Aktualisiert 14.06.2019 08:30

«Fast alles ist ungesund»

Ex-McDonald's-Manager warnt vor Fast-Food-Falle

Harald Sükar war einst Topmanager bei McDonald's. Nun hat der Österreicher ein Buch geschrieben: Der Ex-Chef zeigt sich reuig und warnt vor der Fast-Food-Falle.

von
S. Spaeth
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Harald Sükar war viele Jahre Topmanager bei McDonald's. In seinem Buch kritisiert er die Fast-Food-Konzerne massiv.

Harald Sükar war viele Jahre Topmanager bei McDonald's. In seinem Buch kritisiert er die Fast-Food-Konzerne massiv.

Autor Sükar geht davon aus, dass McDonald's Juristen damit beauftragen wird, abzuklären, was der Konzern gegen das Buch tun kann. «Die Fast-Food-Falle» ist ab 15. Juni im Handel erhältlich.

Autor Sükar geht davon aus, dass McDonald's Juristen damit beauftragen wird, abzuklären, was der Konzern gegen das Buch tun kann. «Die Fast-Food-Falle» ist ab 15. Juni im Handel erhältlich.

«Mir geht es um die Aufklärung. Ich will künftig in Schulen aufzeigen, in welchem Ausmass wir von Zucker überschwemmt werden», sagt Sükar im Interview mit 20 Minuten. Zudem fordert er neue Gesetze: «Ohne Druck nehmen die Konzerne ihre Verantwortung nicht wahr.»

«Mir geht es um die Aufklärung. Ich will künftig in Schulen aufzeigen, in welchem Ausmass wir von Zucker überschwemmt werden», sagt Sükar im Interview mit 20 Minuten. Zudem fordert er neue Gesetze: «Ohne Druck nehmen die Konzerne ihre Verantwortung nicht wahr.»

Sie waren viele Jahre Manager in der Fast-Food-Branche. Ist Ihr Buch eine Abrechnung?

Nein. Ich bin immer noch begeistert von den Prozessen, wie sie bei McDonald's ablaufen. Ich gehörte dem Konzern 13 Jahre lang an und verliess die Firma im Guten. Damals fand ich alles richtig, was ich tat. Das System McDonald's lässt keine Zweifel zu.

Wenn das Buch keine Abrechnung sein soll: Was ist Ihr Antrieb?

Vor zwei Jahren hatte ich grössere gesundheitliche Probleme. Ich wog 110 Kilogramm bei einer Grösse von 177 Zentimetern. Da begann ich, mich zu fragen, wie es so weit kommen konnte, und vertiefte mich in Studien zum Thema Gesundheit. Die Erkenntnis: Fast alles, was wir bei McDonald's angeboten hatten, war ungesund.

Tönt das nach Reue?

Ja, ich empfinde Reue. Mir tut jedes einzelne Kind leid, das jetzt an Diabetes leidet. Ich bin als ehemaliger McDonald's-Manager mitschuldig am Übergewicht von Kindern und trage eine Verantwortung für die Folgeerkrankungen.

Dann war das Buch ein bisschen Therapie?

Ich startete meine Recherchen ohne Pläne für ein Buch. Dann begann ich zu erkennen, was alles falsch war am Fast-Food-System. Die dritte Phase, das Schreiben des Buches, war schon etwas Therapie.

Ist es nicht scheinheilig, als Topmanager von McDonald's viel Geld zu verdienen, dann aber Kritik zu üben?

Man kann das so interpretieren. Mir geht es um die Aufklärung. Ich will künftig in Schulen aufzeigen, in welchem Ausmass wir von Zucker überschwemmt werden. Zudem fordere ich neue Gesetze, denn ohne Druck nehmen die Konzerne ihre Verantwortung nicht wahr. Wir haben in der Welt erstmals mehr übergewichtige als untergewichtige Menschen.

Braucht es eine europäische Zuckersteuer?

Ja. Bis dahin ist es aber noch sehr weit. England hat bereits eine Zuckersteuer eingeführt mit der Folge, dass der Zuckergehalt von Getränken des Coca-Cola-Konzerns unter die Steuergrenze gesenkt wurde. Freiwillige Reduktionen sind Taktik, damit die Regulierung nicht streng ausfällt.

