1,5 Grad: Experten befürchten überschrittene Hitze-Limite in den nächsten vier Jahren
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1,5 GradExperten befürchten überschrittene Hitze-Limite in den nächsten vier Jahren

Ein neuer Bericht der Weltwetterorganisation zeigt, wie schnell es mit der Klimaerwärmung vorwärtsgeht. In nur wenigen Jahren dürfte eine lange gefürchtete Richtgrösse fallen. Zwar dürfte dies noch nicht in Stein gemeisselt sein, doch alle Indikatoren deuten in diese Richtung.

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Der Klimawandel schreitet mit einem erschreckend hohen Tempo voran. Die Grenze von 1,5 Grad dürfte gemäss eines neuen Expertenberichts schon in weniger als fünf Jahren fallen.

Der Klimawandel schreitet mit einem erschreckend hohen Tempo voran. Die Grenze von 1,5 Grad dürfte gemäss eines neuen Expertenberichts schon in weniger als fünf Jahren fallen.

AFP
Szenen, wie die im Westen der USA, wo der Stausee Lake Mead bereits Wochen vor Beginn des Hochsommers mehr oder weniger ausgetrocknet ist, werden sich wohl häufen. 

Szenen, wie die im Westen der USA, wo der Stausee Lake Mead bereits Wochen vor Beginn des Hochsommers mehr oder weniger ausgetrocknet ist, werden sich wohl häufen. 

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In Indien und Pakistan leiden die Menschen derzeit unter einer lang anhaltenden Hitzewelle mit über 40 Grad.

In Indien und Pakistan leiden die Menschen derzeit unter einer lang anhaltenden Hitzewelle mit über 40 Grad.

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Darum gehts

  • Ein Gremium der Vereinten Nationen prognostiziert einen weltweiten Temperaturanstieg von 1,5 Grad innerhalb der nächsten vier Jahre.

  • Die Zahl galt lange als Richtwert, den es noch auf Jahrzehnte zu vermeiden gilt.

  • Rufe nach mehr Klimaschutz dürften lauter werden. Rund um die Welt sind die Auswirkungen von immer länger anhaltenden Hitze- und Trockenheitsphasen zu spüren.

Die Jahresdurchschnittstemperatur der Welt könnte schon bis 2026 erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies in dem Fünf-Jahres-Zeitraum 2022 bis 2026 mindestens einmal passiert, liege bei fast 50 Prozent, berichtete die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf. Noch vor sieben Jahren galt es als praktisch ausgeschlossen, dass dieser Wert innerhalb von fünf Jahren erreicht wird.

Das bedeutet nicht, dass die 1,5-Grad-Marke dauerhaft überschritten wird. In den Folgejahren könne der Wert wieder niedriger liegen. So war das heisseste Jahr bislang 2016 mit etwa 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850-1900), aber danach lag die globale Durchschnittstemperatur wieder etwas niedriger. Die Tendenz ist aber eindeutig: Die Temperaturen steigen seit Jahrzehnten, und die Wahrscheinlichkeit, dass der Temperaturrekord von 2016 bis 2026 gebrochen wird, liegt laut dem WMO-Bericht bei 93 Prozent.

Pariser Klimaziele geraten in Gefahr

Klimaexperten und -expertinnen warnen, dass die Folgen des Klimawandels bei einer dauerhaften  Erwärmung von mehr als 1,5 Grad erheblich sind. «Die 1,5 Grad sind nicht irgendeine Statistik», sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. «Es ist ein Indikator für den Punkt, an dem die Folgen des Klimawandels für die Menschen und den ganzen Planeten immer schädlicher werden.»

Im Pariser Klimaabkommen hatten sich die Länder der Welt im Dezember 2015 darauf geeinigt, Anstrengungen zu unternehmen, um die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. «Ein einziges Jahr mit einer Erwärmung von mehr als 1,5 Grad heisst nicht, dass wir die symbolische Schwelle aus dem Pariser Klimaabkommen überschritten haben, aber es macht deutlich, dass wir dem Zeitpunkt immer näher rücken, an dem die 1,5 Grad über einen längeren Zeitraum überschritten werden könnten», sagte der Hauptautor der Studie, Leon Hermanson.

2021 lag der Temperaturanstieg bei 1,1 Grad

Die bisherigen Klimaschutzanstrengungen reichen nach Expertenüberzeugung bei weitem nicht aus, um die Erwärmung wie angestrebt zu begrenzen. Das hat der Weltklimarat (IPCC) in seinem jüngsten Sachstandsbericht deutlich gemacht, den er seit Sommer 2021 in drei Teilen mit verschiedenen Schwerpunkten veröffentlicht hat. Die Länder müssen mehr tun, um die Treibhausgase in der Atmosphäre zu reduzieren, die die Wärmeabstrahlung der Erde zurückhalten und die höheren Temperaturen verursachen.

«So lange wir Treibhausgase ausstossen, werden die Temperaturen weiter steigen», sagte Taalas. «Und damit werden die Ozeane weiter wärmer und saurer werden, das Meereseis und die Gletscher werden weiter schmelzen, der Meeresspiegel wird weiter steigen und die Wetterereignisse werden immer extremer werden.»

In Südwesteuropa soll es dieses Jahr noch trockener werden

Im vergangenen Jahr lag die globale Durchschnittstemperatur nach dem vorläufigen Klimabericht der WMO 1,1 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Den endgültigen Wert veröffentlicht die WMO am 18. Mai.

Die Prognosen für die fünf Jahre bis 2026 hat die britische Meteorologiebehörde mithilfe von Experten und Expertinnen aus Deutschland und vielen anderen Ländern für die WMO vorgenommen. Sie geht davon aus, dass die Durchschnittstemperatur in diesem und den kommenden vier Jahren zwischen 1,1 und 1,7 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen wird.

Für dieses Jahr rechnen die Meteorologen und Meteorologinnen damit, dass es in Südwesteuropa und im Südwesten Nordamerikas trockener ist als im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. In Nordeuropa, der Sahel-Zone, Nordostbrasilien und Australien dürfte es dagegen feuchter werden.

Hitzewelle in Indien und Pakistan

Seit zwei Monaten leiden die Menschen in Indien und Pakistan unter einer beispiellosen Hitzewelle mit Temperaturen von über 40 Grad. Mehr als eine Milliarde Menschen sind betroffen. Abgesehen von gesundheitlichen Beschwerden sind auch schwerwiegende wirtschaftliche Folgen zu erwarten. Nach Angaben der indischen Regierung hat die Sterblichkeit durch Hitze in Indien seit 1980 um mehr als 60 Prozent zugenommen. Zuletzt gab es 2015 und 2019 Hitzewellen mit vielen Todesopfern.

(AFP/DPA/pme)

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