Abstimmungskampf: Ex-Militär will neue Kampfjets abschiessen
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AbstimmungskampfEx-Militär will neue Kampfjets abschiessen

Zu teuer, strategisch falsch und kurzsichtig: Ein Ex-Militär warnt vor einem Ja zu neuen Kampfjets. «Wir können nicht warten», kontern die Befürworter.

von
Daniel Graf
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Am 27. September stimmt die Schweiz darüber ab, als Ersatz für die in die Jahre gekommenen F/A-18-Jets für höchstens sechs Milliarden Franken neue Flugzeuge zu beschaffen. 

Am 27. September stimmt die Schweiz darüber ab, als Ersatz für die in die Jahre gekommenen F/A-18-Jets für höchstens sechs Milliarden Franken neue Flugzeuge zu beschaffen.

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Gar nichts von dieser Idee hält Roger E. Schärer, ehemaliger CS-Manager und Oberst ausser Dienst der Schweizer Armee. Schärer ist überzeugt, dass das Geld besser in eine wirksame Verteidigung gegen Cyber-Attacken als in neue Kampfjets fliessen würde. 

Gar nichts von dieser Idee hält Roger E. Schärer, ehemaliger CS-Manager und Oberst ausser Dienst der Schweizer Armee. Schärer ist überzeugt, dass das Geld besser in eine wirksame Verteidigung gegen Cyber-Attacken als in neue Kampfjets fliessen würde.

Privat
Thierry Burkart, FDP-Ständerat und Kampagnenleiter des Pro-Komitees, kontert: Schärers Zeit beim Militär liege schon lange zurück, die Gegebenheiten hätten sich verändert. 

Thierry Burkart, FDP-Ständerat und Kampagnenleiter des Pro-Komitees, kontert: Schärers Zeit beim Militär liege schon lange zurück, die Gegebenheiten hätten sich verändert.

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Darum gehts

  • Roger Schärer hat es in der Schweizer Armee bis zum Oberst geschafft.
  • Heute kämpft er gegen die Beschaffung neuer Kampfjets.
  • Die Befürworter handelten kurzsichtig und realisierten nicht, welche Gefahren tatsächlich auf die Schweiz zukämen.
  • Die Befürworter neuer Jets halten dagegen und werfen Schärer vor, seine Zeit beim Militär sei schon lange her und er lasse sich von den Gegnern vor den Karren spannen.

Nach fast 2000 Diensttagen und Militärkarriere bis zum Oberst ist Roger E. Schärer überzeugt: «Ich kenne die Armee und die sicherheitspolitische Lage in diesem Land. Kampfjets wird die Schweizer Armee ganz bestimmt nicht mehr brauchen, gegen wen auch immer.» Auf der vor kurzem aufgeschalteten Website www.liberales-nein.ch engagiert sich Schärer deshalb gemeinsam mit weiteren Bürgerlichen gegen die Abstimmung vom 27. September.

«Ich fände es tatsächlich finanzpolitisch unverantwortlich, für sechs Milliarden Franken und bei Unterhaltskosten von weiteren 20 Milliarden Jets zu kaufen. Wir haben keine Bedrohungen, dass die Schweiz von einer feindlichen Luftwaffe angegriffen werden könnte», sagt Schärer. Er plädiert für eine vertiefte Analyse der tatsächlichen Gefahren, welche der Schweiz in Zukunft drohen.

«Cyberattacke ist viel wahrscheinlicher»

«Ich stehe voll hinter der Armee der Zukunft», stellt Schärer klar. Aber: «Wir sollten das Geld in den Aufbau einer wirksamen Cyber-Truppe investieren und nicht in das teuerste Waffensystem. Die Gefahr, dass eine Cyberattacke die Stromversorgung lahmlegt, schätze ich als weit höher ein, als dass feindliche Kampfjets in unseren Luftraum eindringen.» Der Cyberkrieg sei weltweit schon im Gange.

