Champions-League-Neuling - Ex-Geheimagent und mächtiger Konzern – das steckt hinter dem Märchen von Sheriff Tiraspol
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Champions-League-NeulingEx-Geheimagent und mächtiger Konzern – das steckt hinter dem Märchen von Sheriff Tiraspol

Erstmals überhaupt steht mit Sheriff Tiraspol ein Team aus Moldawien in der Champions League. Der Club kommt aus einer armen und abtrünnigen Region, wird selber aber von einem mächtigen Konzern finanziert.

von
Florian Gnägi
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Der Jubel kannte beim FC Sheriff am Mittwochabend nach der erstmaligen CL-Qualifikation keine Grenzen mehr. 

Der Jubel kannte beim FC Sheriff am Mittwochabend nach der erstmaligen CL-Qualifikation keine Grenzen mehr.

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Das Team aus Transnistrien schaltete dabei sensationell Kroatiens Serienmeister Dinamo Zagreb aus.

Das Team aus Transnistrien schaltete dabei sensationell Kroatiens Serienmeister Dinamo Zagreb aus.

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Bei den Kroaten sitze der Frust über das Ausscheiden gegen den Underdog tief.

Bei den Kroaten sitze der Frust über das Ausscheiden gegen den Underdog tief.

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Darum gehts

  • Sheriff Tiraspol schaltete im Playoff zur Champions League Dinamo Zagreb aus.

  • Damit steht erstmals überhaupt ein Club aus Moldawien in der Gruppenphase der Königsklasse.

  • Hinter Sheriff steht eine mächtige Wirtschaftsholding aus der Region Transnistrien.

Wenn am Donnerstag um 18.00 Uhr (20 Min tickert live) in Istanbul die Lose für die Spiele der Champions-League-Gruppenphase gezogen werden, dürfte den meisten Fussball-Fans vor allem ein Name etwas unbekannt vorkommen. Sheriff Tiraspol ist der einzige Neuling in der diesjährigen Königsklasse und qualifizierte sich dank eines überzeugenden Playoffs gegen Kroatiens Serienmeister Dinamo Zagreb (3:0 im Hin-/0:0 im Rückspiel) auch als erstes moldawisches Team überhaupt für den Wettbewerb der 32 besten Teams Europas.

Der Kader von Tiraspol wird von dem Fachportal transfermarkt.ch auf einen Marktwert von knapp 13 Millionen Euro taxiert, womit er mit grossem Abstand das Schlusslicht der aktuellen Champions-League-Teilnehmer darstellt. Selbst der Marktwert der YB-Spieler ist mit 62 Millionen weit über dem der Sheriff-Akteure, geschweige von den 1,06 Milliarden, mit denen die Stars von Manchester City taxiert werden.

Mächtiger Grosskonzern im Rücken

Die Geschichte des Fussball-Märchens und die des ärmlichen Underdogs, der gegen die reichen Grossclubs antritt, ist jedoch nur bedingt wahr. Sheriff Tiraspol kommt zwar aus der abtrünnigen Region Transnistrien, einer der ärmsten Gegenden Europas, doch der Fussballclub selbst gehört dem namensgebenden Grosskonzern Sheriff, der rund 60 Prozent des Bruttosozialprodukts in Transnistrien erwirtschaftet.

Transnistrien selbst ist ein schmaler Landstreifen im Osten Moldawiens zwischen der ukrainischen Grenze und dem Fluss Dnjestr und proklamierte bereits vor Jahrzehnten seine Unabhängigkeit von der Republik Moldau. De Facto ist die traditionell Russland-nahe Region heute ein eigener Staat, jedoch ohne von einem einzigen Land offiziell anerkannt zu werden.

Experten bewerten die gegenwärtigen Beziehungen zwischen der Republik Moldau und Transnistrien als eingefrorenen Konflikt. Man kann zwar also nicht von einem Kriegsgebiet sprechen, Korruption, fehlende Rechtsstaatlichkeit und mafiöse Strukturen sollen die Region aber trotzdem derart prägen, dass viele junge Menschen aufgrund der Perspektivlosigkeit wegziehen.

Besitzer soll Ex-KGB-Agent sein

Der milliardenschwere Viktor Gushan ist Präsident und Gönner des FC Sheriff Tiraspol und soll gemäss mehreren Medienberichten ein ehemaliger Agent des KGB-Geheimdienstes sein. Gushan gründete vor 30 Jahren sein Unternehmen als Sicherheitsfirma, daher auch der Name Sheriff. 1990 erklärte sich Transnistrien von Moldawien unabhängig, 1992 versuchte Moldawien dann die abtrünnige Region wieder zurückzuholen. Dadurch boomte das Sicherheitsgeschäft und Gusham verdiente sich dabei ein Vermögen.

Heute konzentriert sich die Wirtschaftsholding Sheriff auf ganz viele verschiedene Branchen. Supermärkte, Tankstellen, Fernsehsender, Grossbäckereien, es gibt kaum einen Geschäftszweig in der Region, in denen Gushan und seine Leute die Finger nicht im Spiel hätten.

Ein Grossteil des Reichtums soll Sheriff dabei auch dem illegalen Handel mit Zigaretten, Alkohol und Lebensmitteln verdanken, der durch die unzureichend geregelte Grenze zwischen Transnistrien und der benachbarten Ukraine möglich ist. Der ukrainische Schwarzmeerhafen Odessa, ein Zwischenstopp für Waren aus ganz Eurasien, liegt nur 80 Kilometer von der transnistrischen Grenze entfernt.

1996 gegründet, bereits 19-mal Meister

Der grosse sportliche Erfolg auf europäischer Ebene kam für Sheriff Tiraspol zwar erst jetzt, dank der grosszügigen finanziellen Unterstützung des Besitzerkonzerns dominiert der moldawische Rekordmeister den nationalen Fussball jedoch bereits seit Jahren. Der Club wurde zwar erst 1996 gegründet, wurde jedoch seitdem bereits 19-mal Meister. Sheriff ist der nationalen Konkurrenz längst weit enteilt und kann dabei in einer ansonsten strukturschwachen Region auch auf ein modernes Stadion und optimale Trainingsmöglichkeiten bauen.

Bei der Erfolgsserie von Sheriff steuern jedoch kaum einheimische Fussballer einen Teil bei. Drei Viertel der Spieler aus dem Kader sind Ausländer. In der Startaufstellung gegen Dinamo Zagreb standen Spieler aus zehn unterschiedlichen Nationen auf dem Platz und bloss ein Spieler mit moldawischem Pass. Stürmer Silva Henrique de Sousa Luvannor ist jedoch gebürtiger Brasilianer und erhielt erst 2013 die Staatsbürgerschaft des osteuropäischen Landes, um das Ausländerkontingent zu entlasten. Seit der letzten Saison wurde dieses Kontingent aber auch hinfällig, weil die moldawische Liga das Ausländer-Limit kippte und dadurch Sheriff Tiraspol erlaubte, sich noch weiter zu verstärken mit Spielern aus aller Welt.

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