Bezirksgefängnis Zürich: Wärter dealt mit Drogen und Handys in Zürcher Gefängnis
Aktualisiert

Bezirksgefängnis ZürichWärter dealt mit Drogen und Handys in Zürcher Gefängnis

Videos aus dem Gefängnis Zürich zeigen, wie Insassen in ihren Zellen mit geschmuggelten Handys und Drogen – Kokain und Marihuana – angeben. 20 Minuten konnte mit einem Ex-Häftling sprechen. 

von
Lynn Sachs
Monira Djurdjevic
Daniel Krähenbühl

In Videos posieren Insassen mit Drogen und zeigen, wie sie am Handy hantieren.

Privat

Darum gehts

«Als ich neu im Gefängnis war, kam ein Aufseher auf mich zu und meinte, ich soll ihm Bescheid geben, wenn ich etwas brauche», erzählt ein Ex-Insasse*, der anonym bleiben möchte. Aus Angst, es könne sich um eine Falle handeln, habe er zunächst darauf verzichtet. «Kurze Zeit später habe ich erfahren, dass auch andere Häftlinge so an Handys und Drogen gelangt sind.» Schliesslich habe auch er ein Mobiltelefon beim Aufseher «bestellt». «Ein Bekannter hat den Aufseher getroffen und ihm das Geld überreicht. Kurze Zeit später hatte ich das Handy in der Zelle und konnte meine Familie und Freunde kontaktieren», erzählt der Mann.

Insgesamt soll der Wärter rund zwanzig Mobiltelefone ins Gefängnis geschmuggelt haben. Pro Gerät habe er zwischen 1500 und 3500 Franken eingefordert. Für das Einschleusen von Drogen soll er pro Häftling 500 Franken verlangt haben. «Die Drogen hat er nicht selbst erworben. Das mussten Bekannte der Häftlinge tun. Sie haben die Ware dann dem Aufseher übergeben.»

Razzia bereitete Schmuggel ein Ende

Während mehrerer Monate seien so verbotene Gegenstände ins Gefängnis gelangt. Anfang April war dann Schluss. Bei einer Razzia flog das Ganze auf. Laut dem Ex-Insassen soll mindestens ein Mitarbeiter freigestellt worden sein. Beim Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung Kanton Zürich kann man auf Anfrage bestätigen, dass anfangs April im Gefängnis Zürich bei Zellenkontrollen verbotene Gegenstände sichergestellt wurden. «Ob und in welchem Ausmass Mitarbeitende involviert sind, kann derzeit noch nicht gesagt werden», sagt Sprecherin Elena Tankovski. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen will sich das Amt nicht weiter zu Einzelfällen äussern.

Es gebe in jedem Gefängnis sehr viele Bewegungen hinein und wieder heraus. «Damit ist der Kampf gegen Schmuggel für alle Gefängnisse eine Daueraufgabe», erklärt Tankovski. Wenn man Kenntnis von schwerwiegenden Verfehlungen durch Mitarbeitende erhalte, könnten personalrechtliche Massnahmen bis hin zu einer Auflösung des Arbeitsverhältnisses ergriffen werden. «Liegen Hinweise auf strafrechtlich relevantes Verhalten von Inhaftierten oder Mitarbeitenden vor, erstattet das Amt bei Offizialdelikten Strafanzeige beziehungsweise stellt bei Antragsdelikten – sofern das Amt antragsberechtigt ist – Strafantrag», so Tankovski.

«Untersuchungshaft wird ausgehöhlt»

Strafrechtsexperte David Gibor erachtet das illegale Handeln der involvierten Gefängniswärter als eines Rechtsstaates unwürdig. Offenkundig seien da auch korrupte Beamte am Werk, und dies an einer der sensibelsten Stellen des staatlichen Gewaltmonopols, so Gibor. Man fühle sich unweigerlich an autokratische Staaten erinnert, die durchwandert seien von mafiösen Strukturen, von Willkür, Korruption und Bestechlichkeit: «Es ist höchst verwerflich, wenn ausgerechnet die zur Überwachung verpflichteten Staatsangestellten in einem Gefängnis die Not- und Zwangslage von Gefangenen ausnutzen, um mit Straftaten wie Drogenhandel und horrenden Preisen ihren durch Steuergelder finanzierten Beamtenlohn aufzubessern.» Zudem werde die Untersuchungshaft nutzlos, wenn Häftlinge mit Handys ausgestattet würden, so Strafverteidiger Gibor. Grund dafür: «Mit der Untersuchungshaft soll primär verhindert werden, dass Beschuldigte Beweismittel vernichten oder Drittpersonen wie Zeugen und Geschädigte in ihrem Prozessverhalten beeinflussen.

Wenn Gefangene in U-Haft unüberwacht telefonieren und so auch Tatbeteiligte instruieren können, wird einer der Hauptzwecke der Untersuchungshaft geradezu ausgehöhlt.» Den Inhaftierten dürfe laut Gibor kein Vorwurf gemacht werden: «Die teils langwierige Gefangenschaft führe naturgemäss dazu, dass Menschen die sich bietenden Möglichkeiten nutzen, um auch nur ein kleines Stück Freiheit wiederzuerlangen.»

«Und nachdem die Gefangenen ja nun ausgiebig mit Mittätern und sonstigen Verfahrensbeteiligten sprechen konnten, dies mit freundlicher Unterstützung des Staates, und damit der zentrale Haftgrund der Kollusionsgefahr faktisch weggefallen ist, drängt sich als Strafverteidiger die prozessuale Frage auf, ob man für diese Klienten nicht umgehend eine Haftentlassung anstrenge.» Vielleicht zeige sich der Staat bei der Behandlung dieser Entlassungsgesuche ja ähnlich grosszügig, so Verteidiger Gibor.

Die beschriebene Geschäftstätigkeit der involvierten Gefängniswärter könnte laut Anwalt Gibor diverse Straftatbestände erfüllen, so etwa: Amtsmissbrauch, Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Wucher, Begünstigung, Geldwäscherei und den Tatbestand des Sich-bestechen-Lassens. «Je nach Menge der Drogen und Anzahl der Handys kämen bei gewissen Delikten auch schwerere Tatbestandsvarianten wie gewerbsmässiges Handeln in Betracht, die bereits hohe Mindeststrafen vorsehen», so Gibor.

«Schmuggel kann nicht ganz verhindert werden»

Laut Benjamin Brägger, Direktor des Schweizerischen Instituts für Strafvollstreckungs- und Strafvollzugswissenschaften, sind einige ähnliche Fälle aus der Westschweiz bekannt (siehe Box). «In der Deutschschweiz ist der Handel von illegalen Gegenständen und Substanzen in Gefängnissen aber äusserst selten.» Jede Institution versuche mit Kontrollmassnahmen Schmuggel zu unterbinden. «Dieser kann jedoch nicht ganz vermieden werden, ohne dass die Gefängnisse noch weiter in die Privatsphäre der Insassen eingreifen, was rechtlich verboten ist.»

Auch gemäss dem ehemaligen Kriminalkommissar Markus Melzl kann man ein Gefängnis nie ganz sicher machen. «Wichtig ist es jedoch, dass die zuständigen Behörden in einem solchen Fall die Ermittlungen sofort aufnehmen, die nötigen Konsequenzen ziehen und kontrollieren, ob man eine Schwachstelle im System schliessen muss», erklärt Melzl. 

*Name der Redaktion bekannt

Wärter und Häftling wegen Schmuggel festgenommen

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