Nach Kritik von Ärzten  – Experten kritisieren fehlende Praxiserfahrung beim BAG
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Nach Kritik von Ärzten Experten kritisieren fehlende Praxiserfahrung beim BAG

Schweizer Ärzte schiessen scharf gegen das BAG. Gesundheitsexperten geben ihnen in vielen Punkten recht – sehen aber auch Fehler bei der Ärzteschaft selber.

von
Daniel Graf
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Das BAG – links im Bild Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung – und das Gesundheitsdepartement – rechts Bundesrat Alain Berset – stehen in der Kritik. 

Das BAG – links im Bild Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung – und das Gesundheitsdepartement – rechts Bundesrat Alain Berset – stehen in der Kritik. 

20min/Simon Glauser
Ärztinnen und Ärzte und Gesundheitsökonomen werfen Bundesrat und Amt vor, an der Realität vorbei zu planen. 

Ärztinnen und Ärzte und Gesundheitsökonomen werfen Bundesrat und Amt vor, an der Realität vorbei zu planen. 

20min/Simon Glauser
So würden Millionen an Steuergeldern in den Sand gesetzt und die Grundversorgung gefährdet, kritisieren Ärztinnen und Ärzte. 

So würden Millionen an Steuergeldern in den Sand gesetzt und die Grundversorgung gefährdet, kritisieren Ärztinnen und Ärzte. 

Anna-Tia Buss/Tamedia

Darum gehts 

  • In verschiedenen Artikeln in Fachzeitschriften lassen sich Ärztinnen und Ärzte über das Bundesamt für Gesundheit aus. Dieses lanciere millionenteure Projekte an der Realität vorbei.

  • Auch zwei Gesundheitsexperten orten Probleme beim BAG. So habe kaum jemand in der oberen Führungsetage kürzlich Praxiserfahrungen gesammelt. 

  • Das sei insbesondere ein Problem, weil sich die Medizin sehr schnell weiterentwickle. 

  • Doch auch die Ärzteschaft hat laut den Experten Fehler gemacht. 

Bei den Schweizer Ärztinnen und Ärzten brodelt es: Sie werfen dem Bundesamt für Gesundheit vor, die Realität der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte zu verkennen und Millionen Steuergelder in unnütze Projekte zu investieren. Gesundheitsminister Alain Berset plane gar die Verstaatlichung des Gesundheitswesens. Was ist dran an den Vorwürfen? Zwei Experten ordnen ein.

Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte beim Vergleichsdienst Comparis, und Gesundheitsökonom Willy Oggier können den Unmut der Ärztinnen und Ärzte gut nachvollziehen: «Das BAG entwickelt Eigendynamiken, die teilweise schwer nachvollziehbar sind», sagt Oggier. In den oberen Führungsgremien seien kaum Leute, die in den letzten Jahren im medizinischen Praxisalltag gearbeitet hätten. «Die Medizin ist aber ein Geschäft, in dem die Halbwertszeit des Wissens kurz ist, etwa weil immer wieder neue Methoden und Therapien entstehen. Da ist es wichtig zu wissen, wie die Praxis funktioniert, bevor man Vorschriften erlässt.»

«Ärzteschaft hat Reformen jahrelang abgelehnt»

Schneuwly nimmt auch die Politik in die Verantwortung: «Die Revisionen des Krankenversicherungsgesetzes (KVG) des Parlaments sind schlecht. Die letzte einigermassen gute war die 2012 in Kraft getretene Spitalfinanzierung.» Als skandalös bezeichnet er, «wie das BAG zusammen mit dem Bundesrat schlechte KVG-Reformen auf Verordnungsstufe noch bürokratischer und kontraproduktiver macht». Auch die Argumente und immer wieder neuen Anforderungen, mit denen der Bundesrat die Inkraftsetzung des neuen Ärztetarifs «Tardoc» verzögere, sei inakzeptabel.

Allerdings scheuen sich laut Schneuwly auch die Ärztinnen und Ärzte vor Veränderungen: «Die Ärzteschaft hat jahrelang alle Reformen abgelehnt, aber gerade im Bereich Digitalisierung selber keine zukunftsweisenden Reformprojekte vorgeschlagen.» Oggier sagt: «Qualität ist lange Zeit auch von der Ärzteschaft nicht aktiv thematisiert worden. Nun ist sie im Fokus.»

Er spricht damit auf das Qualitätsgesetz an, welches von der Ärzteschaft scharf kritisiert wird. «Das Problem ist: Wenn Leute über Vorgaben zu reglementieren beginnen, die den Versorgungsalltag nicht kennen, wird es schwierig. In der Qualitätskommission hat es beispielsweise keinen einzigen Vertreter aus der Rehabilitation drin», sagt Oggier.

«Qualitätsstrategie ist eine Katastrophe»

Das elektronische Patientendossier war laut dem Gesundheitsökonomen «von Anfang an schlecht aufgegleist». Auch hier sei die Ärzteschaft mit ihrer Opposition aber mitbeteiligt gewesen. Schneuwly pflichtet bei: «Die Qualitätsstrategie ist eine Katastrophe.» Es fehle eine seriöse Bestandsaufnahme, was es in Sachen Qualität schon gibt und was gut und was schlecht funktioniere. «Und 21 Vierjahresziele nach sowjetischer Planwirtschaftsmanier sind echt zu viel des Guten.»

Zum Impfdossier sagt Oggier: «In der Regel ist es nie gut, wenn der Staat Dinge selbst ausführt, von denen er keine Ahnung hat und die nicht zu seinen Kernaufgaben gehören.» Der Staat könne aber Anreize setzen, damit ein solches Impfdossier in die Gänge komme.

«Befürchte, dass das Parlament zu spät erwacht»

Auch den Vorwurf, die Politik wolle das Gesundheitswesen verstaatlichen, können die Experten nachvollziehen: «Diese Entwicklung ist nicht neu, sie hat sich aber akzentuiert», sagt Oggier. Das Departement blockiert seit Jahren die neue ambulante Tarifstruktur – also ausgerechnet ein Feld, in dem Versicherer und Ärzteschaft miteinander nach Lösungen suchten. Auch Schneuwly erkennt Verstaatlichungsabsichten. «Und ich befürchte, dass die bürgerliche Mehrheit im Bundesrat und im Parlament erst erwacht, wenn es zu spät ist.» 

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