Aktualisiert 23.09.2011 11:03

Lästige AltlastenEx-IRA-Offizier will Präsident Irlands werden

Martin McGuinness präsentiert sich den irischen Wählern als Friedensmacher. Doch viele möchten mehr über seine Zeit in der Irisch-Republikanischen Armee wissen.

von
Kian Ramezani
Martin McGuinness am Sonntag in Dublin, nachdem er von seiner Partei Sinn Féin offiziell für die Wahl des Präsidenten in der Republik Irland nominiert worden war.

Martin McGuinness am Sonntag in Dublin, nachdem er von seiner Partei Sinn Féin offiziell für die Wahl des Präsidenten in der Republik Irland nominiert worden war.

Die Wahl um das Präsidentenamt der Republik Irland Ende Oktober drohte bis vor kurzem eine ziemlich unspektakuläre Veranstaltung zu werden. Die Kompetenzen des irischen Staatsoberhaupts sind vor allem zeremoniell, die wirtschaftlichen Sorgen der Bevölkerung momentan aber eher handfest. Einzig eine kontroverse Personalie hätte diesen Wahlkampf spannend machen können. Genau das ist am vergangenen Wochenende passiert, als Martin McGuinness völlig überraschend ins Rennen stieg.

Der 61-Jährige ist stellvertretender Erster Minister und damit der zweitmächtigste Politiker Nordirlands, das zum Vereinigten Königreich gehört. Seine Partei, die republikanische Sinn Féin, ist dort die zweitstärkste Kraft. In der unabhängigen Republik Irland hingegen stagniert sie bei einem Wähleranteil von zehn Prozent. Aufgrund seiner unbestrittenen Verdienste um die Beilegung des Nordirlandkonflikts rechnet sich McGuinnes trotzdem realistische Chancen aus. Für viele Iren steht allerdings ein anderes Kapitel seiner Vergangenheit im Vordergrund: Er war einst hochrangiger Offizier der Irisch-Republikanischen Armee (IRA). In deren Kampf für die Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland starben auch unschuldige Zivilisten.

«Kein Blut an den Händen»

Seit Bekanntgabe seiner Kandidatur ist dieser hinlänglich bekannte Umstand wieder in das öffentliche Interesse gerückt. McGuinness selbst beklagt den «Fokus» der Medien auf seine IRA-Vergangenheit und Sinn Féin erwartet eine «Schmutzkampagne» gegen ihren Kandidaten. Mit ein Grund für das grosse Interesse dürfte seine Weigerung sein, Details über jenen Abschnitt seines Lebens preiszugeben. Er betont lediglich, kein Blut an seinen Händen zu haben. Fragen nach seiner Rolle in konkreten Anschlägen wiegelt er mit der Begründung ab, dass er solche Fragen der Medien bis zum «jüngsten Tag» beantworten müsste, wenn er einmal damit anfangen würde. Für seine katholischen Parteigänger war die IRA eine Befreiungsarmee, für die protestantische Mehrheit hingegen eine Terrorbande.

McGuinness kontert solche Fragen auch mit der Unterstützung, die er von Angehörigen der IRA-Opfern sowie von ehemals verfeindeten Protestanten erhält. Mark Eakin, dessen Schwester 1972 bei einem Bombenanschlag der IRA ums Leben kam, sagte laut der BBC: «Man muss das im Zusammenhang sehen. Wäre es so schlimm, wenn er irischer Präsident würde? Ich glaube nicht.» Gerne verweist McGuinness auch auf den protestantischen Geistlichen David Latimer, der ihn «eine der grossen Führungspersönlichkeiten der Gegenwart» nannte. Andere zeigen sich weniger versöhnlich. Gordon Miller, dessen Vater beim selben Anschlag starb, rät seinen Landsleuten im Süden, «sich von McGuinness fernzuhalten», wenn sie «noch bei Trost sind».

Intakte Wahlchancen

Trotz der absehbaren Kontroverse um seine IRA-Vergangenheit spricht einiges für den Kandidaten McGuinness. Das gegnerische Feld ist schwach besetzt, die ehemalige Regierungspartei Fianna Fáil tritt nach ihrer Abstrafung an der Urne im vergangenen Februar gar nicht erst an. McGuinness gilt zudem als volksnah und begnadeter Wahlkämpfer. Er hat zudem versprochen, als Präsident nur das Durchschnittsgehalt von 35 000 Euro zu beziehen und den Rest (rund 250 000 Euro) in die Staatskasse einzuzahlen. Das kommt in einem Land mit 15 Prozent Arbeitslosigkeit gut an. Das traditionelle Kernthema der Sinn Féin, die Wiedervereinigung, dürfte hingegen in der Republik Irland nur wenige Wähler mobilisieren. Dort haben viele den Status quo der Teilung akzeptiert.

Wie viel Raum die Fragen um seine IRA-Vergangenheit im Wahlkampf einnehmen werden, muss sich noch weisen. McGuinness verweist nicht ganz zu Unrecht darauf, dass er trotz unbeantworteter Fragen schon «unzählige Male» in politische Ämter gewählt worden ist. Allerdings könnte es sein, dass die entsprechenden Hürden auf dem Weg in die «Áras an Uachtaráin», die Residenz des irischen Staatsoberhaupts, eine genauere Prüfung der Kandidaten verlangen.

Zur Person

James Martin Pacelli McGuinness (irisch: Máirtín Mag Aonghusa) wurde am 23. Mai 1950 in der nordirischen Stadt Derry geboren. Anfang der 1970er Jahre trat er der IRA bei und war laut eigenen Angaben die Nummer 2 der Miliz in Derry, als die britische Armee dort 1972 am «Bloody Sunday» 14 unbewaffnete Zivilisten erschoss. 1973 wurde er in der Republik Irland wegen illegalem Waffen- und Sprengstoffbesitz zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. 1982 wurde er erstmals für die republikanische Sinn-Féin-Partei ins nordirische Parlament gewählt, 1998 wurde er Erziehungsminister. Als Chefunterhändler seiner Partei war er massgeblich am Friedensprozess und dem Karfreitagsabkommen von 1998 beteiligt. Am 16. September 2011 gab er seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl der Republik Irland bekannt. Als Nordire ist er automatisch auch Bürger der Republik Irland und somit wahlberechtigt.

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