Aerosol-Übertragungen - Personen-Beschränkungen sollen dank CO2-Messgeräten fallen
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Aerosol-ÜbertragungenPersonen-Beschränkungen sollen dank CO₂-Messgeräten fallen

Ein simples Gerät könnte die Ansteckungen in Innenräumen reduzieren und weitere Lockerungen ermöglichen. Pilotversuche laufen – allerdings ohne das BAG.

von
Daniel Graf
Carla Pfister
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Um Aerosole vorzubeugen, setzen Staaten wie Kanada oder die USA auf eine simple Technologie: Geräte messen, wie hoch die Konzentration an CO₂ in der Luft ist.

Um Aerosole vorzubeugen, setzen Staaten wie Kanada oder die USA auf eine simple Technologie: Geräte messen, wie hoch die Konzentration an CO₂ in der Luft ist.

Morn
Die Idee: Sobald die CO₂-Konzentration in der Luft einen gewissen Schwellenwert übersteigt, etwa 1000ppm, müsste in Schulzimmern und Restaurants gelüftet werden.

Die Idee: Sobald die CO₂-Konzentration in der Luft einen gewissen Schwellenwert übersteigt, etwa 1000ppm, müsste in Schulzimmern und Restaurants gelüftet werden.

20min/Marco Zangger
«Restaurants sollten die Geräte für alle sichtbar aufhängen. Dann könnte jeder Gast sehen, wann es Zeit zum Lüften ist, und das Personal darauf aufmerksam machen», so Epidemiologe Andreas Widmer.

«Restaurants sollten die Geräte für alle sichtbar aufhängen. Dann könnte jeder Gast sehen, wann es Zeit zum Lüften ist, und das Personal darauf aufmerksam machen», so Epidemiologe Andreas Widmer.

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Darum gehts

  • CO₂-Messgeräte warnen, wenn die CO₂-Konzentration in einem Raum zu hoch ist und gelüftet werden muss.

  • So kann das Übertragungsrisiko von Corona erheblich gesenkt werden.

  • In verschiedenen Branchen könnte das eine sicherere Nutzung von Innenräumen ermöglichen.

  • Politiker und Branchenvertreter fordern die Messgeräte seit Langem, nun will das BAG reagieren.

Das Coronavirus wird häufig über Aerosole übertragen, also durch die Luft. Die Ansteckungsgefahr in Innenräumen ist deshalb viel höher als draussen. Das ist heute wissenschaftlicher Konsens.

Um dem vorzubeugen, setzen Staaten wie Kanada oder die USA auf eine simple Technologie: Geräte messen, wie hoch die Konzentration an CO₂ in der Luft ist. So dürfen etwa im Staat Washington Restaurantgäste nur draussen in Zelten bedient werden, wenn die Luftqualität gemessen und regelmässig gelüftet wird. Verschiedene Studien zeigen, dass eine tiefe CO₂-Konzentration Virusübertragungen stark reduzieren kann.

Taskforce: «Geräte werden zu wenig genutzt»

Die wissenschaftliche Taskforce hatte bereits Mitte April darauf hingewiesen, dass CO₂-Messgeräte «ein zu wenig genutztes Mittel im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie» darstellten. Trotzdem kommen sie in der Schweiz noch kaum zum Einsatz. Regelmässiges Lüften ist zwar Teil der Schutzkonzepte, was das genau heisst, ist aber unklar. Das will das BAG nun ändern (siehe unten).

Laut Epidemiologe Andreas Widmer bestehe hier Handlungsbedarf: «CO₂-Messgeräte sind für 100 bis 200 Franken zu haben und einfach in der Handhabung. Gerade hinsichtlich der Öffnung der Restaurants wäre es sinnvoll, wenn überall solche Geräte verwendet würden. Auch in sämtlichen Schulzimmern sollten sie angebracht werden.»

Die Idee: Sobald die CO₂-Konzentration in der Luft einen gewissen Schwellenwert übersteigt, etwa 1000ppm, müsste in Schulzimmern und Restaurants gelüftet werden. «So könnte auch die Virenkonzentration in der Luft niedrig gehalten und das Ansteckungsrisiko beträchtlich reduziert werden», sagt Widmer.

BAG prüft CO₂-Messgeräte

Gemäss BAG-Mediensprecher Daniel Dauwalder sind CO₂-Sensoren eine sinnvolle Hilfe für das Lüften. Auf die Wichtigkeit von regelmässigem Lüften mache das BAG bereits aufmerksam. «Ansteckungen über Tröpfchen und Aerosole im engen Kontakt oder im Nahbereich einer infizierten Person können damit aber nicht verhindert werden», gibt Dauwalder zu bedenken. Und: «Die Geräte lüften nicht selber, das müssen die Nutzer der Geräte organisieren.» In Schulen seien CO₂-Messgeräte eine Ergänzung, um den Lüftungsplan zu überprüfen und an das Lüften zu erinnern. Das BAG prüfe zur Zeit, wie der Aspekt Lüftung von Innenräumen in der Kommunikation verstärkt und in den Schutzkonzepten besser konkretisiert werden könne. «CO₂-Sensoren können als sinnvolle Erinnerungshilfe im Zusammenhang mit Lüftungsempfehlungen erwähnt werden», sagt Dauwalder.