Roger Schärer

Oberst, Manager und Berater

Roger E. Schärer wurde 1947 geboren. Er studierte Rechtswissenschaft, war Direktor bei den Winterthurer Versicherungen und der Credit Suisse und Honorarkonsul von Polen. Von 2006 bis 2010 war er persönlicher Berater und Redenschreiber von Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann, der 2010 bis 2018 Bundesrat war. Schärer absolvierte eine Dragoner-Rekrutenschule in Aarau. Nach der Unteroffiziersschule machte er eine militärische Karriere als Truppenkommandant, Oberst (heute ausser Dienst) und als Milizoberst in der Direktion für Sicherheitspolitik im VBS.

Mit der Argumentation der Befürworter kann Schärer nichts anfangen: «Zu sagen, ohne Kampfjets funktioniere die ganze Armee nicht mehr, ist unprofessionell. Würden wir das Geld für die Jets sparen, könnten wir es in den Bereichen der Armee investieren, wo es tatsächlich gebraucht wird.» Die technologische Entwicklung der Raketenabwehr sei rasant. «Wenn wir jetzt 20 Milliarden in den Unterhalt neuer Flugzeuge stecken, verlieren wir jede Handlungsfreiheit», sagt Schärer. Dieses Vorgehen zeuge für ihr von Kurzsichtigkeit.

«WEF-Verteidigung könnte ausgelagert werden»

Auch für Anlässe wie das WEF sieht Schärer günstigere und bessere Lösungen als den Schutz des Luftraums mit Kampfjets: «Wir haben hervorragende Beziehungen zu unseren Nachbarländern Deutschland und Frankreich. Diese Aufträge könnten für einen Bruchteil dessen, was uns neue Jets kosten würden, ausgelagert werden.» Im zweiten Irakkrieg habe die Nato den schweizerischen Luftraum hundertfach verletzt. «Aber niemand sprach darüber.»

Nur ein Nein zu den Kampfjets schafft für Schärer die Grundlage, die Sicherheitspolitik noch einmal zu überdenken: «So kann das Volk das VBS zwingen, eine vernünftige Risikoanalyse durchzuführen.» Die Vorlage ist für Schärer nötigend, da das Volk nicht über einen Plan B abstimmen könne. Ein solcher könnte für ihn etwa der Schutz des Luftraums mit Mittel- und Kurzstreckenraketen vom Boden aus sein. «In ein paar Jahren werden auch Drohnen so weit sein, dass sie sämtliche Aufgaben von Kampfjets übernehmen können», glaubt Schärer.

«Schärer wird vor den Karren der Gegner gespannt»

Diese Aussagen will Thierry Burkart, FDP-Ständerat und Kampagnenleiter des Ja-Komitees, nicht unerwidert lassen: «Roger Schärer lässt sich von den Kampfjet-Gegnern immer wieder vor den Karren spannen, so auch schon bei der Gripen-Abstimmung. Doch seine aktive Militärzeit liegt lange zurück, mittlerweile haben sich die Ansprüche und Gepflogenheiten stark verändert.»

Burkart kontert, die Schweiz sei sehr wohl auch dabei, eine Cyber-Defense aufzubauen. «Die Armee investiert bereits seit Jahren massiv in den Ausbau der Cyber-Defense. Aber bloss weil neue Gefahren dazugekommen sind, heisst das nicht, dass die alten Bedrohungen nicht mehr existieren und Kampfjets überflüssig geworden sind», sagt Burkart.

«Können nicht einfach abwarten»

Diverse europäische Staaten seien derzeit daran, in neue Kampfjets zu investieren. «Ich glaube kaum, dass sie alle und noch dazu der Bundesrat und eine Mehrheit des Parlaments komplett falsch liegen und Herr Schärer der Einzige ist, der die künftigen Herausforderungen richtig einschätzen kann», sagt Burkart. «Wir können nicht einfach warten, bis Drohnen vielleicht einmal in ferner Zukunft den Luftpolizeidienst übernehmen können. Wir müssen die veralteten Kampfjets jetzt erneuern, damit die Schweizer Bevölkerung auch noch ab 2030 vor Angriffen aus der Luft geschützt ist.»

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