Aktualisiert 08.03.2012 23:34

Neuer GentestExperten erwarten Abtreibungswelle

Bald können Schwangere per Gentest herausfinden, ob ihr Ungeborenes das Down-Syndrom hat. Damit wächst die Angst, dass mehr Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben werden.

von
Simona Marty
Der Gentest zeigt auf, ob das Ungeborene Trisomie 21 hat.

Der Gentest zeigt auf, ob das Ungeborene Trisomie 21 hat.

Die Hoffnung auf ein gesundes Kind beschäftigt eine Frau während der Schwangerschaft wie wohl kein anderes Thema. Ein neuer Gentest, der im Mai oder Juni in die Schweiz kommt, verspricht hier einen revolutionären Fortschritt: Statt wie bisher mit der Fruchtwasseruntersuchung kann die DNA des Kindes neu per Bluttest auf Trisomie 21, das sogenannte Down-Syndrom, untersucht werden.

Dies ist viel sicherer: «Mit dem Gentest fällt das Risiko einer Fehlgeburt komplett weg», sagt Michael Lutz, Geschäftsführer von Lifecodexx, die den Test aufgrund vieler Anfragen im Frühling in die Schweizer bringen will. Man sei mit einigen Kliniken im Gespräch – so will zum Beispiel das Universitätsspital der beiden Basel die Methode in Zukunft anwenden. Der Test soll vorerst bei Risikoschwangerschaften eingesetzt werden. Die Kosten von 1500 Franken müssen die Schwangeren selbst bezahlen.

Druck auf Mütter wird steigen

Nun schlagen Experten Alarm: Durch den Gentest werde mehr getestet und damit komme es öfters so weit, dass Schwangere ihr Kind mit Trisomie 21 abtreiben. Judit Pók, leitende Ärztin der Frauenklinik des Zürcher Universitätsspitals, warnt, dass der Druck auf die werdenden Mütter enorm zunehmen wird. «Meine grösste Sorge ist es, dass sich Krankenkassen irgendwann weigern, für ein Kind mit Trisomie 21 noch zu zahlen», sagt sie im «Beobachter». Die Abtreibungsgegner sind empört: «Damit zeigt man, dass ein behindertes Leben weniger Wert ist», so Stefan Willa von «Ja zum Leben».

In Zukunft werden sich mit der Anwendung jedoch noch weitere, vermutlich heiklere Fragen auftun. Der Test ist theoretisch auf alles anwendbar, was sich aus der DNA lesen lässt: etwa Geschlecht, Augen- und Haarfarbe.

«Frei entscheiden heisst, das behinderte Kind akzeptieren»

Frau Lauper*, was halten Sie von solchen Gentests?

Heidi Lauper: Sie sind sehr problematisch. Ich befürchte, dass dadurch noch mehr gesellschaftlicher Zwang entsteht, dass man Kinder mit möglichen Behinderungen abtreiben muss.

Ist es für die Eltern nicht eine Hilfe, wenn sie so frei entscheiden können?

Frei entscheiden heisst allerdings auch, dass Eltern ihr behindertes Kind akzeptieren – denn jedes Leben ist wertvoll.

Sind Eltern mit Trisomie-21-Kindern nicht oft überfordert?

Natürlich gibt es schwierige Situationen. Aber ein Leben mit einem behinderten Kind bedeutet nicht einfach nur Elend und Leid, wie sich das viele vorstellen. Gerade für Menschen mit Down-Syndrom stimmt diese Vorstellung überhaupt nicht.

*Heidi Lauper ist Co-Geschäftsführerin von Insieme, einer Eltern-Organisation, die sich für Menschen mit geistiger ­Behinderung starkmacht.

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