Versuchten McDonald's oder Burger King, Sie zu verklagen und das Buch zu stoppen?

Es gibt bis jetzt keine Klage. Ich behaupte nichts, was nicht belegt ist. McDonald's wird aber bestimmt Juristen beauftragen, um abzuklären, was sie gegen das Buch tun könnten. Doch eine Klage würde den Buchverkäufen nur nützen.

Werden McDonald's-Mitarbeiter einer Gehirnwäsche unterzogen?

McDonald's versteht es wie kein Zweiter, den Mitarbeitern die Firmenkultur einzutrichtern. Es hiess intern immer, die Leute müssten sich nur genug bewegen, dann könnten sie alles essen. Das habe ich nie hinterfragt. Heute ist mir klar: Das ist die Lüge der Zuckerindustrie. Ungesundes bleibt auch mit Bewegung ungesund. Zudem werden Gemüse-Kalorien anders verwertet als solche von zuckerhaltigen Getränken.

Im Buch vergleichen Sie Fast-Food-Anbieter mit Dealern. Sie übertreiben massiv, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

Das ist etwas überspitzt formuliert. Im Kern kommt es aber hin. Zucker ist wie eine Droge, man wird süchtig. Je mehr Zucker jemand konsumiert, desto mehr braucht er künftig, um das gleiche Glücksgefühl zu erhalten. Besonders gefährdet sind Kinder, denn in jungen Jahren wird das Empfinden für Geschmacksrichtungen entwickelt.

In den USA sind fast 40 Prozent der Menschen stark übergewichtig. Ist McDonald's schuld daran? Die Leute können doch frei entscheiden, wo sie essen.

Wenn jemand mal abhängig ist von Fast Food, kann er nicht mehr frei entscheiden. Längst wird auf Zigarettenpackungen gewarnt, dass Rauchen ungesund ist. Solche Warnhinweise braucht es auch auf Fast Food. Die Gesellschaft wird die dadurch verursachten Gesundheitskosten nicht ewig bezahlen wollen. Es geht nicht, dass die Industrie mit Zuckerbomben Geld einsackt, aber die Allgemeinheit für die Folgekosten bezahlt.

Mein Sohn ist vier Jahre alt und war noch nie bei McDonald's. Er erkennt aber das Logo. Was sagt das über McDonald's aus?

Das zeigt das perfekte Marketing. Das goldene M hat einen enorm hohen Wiedererkennungswert. Kindern und Jugendlichen Fast Food zu verbieten, wird nicht funktionieren. Mein Rat: Gebt den Kindern viel Früchte und Gemüse, dann werden sie Fast Food nicht mögen.

Sie ernähren sich heute vegetarisch und meiden den Zucker. Wie geht es Ihnen?

Mir geht es viel besser, die Waage zeigt noch 89 Kilo an. Erst jetzt merke ich: Der viele Zucker hat mein Gehirn benebelt.

Das sagt McDonald's zum Buch:

«Wir nehmen seit vielen Jahren unsere gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Verantwortung wahr und agieren vollkommen transparent – von der Angabe unserer Lieferanten über die frische Zubereitung unseres Essens bis hin zu den Nährwertangaben unserer Produkte», schreibt McDonald's Österreich. Das im Buch gezeichnete Bild von McDonald's entspreche nicht der gelebten Realität und widerspiegle nicht die kontinuierlichen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts. Und bei McDonald's Schweiz heisst es: «Unsere Gäste können zum gleichen Preis statt Pommes frites Salat wählen, und Wasser ist auch erhältlich. Im Happy Meal geben wir immer eine Fruchtportion dazu, damit jeder ein ausgewogenes Menü geniessen kann.» (sas)

Über den Autor:

Harald Sükar (geb. 1963) ha­tte 13 Jahre lang mehrere Positionen bei der McDonald's Development Company CE inne und war von 2004 bis 2006 Chef von McDonald's Österreich. Derzeit arbeitet er als Unternehmensberater – unter anderem an der Filialisierung eines sozialen Gastronomie-Projekts.

Das Buch ist ab 15. Juni im Handel.

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