Schulstart nach Sommerferien - Experten fordern Luftfilter und CO2-Messgeräte in Schweizer Schulen
Aktualisiert

Schulstart nach SommerferienExperten fordern Luftfilter und CO2-Messgeräte in Schweizer Schulen

CO2-Messgeräte, Luftfilter und systematische Testungen: Fachpersonen und Politikerinnen und Politiker fordern zum Schulstart mehr Schutzmassnahmen, um COVID-19-Erkrankungen bei Kindern zu verhindern.

von
Gabriela Graber
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In vielen Kantonen beginnt demnächst das neue Schuljahr. 

In vielen Kantonen beginnt demnächst das neue Schuljahr.

20 Minuten 
Fachpersonen befürchten einen starken Anstieg der COVID-Fälle unter Kindern und fordern stärkere Schutzmassnahmen. 

Fachpersonen befürchten einen starken Anstieg der COVID-Fälle unter Kindern und fordern stärkere Schutzmassnahmen.

20min/Simon Glauser
«Wir haben die ansteckendere Delta-Variante. Und viele kommen aus den Ferien zurück, was das Risiko von Ansteckungen in der Schweiz erhöht», sagt Bundesrat Alain Berset. Die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Schule treffen, könnten die Verbreitung beschleunigen.

«Wir haben die ansteckendere Delta-Variante. Und viele kommen aus den Ferien zurück, was das Risiko von Ansteckungen in der Schweiz erhöht», sagt Bundesrat Alain Berset. Die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Schule treffen, könnten die Verbreitung beschleunigen.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Der Schulstart steht an; 1,2 Millionen Kinder sind ungeimpft.

  • Maja Strasser, Fachärztin für Neurologie, warnt vor Zehntausenden Fällen von Long Covid bei Kindern.

  • Der Infektiologe Alessandro Diana befürchtet eine erneute Überlastung der Spitäler.

  • Der Verein «Bildung Aber Sicher» setzt sich seit Monaten für stärkere Massnahmen an Schulen ein.

Viele Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen blicken dem Schulstart nach den Sommerferien mit Besorgnis entgegen: Trotz Empfehlungen des Bundes, regelmässig zu testen, gibt es in Schweizer Schulen keine einheitlichen Corona-Schutzkonzepte. Nur wenige Kantone, etwa Graubünden und Bern, halten sich an die Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit (BAG).

Und das, obwohl momentan die Corona-Ansteckungsgefahr durch Ferienrückkehrerinnen und Ferienrückkehrer besonders hoch ist: «Wir haben die ansteckendere Delta-Variante. Und viele kommen aus den Ferien zurück, was das Risiko von Ansteckungen in der Schweiz erhöht», sagt Bundesrat Alain Berset im Gespräch mit der «SonntagsZeitung». Die Kinder und Jugendlichen, die sich in der Schule treffen, könnten die Verbreitung beschleunigen. Als «nicht unproblematisch» weist Neurowissenschaftler Dominique de Quervain auf die Thematik hin.

Andere europäische Länder gehen derweil viel weiter, um Schulkinder möglichst vor Ansteckungen zu schützen. So etwa Österreich: Schulzimmer werden mit Luftfiltern ausgestattet, Schülerinnen und Schüler dreimal wöchentlich getestet und mittels Abwasser-Analyse wird ein Corona-Frühwarnsystem implementiert. Luftfilter kommen auch in vielen deutschen Städten – etwa in Frankfurt, Bonn, Berlin oder Thüringen – zur Anwendung. In Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern sollen CO2-Geräte zum Einsatz kommen. Vielerorts wird an der Maskenpflicht festgehalten oder wieder eingeführt.

Long Covid oder Entzündungsreaktion PIMS bei Kindern möglich

Dass in der Schweiz entsprechende Vorkehrungen fehlen, sei «bedenklich», sagt Maja Strasser, Fachärztin für Neurologie. «Bei Aufhebung der Massnahmen werden geschätzt 1,2 Millionen Kinder nicht geimpft sein. Früher oder später werden diese infiziert.» Da diverse Studien zeigten, dass auch Kinder an Long Covid erkranken können, sei das ein grosses Problem. Was hinzukommt: In seltenen Fällen führe eine COVID-19-Erkrankung zum Entzündungssyndrom PIMS (Pädiatrisches multisystemisches inflammatorisches Syndrom). Dabei komme es zu einer Überreaktion des Immunsystems, Kinder leiden an hohem Fieber, Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall. «70 Prozent der Fälle müssen auf der Intensivstation hospitalisiert werden, Kreislaufversagen sind häufig», sagt Strasser.