Einrichtungen könnten mehr Besucher empfangen

Neben Schulen und Restaurants könnte er sich den Einsatz auch in Kinos, Theatern oder Fitnesscenter vorstellen: «Damit sie die Geräte auch wirklich kaufen und nutzen, könnte das BAG ihnen etwa erlauben, die Hälfte oder zwei Drittel der Kapazitäten zu nutzen, anstatt wie derzeit bloss ein Drittel.»

Auch zur Überwachung, dass wirklich gelüftet wird, wenn die Geräte einen zu hohen Wert anzeigen, hat Widmer eine Idee: «Restaurants sollten die Geräte für alle sichtbar aufhängen. Dann könnte jeder Gast sehen, wann es Zeit zum Lüften ist, und das Personal darauf aufmerksam machen.»

Lehrer drängen schon lange auf Messgeräte

Die oberste Lehrerin Dagmar Rösler fordert schon seit einem Jahr solche Messgeräte für Schulzimmer: «In zwei von drei Schulzimmern ist die Luft zu schlecht, hat eine Studie belegt. In einem Schulzimmer mit 25 Kindern wird es schnell stickig, und nicht immer kann man angemessen lüften. Um das sichtbar zu machen, wären solche Messgeräte sehr hilfreich.»

Die Umsetzung erweise sich aber an vielen Orten als schwierig: «Der Bund spielt den Ball immer wieder zurück an die Gemeinden. Wir würden es sehr begrüssen, wenn die zuständigen Behörden sich für solche Geräte in den Schulzimmern einsetzen würden.» Das sei gerade auch aufgrund des Coronavirus wichtig: «Die Kinder werden noch lange nicht geimpft sein. Dem Gesundheitsschutz in den Schulen muss nach wie vor eine hohe Priorität eingeräumt werden. CO₂-Messgeräte können da eine sinnvolle Unterstützung leisten», so Rösler.

Fitnessbranche probt Geräte auf eigene Faust

Ein Pilotprojekt läuft derzeit in 30 Fitnesszentren: «Als Branche haben wir den Vorteil, dass moderne Lüftungen meist schon vorhanden sind. Mit den Messgeräten können wir nun die Luftqualität messen und auch belegen», sagt Claude Amman, Präsident des Schweizerischen Fitness- und Gesundheits-Center Verbandes.

Auch er übt Kritik an den Behörden: «Weder vom Bund noch von den Kantonen haben wir bei der Umsetzung der Strategie Unterstützung erhalten.» Nun fordert Amman Lockerungen in den Fitnesszentren: «Weil wir diesen Nachweis für reine Luft erbringen, fordern wir vom Bund, dass zumindest an den Geräten wieder ein Trainieren ohne Maske möglich ist.»

Auch die Politik macht Druck

Auch GLP-Nationalrat Bäumle versucht seit über einem Jahr, das Thema voranzutreiben. «Dass die Aerosolübertragung in Innenräumen massgeblichen Einfluss auf die Pandemie habe, ist mittlerweile bald allen klar.» Gemäss Bäumle konzentrierten sich die Schutzstrategien zu stark nur auf Masken und Abstand: «Darüber, dass gut belüftete Innenräume ein markant tieferes Risiko bergen als schlecht belüftete, wird zu wenig gesprochen. Dass CO₂-Grenzwerte nicht in die Strategien einflössen, sei deshalb unverständlich, so Bäumle. «So könnte man faktenbasierte und differenzierte Öffnungs- und Schliessungsschritte machen, statt immer per Kahlschlag alles auf oder zu.»

Schutz vor Aerosolen

Co₂-Messgeräte

Beim Ausatmen stossen wir verbrauchte Luft in Form von CO₂ aus. Nach einer Infektion mit Covid-19 befinden sich in der Atemluft zudem ansteckende Aerosole. Während sich Aerosole schwer feststellen lassen, gibt der CO₂-Gehalt Aufschluss darüber, wie verbraucht die Raumluft ist. CO₂-Messgeräte zeigen diese Konzentration an und warnen, wenn die Konzentration einen gewissen sicheren Wert übersteigt, sodass wieder gelüftet werden muss. Das Ansteckungsrisiko kann gemäss Forschung durch gute Durchlüftung von Innenräumen unter einem Prozent gehalten werden. Verschiedene Studien bestätigen zudem, dass die Anwendung von CO₂-Messgeräten beim Schutz vor Covid-19 ein wirksames Mittel ist. Auch die Science Task Force bezeichnet in einem Policy Brief die Co₂-Messgeräte als simple, kostengünstige Methode, um die Luftqualität zu messen. Die Nützlichkeit der Sensoren beim Schutz vor Covid-19 sei unter Aerosol-Expertinnen und -Experten breit anerkannt, schreibt die Taskforce.

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