Aktualisiert 28.05.2015 18:43

GeschwisterliebeEx-Richter will Inzest in der Schweiz erlauben

Ein alt Bundesrichter will Liebesbeziehungen zwischen Geschwistern erlauben. Juristen und Genetiker warnen vor den Risiken für allfällige Kinder.

von
Ph.Flück
Laut alt Bundesrichter Martin Schubarth stellt das aktuelle Verbot eine «unhaltbare Situation» für Geschwisterliebespaare dar.

Laut alt Bundesrichter Martin Schubarth stellt das aktuelle Verbot eine «unhaltbare Situation» für Geschwisterliebespaare dar.

Es ist eines der letzten grossen Tabus in der Gesellschaft – und in der Schweiz verboten: Inzest, also der Geschlechtsverkehr zwischen eng verwandten Menschen. Nach Meinung des ehemaligen Bundesrichters Martin Schubarth ist dieses Verbot jedoch veraltet – zumindest, wenn es um Geschwister geht. Er plädiert in einem Gastkommentar in der «Neuen Zürcher Zeitung» dafür, dass Liebesbeziehungen zwischen Bruder und Schwester erlaubt werden.

Schubarth begründet dies damit, dass die aktuelle Gesetzeslage eine «unhaltbare Situation» für Geschwisterliebespaare darstelle. Dies sei besonders bei Geschwistern so, die nicht zusammen aufgewachsen seien und sich erst im Erwachsenenalter kennengelernt hätten. In diesen Fällen könne nämlich keine «Inzesthemmung» entstehen. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass die Zahl solcher Liebespaare steige. Etwa weil Bruder und Schwester «wegen familiärer oder politischer und kriegerischer Wirren getrennt aufwachsen» oder weil durch Samenspende gezeugte Kinder nach ihrer Familie suchen.

Physische Ähnlichkeit wirke «anziehend»

Schubarth geht noch weiter: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich getrennt aufgewachsene Geschwister anziehend finden, sei sogar besonders gross: «Die Attraktionsforschung geht davon aus, dass sich Menschen mit physischen Ähnlichkeiten gegenseitig anziehen.» Auch dies sei ein Grund, das bestehende Inzestverbot einzuschränken.

Der Ex-Richter verweist auf Frankreich, wo die Erwachseneninzest nicht verboten ist. Auch im Kanton Genf hätten Geschwister früher straffrei Beziehungen miteinander eingehen dürfen. Weder aus Frankreich noch aus Genf seien negative Erlebnisse durch den legalen Geschwisterinzest bekannt.

30-Prozent-Risiko für Schäden am Erbmaterial

Peter Breitschmid, Professor für Privatrecht an der Universität Zürich, sagt, die Forderung nach Straflosigkeit sexueller Beziehungen unter Geschwistern werde immer wieder laut. In der Schweiz seien Inzestbeziehungen verboten worden, weil das Risiko von geschädigtem Erbmaterial bei Kindern als zu hoch erachtet wurde.

Laut Anita Rauch, Direktorin des Instituts für Medizinische Genetik der Universität Zürich, geschah dies aus gutem Grund: «Wenn Geschwister miteinander ein Kind zeugen, beträgt das Risiko für geschädigtes Erbmaterial etwa 30 Prozent.» Auch wenn es sich dabei um Halbgeschwister handle, sei das Risiko hoch: «Dazu kenne ich zwar keine Studie mit genauen Zahlen, doch das Risiko vermute ich in einer ähnlichen Grössenordnung wie bei Vollblutsgeschwistern.»

Bundesrat liess Bericht ausarbeiten

Auch die Schweizer Politik hat sich unlängst mit den Risiken von Inzestbeziehungen beschäftigt. Im Auftrag des Bundesrats verfasste die Rechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer ein Gutachten dazu, wie das Familienrecht in der Schweiz modernisiert werden könnte. Wie Schuberth gelangte auch Schwenzer zum Schluss, dass das heutige Inzestverbot zwischen Geschwistern oder Halbgeschwistern kritisch zu betrachten sei, besonders wenn die Verwandtschaft auf Adoption gründe. Dies veranlasste SVP-Nationalrat Sebastian Frehner im vergangenen Jahr dazu, eine Interpellation einzureichen, in der er vom Bundesrat unter anderem wissen wollte, ob er eine Öffnung gegenüber Inzest ins Auge fassen werde. Der Bundesrat wollte sich in der Antwort auf die Interpellation allerdings noch nicht definitiv positionieren.

Für Frehner ist klar: Sexuelle Beziehungen zwischen Geschwistern müssen verboten bleiben. «Wir dürfen das Risiko solcher Beziehungen nicht verharmlosen.» Leidtragende seien sonst die Kinder, die mit Erbschäden zur Welt kommen.

Lieben Sie Ihre Schwester oder Ihren Bruder? Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.