Gemäss diversen Studien und Aussagen der Taskforce könnten schweizweit Zehntausende Kinder an Long Covid und mehrere Hundert an PIMS erkranken, sagt Strasser. «Sowohl bei Long Covid als auch bei PIMS ist völlig unklar, ob es Langzeitfolgen gibt. Es kann nicht sein, dass eine ganze Generation von Kindern durchseucht wird.» Strasser fordert flächendeckende PCR-Testungen und eine Kontrolle und Verbesserung der Luftqualität mit CO2-Messgeräten und Luftfiltern. «Bei höheren Fallzahlen sollen Masken in allen Klassenstufen für obligatorisch erklärt werden, auf infektionsfördernde Aktivitäten wie Turnen und Singen sollte man dann wieder verzichten.»

Spitalüberlastungen wegen Delta?

Auch der Verein «Bildung Aber Sicher» fordert, dass schweizweit die Luftqualität in den Schulzimmern überwacht wird. Bei einem Anstieg der Infektionen sollten auch Schulschliessungen in Betracht gezogen werden: «In der Vergangenheit zeigte sich, dass Schulschliessungen einen positiven Einfluss auf das Pandemiegeschehen hatten», sagt Vereinssprecher Rui Biagini. Schliesslich sei es extrem wichtig, dass Infektionsketten möglichst früh unterbrochen werden. «Auch bei Kindern, die nicht vom Virus verschont bleiben.»

Für eine gute Durchlüftung plädiert auch Alessandro Diana, Kinderarzt und Infektiologe: «In Innenräumen ist die Infektionsgefahr 20 Mal grösser als draussen.» CO2-Messgeräte könnten dabei nützlich sein. «Sie messen den CO2-Gehalt in der Luft und können einen Alarm abgeben, wann gelüftet werden muss.»

Die potenzielle neue Überlastung der Spitäler aufgrund der hochansteckenden Delta-Variante sei beunruhigend, sagt Diana: «Kinder werden ihren Beitrag zur Verbreitung des Viruses leisten. Wie hoch der sein wird, ist schwer einzuschätzen.» Da Long Covid und PIMS bei Kindern eher selten vorkomme, sei Panik jedoch fehl am Platz.

Weitere Schutzmassnahmen «unnötig»

Auf politischer Ebene macht sich etwa GLP-Nationalrat Martin Bäumle für stärkere Schutzkonzepte in Schulen stark. Er fordert Pooling-Tests an allen Schulen – sowohl bei geimpften als auch bei ungeimpften Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen. «Auf diese Weise könnten Herde frühzeitig erkannt und schnell im Keim erstickt werden». Er hofft, dass durch Gruppendruck alle mitmachen. «Die Alternative könnte bei höherer Inzidenz sein: Wer sich nicht testen lässt, könnte in den Fernunterricht geschickt werden.» Auch CO2-Messgeräte, Luftfilter oder gar bauliche Massnahmen sollten laut Bäumle in Betracht gezogen werden.

SVP-Nationalrat Martin Haab erachtet weitere Schutzmassnahmen hingegen als unnötig. «Wir sind auf einem guten Weg.» Seinen Erkenntnissen nach erkrankten Jugendliche und Kinder nur in ganz seltenen Fällen an Corona. Der Schulbetrieb müsse nun normal weiterlaufen können, so Haab. «Ausserdem sind viele Schülerinnen und Schüler Masken-müde und haben mit psychischen Problemen zu kämpfen.» Statt weitere Massnahmen einzuführen, sollten sie flächendeckend aufgehoben werden.

«Kinder kehren aus Ferien an den verschiedensten Orten zurück»

Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) und die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK erachten das systematische Testen als wichtige Massnahme im ganzen Massnahmenpaket. «Nach den Ferien wird diesen Tests eine besonders wichtige Bedeutung zukommen, kehren doch viele Kinder aus den Ferien an verschiedensten Orten ins Schulzimmer zurück», so eine LCH-Sprecherin. Luftmessungen und eine gute Raumlüftung blieben weiterhin relevant.

Gemäss aktueller Rechtslage seien die Kantone für die Schutz- und Testkonzepte zuständig, sagt Stefan Kunfermann vom Generalsekretariat der EDK. «Diese entscheiden gestützt auf die epidemiologische Lage, welche Massnahmen sie zu welchem Zeitpunkt anordnen.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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