Trotz Protest: Exekutionsvideos sind für Facebook kein Problem
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Trotz ProtestExekutionsvideos sind für Facebook kein Problem

Auf Facebook kursiert ein grausames Video, auf dem mehrere Männer von Islamisten hingerichtet werden. Schweizer könnten sich strafbar machen, wenn sie es weiterverbreiten.

von
num/hal

Islamisten stehen in der syrischen Stadt Aleppo schwer bewaffnet hinter einer Reihe kniender Männer. Diese sind gefesselt, haben ihre Köpfe gesenkt und warten auf den Tod. Dann beginnt das Morden: Aus nächster Nähe schiessen die Extremisten den Männern in den Kopf.

Blut fliesst, die Männer brechen sterbend zusammen – alles auf Facebook zu sehen. Unzensiert. Ohne zusätzliche Informationen. Das stösst einem 20-Minuten-Leser sauer auf: «Es ist grauenvoll, so etwas zu sehen.»

Er meldet das Video bei Facebook – und erhält eine unerwartete Antwort. «Wir haben das von dir wegen Darstellung drastischer Gewalt gemeldete Video geprüft und festgestellt, dass es nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstösst», schreibt Facebook.

«Macht auf Missstände aufmerksam»

Auf Nachfrage erklärt ein Facebook-Sprecher gegenüber 20 Minuten: «Wir löschen solche Inhalte nicht, weil wir glauben, dass Facebook ein Ort sein muss, an dem es möglich ist, Probleme auch mithilfe von drastischen oder verstörenden Inhalten ansprechen zu können.» Er erklärt weiter, dass aus Sicht von Facebook auf diese Weise «die Voraussetzung für gesellschaftliche Diskurse und das Problembewusstsein unter den Menschen geschaffen» werden.

Ein Satz des Sprechers macht stutzig: «Viele Organisationen verwenden kontroverse Videos und Fotos, um auf Missstände aufmerksam zu machen.» Auf welche Missstände das Exekutionsvideo aufmerksam machen will, bleibt unklar. Zumal es sich bei den Schützen im Video offenbar um Mitglieder der dschihadistischen Al-Nusra-Front handelt und bei den Opfern um syrische Soldaten.

«Nutzer wollen nur sehen, wie jemand erschossen wird»

Das bemängelt auch Philipp Cueni, Dozent für Medienethik am MAZ. «Da solche Videos nur hergestellt werden, damit sie möglichst breit gestreut werden, macht Facebook sich damit zu Instrumenten der Politik jener, die solche Videos herstellen und Hinrichtungen durchführen.» Laut Cueni trage Facebook zumindest eine «moralische Verantwortung», was auf ihrer Seite zu sehen ist und was nicht. «Auch wenn es kein publizistisches Medium ist.»

Das Zeigen von schrecklichen Realitäten könne in gewissen Situationen nötig sein, um Menschen aufzurütteln. «Ich denke dabei an die Napalm-Bilder im Vietnamkrieg, die viel zur Aufklärung über die dortigen Geschehnisse beigetragen haben.» Doch in diesem Fall habe das Video kaum einen Aufklärungswert. Philipp Cueni: «Ich schätze, dass ein Grossteil der Nutzer nur wissen will, wie es aussieht, wenn jemand erschossen wird.»

Schweizern droht Strafe

Bisher wurde das Video knapp 90'000-mal weltweit auf Facebook geteilt. Sollten neben dem 20-Minuten-Leser-Reporter weitere Schweizer das Video sehen, dürften sie gut beraten sein, es nicht zu teilen. Ein Sprecher des Bundesamts für Polizei (Fedpol) sagt: «Wer ein solches Video teilt, weiterverbreitet oder speichert, kann sich nach Schweizer Recht strafbar machen.»

Es obliege jedoch der Würdigung eines Gerichts oder der Staatsanwaltschaft, ob ein spezifisches Video als strafbare Gewaltdarstellung eingestuft werde oder nicht. Der Fedpol-Sprecher: «Solche Darstellungen bewegen sich häufig in einem Graubereich, da sie als dokumentarisch eingestuft werden können.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook wegen eines brutalen Videos in die Schlagzeilen kommt. Ende März vor einem Jahr war es ein kinderpornografisches Video, kurz darauf weigerte sich Facebook, das Video einer Enthauptung zu löschen. Erst nach massiven Protesten gab der Konzern nach.

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