«Klar antisemitisch»: Ex-GLP-Politiker nennt streng religiöse Juden auf Twitter «rückständig»

Publiziert

«Klar antisemitisch»Ex-GLP-Politiker nennt streng religiöse Juden auf Twitter «rückständig»

Ein Tweet eines ehemaligen Solothurner Kantonsratskandidaten erntet Kritik. Laut Zürcher Politikern ist der Beitrag «haarsträubend» und «antisemitisch».

von
Lynn Sachs
1 / 3
Dieser Tweet wurde von einem ehemaligen GLP-Politiker abgesetzt.

Dieser Tweet wurde von einem ehemaligen GLP-Politiker abgesetzt.

Screenshot Twitter
Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel ist entsetzt: «Das Vorurteil der Stadtbeherrschung ist antisemitisch.»

Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel ist entsetzt: «Das Vorurteil der Stadtbeherrschung ist antisemitisch.»

20min/Michael Scherrer
Auch Gemeinderat Jehuda Spielman zeigt sich schockiert: «Es braucht dringend mehr Aufklärungsarbeit.»

Auch Gemeinderat Jehuda Spielman zeigt sich schockiert: «Es braucht dringend mehr Aufklärungsarbeit.»

Privat

Der Tweet eines ehemaligen Solothurner Kantonsratskandidaten (GLP) wird am Donnerstagmorgen scharf kritisiert. Im Post von letzter Woche richtet er die folgende Frage an die Stadt Zürich: «Welches Formular muss man bei euch ausfüllen, um wie die ultra-orthodoxen Juden einen eigenen Stadtteil in Zürich zu bekommen und gleichzeitig nicht für das rückständige Leben verurteilt zu werden?»

Der Beitrag wurde inzwischen gelöscht. Laut der GLP Solothurn ist der Mann seit letztem Jahr nicht mehr Parteimitglied. «Er ist ausgetreten, da er unsere Parteihaltung nicht vertritt», sagt Präsident Armin Egger. Auch die Jungpartei hat sich öffentlich von den Aussagen distanziert. «Der kürzlich abgesetzte antisemitische Tweet entspricht in keiner Weise der Meinung der Jungen GLP oder der GLP.»

Am Donnerstagmorgen meldet sich der ehemalige Jungpolitiker zur Kritik auf Twitter. Wegen des sarkastischen Untertons sei sein Tweet missverstanden worden. «Ich will auf keinen Fall Menschengruppen pauschalisieren.» Er habe lediglich auf das ultra-orthodoxe jüdische Viertel in Zürich aufmerksam machen wollen. «Das in diesem Viertel geführte Leben empfinde ich als rückständig. Das heisst aber nicht, dass sie so nicht leben dürfen.» Der Rassismus-Vorwurf sei für ihn unverständlich.

Auf eine Anfrage von 20 Minuten hat der Ex-GLP-Politiker bis anhin nicht reagiert.

«Das Vorurteil der Stadtbeherrschung ist antisemitisch»

Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel zeigt sich über die Worte des ehemaligen Jungpolitikers schockiert: «Der Tweet ist erschreckend. Dass eine Person, die noch vergangenes Jahr in der Öffentlichkeit stand, solche Gedanken auf Twitter teilt, ist haarsträubend.» Laut Rueff-Frenkel werden in der ursprünglichen Frage mehrere Vorurteile und falsche Informationen verbreitet. «Das Vorurteil der Stadtbeherrschung ist antisemitisch. Zudem ist es nicht an dem Ex-Politiker, die Lebensweise der orthodoxen jüdischen Community zu beurteilen.»

Auch der Zürcher Gemeinderat Jehuda Spielman hat sich öffentlich zu den Aussagen geäussert. Auf Twitter richtet er sich direkt an das ehemalige GLP-Mitglied: «Weisst du, was rückständig ist? Deine mittelalterliche Intoleranz.» Gegenüber 20 Minuten sagt Spielman, dass der Post «ganz klar» antisemitisch sei. «Die Verschwörungstheorie, dass die jüdische Gemeinschaft einen Stadtteil bekommen hat, geistert schon lange im Internet herum. Um dagegen vorzugehen, braucht es dringend mehr Aufklärungsarbeit.» Zur heutigen Stellungnahme sagt Spielman: «Der vorliegende Versuch, sich zu rechtfertigen, macht die Situation nur schlimmer. Einsicht wäre besser.»

«Das Mass an Intoleranz, Ignoranz und schlicht Feindseligkeit, das aus diesem Tweet spricht, ist bestürzend», sagt  Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG. Im Text werde angedeutet, dass sich die jüdische Gemeinschaft ausserhalb des normalen Systems bewege und Sonderrechte geniesse. «Das ist eine klassische Reproduktion antisemitischer Klischees.»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Antisemitismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Keine News mehr verpassen

Mit dem täglichen Update bleibst du über deine Lieblingsthemen informiert und verpasst keine News über das aktuelle Weltgeschehen mehr.
Erhalte das Wichtigste kurz und knapp täglich direkt in dein Postfach.

Deine Meinung