gar über den Antrag der Anklage hinaus.

von
Lukas Hausendorf
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Das Baselbieter Strafgericht verurteilte am 4. November einen 51-jährigen Italiener wegen eines versuchten Femizids zu 15 Jahren Gefängnis und anschliessendem zwölfjährigen Landesverweis.

Das Baselbieter Strafgericht verurteilte am 4. November einen 51-jährigen Italiener wegen eines versuchten Femizids zu 15 Jahren Gefängnis und anschliessendem zwölfjährigen Landesverweis.

20min/Steve Last
Mit einem Messer stach er seiner Ex-Frau im Dezember 2018 in den Nacken. Seither ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Ihr muss der Mann 100’000 Franken Genugtuung ausrichten. Die beiden waren zuvor 27 Jahre verheiratet, wobei die Ehe von Gewalt geprägt war.

Mit einem Messer stach er seiner Ex-Frau im Dezember 2018 in den Nacken. Seither ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Ihr muss der Mann 100’000 Franken Genugtuung ausrichten. Die beiden waren zuvor 27 Jahre verheiratet, wobei die Ehe von Gewalt geprägt war.

20min/Marco Zangger
«Ihr ganzes Verhalten drückt eine Geringschätzung des Lebens Ihrer früheren Frau aus», führte Gerichtspräsident Robert Karrer in der Urteilsbegründung aus. «Welchen schlimmeren Fall kann man sich sonst vorstellen?»

«Ihr ganzes Verhalten drückt eine Geringschätzung des Lebens Ihrer früheren Frau aus», führte Gerichtspräsident Robert Karrer in der Urteilsbegründung aus. «Welchen schlimmeren Fall kann man sich sonst vorstellen?»

Tom Bisig

Darum gehts

  • Ein 51-jähriger Italiener muss wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Frau für 15 Jahre ins Gefängnis.

  • Das Urteil des Baselbieter Strafgerichts ist eines der höchsten, das in der Schweiz je für diese Tat verhängt wurde.

  • Die Frau ist seit der Messerattacke an den Rollstuhl gefesselt.

Das Baselbieter Strafgericht hat am Donnerstag einen 51-jährigen Italiener wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Gefängnis und zwölf Jahren Landesverweis verurteilt. Seiner Ex-Frau muss er zudem 100’000 Franken Schadenersatz Genugtuung ausrichten, wie die «Basler Zeitung» (BazahlartikelI) berichtet. Die Frau ist seit dem versuchten Femizid im Dezember 2018 Tetraplegikerin und an den Rollstuhl gefesselt. Das Urteil dürfte eines der schärfsten sein, das ein Schweizer Gericht je für einen versuchten Mord verhängt hat. Es ist noch nicht rechtskräftig.

Der Sizilianer, ein langzeitarbeitsloser exzessiver Kiffer mit psychotischen Episoden, beging die Tat aus Rache, nachdem sich seine Ex-Frau nach 27 Jahren Ehe von ihm trennte. Eine Ehe, die laut Anklageschrift von Gewalt geprägt war. Mehrere Anzeigen hatte die Frau im Laufe der Zeit wieder zurückgezogen. Der Töchter Willen, wie sie vor Gericht zu Protokoll gab. Als sie sich schliesslich im Sommer 2018 durchrang, einen Schlussstrich zu ziehen, wurde für ihren Ehemann eine vorsorgliche Unterbringung in der Psychiatrie und sofort ein Kontakt- und Annäherungsverbot verfügt.

Am Tattag nach Weihnachten 2018 suchte sie ihr Ex-Mann mittags an ihrem Arbeitsplatz, einer Laufener Boutique, auf. Mit einem Allzweck-Messer, das er zuvor in der Migros gekauft hatte, versetzte er ihr einen sieben Zentimeter tiefen Stich in den Nacken. Tage zuvor schon kündete er ihr, aber auch seiner Schwägerin und Cousine an, dass er sie «töten» und derart auf sie einstechen werde, «dass die Ärzte und Ärztinnen im Spital nicht wüssten, wo sie beginnen sollen». Nachdem er ihr die Klinge in den Nacken gerammt hatte, sagte er ihr: «Du hast das gewollt.»

«Welchen schlimmeren Fall kann man sich sonst vorstellen»

«Ihr ganzes Verhalten drückt eine Geringschätzung des Lebens Ihrer früheren Frau aus», führte Gerichtspräsident Robert Karrer in der Urteilsbegründung aus, wie die BaZ berichtet. Das sei ein Mordversuch gewesen. Die Tat sei angekündigt und aus niederträchtigen, egoistischen Motiven geplant. Damit waren für das Gericht alle Qualifikationsmerkmale für Mord erfüllt. «Welchen schlimmeren Fall kann man sich sonst vorstellen», begründete Karrer das hohe Strafmass mit einer rhetorischen Frage. Die Anklage hatte lediglich zwölf Jahre Gefängnis gefordert.

Die Staatsanwältin nahm das Urteil erfreut zur Kenntnis, der Sizilianer zeigte keine Regung.

Was ist ein Femizid?

20 Minuten nennt eine Tötung Femizid, wenn eine Frau oder ein Mädchen von ihrem männlichen (Ex-)Partner oder von männlichen Familienmitgliedern getötet wird. Auch zielgerichtete tödliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Kriegen sowie tödliche frauenfeindliche Hass-Verbrechen fallen bei uns unter diesen Begriff.

20 Minuten verwendet den Femizid-Begriff immer dann, wenn ein Mann eine Frau oder ein Mädchen tötet. Der Mann kann der (Ex-)Partner, Bruder, Cousin (...) der Frau sein oder ein ihr unbekannter Stalker.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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