Aktualisiert 29.04.2008 13:04

Experte zu Inzest-Drama: Grausamkeit ist menschlich

Der 73-jährige mutmassliche Täter des Inzest-Falles in Österreich ist nicht zwingend psychisch gestört. Macht, totales Verfügen, Sadismus und Abhängigkeit der Opfer haben wahrscheinlich eine Rolle gespielt, sagt Experte Martin Kiesewetter.

«Scheusslichkeit und Entsetzen über eine Tat ist kein Indikator für eine psychische Störung beim mutmasslichen Täter», sagt der leitende Arzt des forensischen Dienstes der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Es gebe scheussliche Dinge, die weder normal noch krankhaft seien.

Dass der 73-jährige Vater seine Tochter während 24 Jahren planmässig, zahlreiche Umstände berücksichtigend und unauffällig versteckt halten konnte und dabei nach Aussen hin noch nett wirkte, zeugt laut Kiesewetter nicht von einer Persönlichkeitsstörung.

Eine solche hätte sich nicht nur schon früher manifestieren, sondern sich auch in vielen psychischen und sozialen Bereichen abbilden müssen, betont der Psychiater.

Absolute Macht

Grundsätzlich sei es noch zu früh, um beim Mann eine Diagnose zu stellen. Dies geschehe im Laufe des Verfahrens. Zweifellos liegt gemäss Kiesewetter in der Tat etwas Sadistisches vor. Sadistisches Handeln komme aber auch bei Menschen ohne psychische Störung vor.

Die Machtausübung - das absolute Verfügen über jemanden, dem alle Rechte entzogen worden sind, schätzt Kiesewetter als einen Grundpfeiler des ganzen Falles ein. «Grausamkeit wohnt dem Menschen als Möglichkeit inne», sagt der Experte dazu.

Hinzu komme beim 73-jährigen Vater, dass er gleichzeitig das Gefühl haben konnte, von seinen Gefangenen unbedingt gebraucht zu werden.

Rebellion schwierig

Über die Umstände, welche dazu geführt haben, dass der Mann die Tochter mit ihren Kindern so lange unbemerkt gefangen halten konnte, ist noch nicht viel bekannt. Laut Kiesewetter ist es nicht klar, ob tatsächlich niemand etwas gewusst habe. «Die Frage lautet auch, wie fest das Umfeld die Augen zusammenkneifen musste, um nichts zu sehen.»

Die Möglichkeiten zur Rebellion im Keller schätzt Kiesewetter als gering ein. «Man muss sich vorstellen, dass für die 18- und 19-Jährigen die Aussenwelt überhaupt nicht nachvollziehbar war», erklärt er. Diese hätten nichts gewusst über Strassen, Sonnenlicht, Regen, Verkehr oder Pflanzen.

Das Klima völliger Isolation und die total entmachtete Mutter haben gemäss Kiesewetter eine Auflehnung äusserst unwahrscheinlich gemacht. Auch gehe solchen Gefangenen das Grundgefühl, selbst etwas zu können, verloren. Aus diesen Gründen geht der Psychiater davon aus, dass die freigekommenen Kinder «allerschwerste Defizite» haben.

Die jungen Opfer müssten sich erst einmal an eine Welt gewöhnen, in der es Dinge wie Lebewesen und Licht gebe. Da nicht bekannt sei, ob die Kinder unterrichtet wurden und welche Art von Kommunikation im Keller stattgefunden habe, kann Kiesewetter nicht beurteilen, ob die Jugendlichen ihre Defizite jemals aufholen können.

(sda)

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