«Vorteile sind evident» – Experten raten Bundesrat zur Impfpflicht
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«Vorteile sind evident»Experten raten Bundesrat zur Impfpflicht

Für Wissenschaftler ist klar: «Ungeimpfte tragen überproportional zur Belastung des Gesundheitswesens bei.» Es sei deshalb am Bundesrat, auch ein Impfobligatorium zu diskutieren.

von
Pascal Michel
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Laut der wissenschaftlichen Taskforce steht der Schweiz ein schwieriger Corona-Winter bevor.

Laut der wissenschaftlichen Taskforce steht der Schweiz ein schwieriger Corona-Winter bevor.

20min/Michael Scherrer
Solange die Impfquote tief bleibt, braucht es wohl flächendeckende Massnahmen.

Solange die Impfquote tief bleibt, braucht es wohl flächendeckende Massnahmen.

20min/Matthias Spicher
Für Virologin Isabella Eckerle hätte der Bundesrat 2G oder eine Impfpflicht für «manche Gruppen oder alle» sowie 2G bereits im Spätsommer diskutieren müssen.

Für Virologin Isabella Eckerle hätte der Bundesrat 2G oder eine Impfpflicht für «manche Gruppen oder alle» sowie 2G bereits im Spätsommer diskutieren müssen.

Universität Genf

Darum gehts

  • Die Taskforce hat am Dienstag ein düsteres Szenario für den Corona-Winter präsentiert.

  • Das befeuert die Debatte um ein Impfobligatorium.

Zwei Drittel der Bevölkerung ist in der Schweiz geimpft. Trotzdem ziehen die Kantone die Schraube bei den Massnahmen angesichts der steigenden Fallzahlen wieder an. Laut der wissenschaftlichen Taskforce könnte in der Schweiz im Dezember eine ähnliche epidemiologische Situation wie in Österreich drohen.

Die Einschränkungen, um dies abzuwenden, werden auch geimpfte Personen treffen: Die Taskforce nennt etwa Masken an 3G-Veranstaltungen oder Kapazitätsbeschränkungen, um Kontakte zu reduzieren. Dementsprechend gross dürfte der Frust bei Geimpften sein.

Um diese längerfristig vor neuen Einschränkungen bewahren zu können, hat Österreich ein Impfobligatorium in Aussicht gestellt. Zudem gilt die 2G-Regel. Laut einer Umfrage von 20 Minuten und Tamedia würden in der Schweiz 61 Prozent einem Impfobligatorium für das medizinische Personal unterstützen. Gegen eine «Impfpflicht» hat bereits die Gruppe «Freiheitliche Bewegung Schweiz» erfolgreich 100’000 Unterschriften für eine Volksinitiative gesammelt.

«Vorteile für das Gesundheitssystem»

Deren Befürchtungen sind nicht unbegründet. Ex-Taskforce-Mitglied und Neurowissenschaftler Dominique de Quervain geht davon aus, «dass mittelfristig viele Länder eine Covid-Impfpflicht oder breite Impfobligatorien einführen werden, weil die Vorteile für das Gesundheitssystem und die Wirtschaft für jene Länder, die das tun, evident werden».

Zieht auch die Schweiz nach? Dies sei eine politische Frage, sagt er zu 20 Minuten. Aber seine Ansage an den Bundesrat ist klar: «Aus wissenschaftlicher Perspektive ist alles bekannt und alles gesagt. Ungeimpfte tragen überproportional zur Belastung des Gesundheitswesens bei und eine dauerhafte Entschärfung ist nur mit einer Schliessung der Impflücken zu erreichen. Die Umsetzung der Massnahmen, die sich aus diesen Erkenntnissen ergeben, ist Aufgabe der Politik.»

In dieselbe Richtung geht die Einschätzung der Genfer Virologin Isabella Eckerle. Für sie hätte der Bundesrat 2G oder eine Impfpflicht für «manche Gruppen oder für alle» bereits im Spätsommer diskutieren müssen, wie sie auf Twitter ausführt.

SP-Fraktionschef Roger Nordmann kann den Frust der Geimpften gut verstehen. Es gebe derzeit nur schlechte Alternativen zur Impfung: Entweder überrolle eine grosse Welle die vorwiegend Ungeimpften, wie die alarmierenden Zahlen aus der Ost- und Zentralschweiz zeigten. Dies wiederum treffe auch Geimpfte, die etwa Operationen verschieben müssten. «Alternativ werden wieder restriktive Massnahmen für alle nötig, was die Solidarität der Geimpften strapaziert», sagt Nordmann.

Und trotzdem will ein Teil der Bevölkerung die Impfung partout nicht. «Ein Teil der Ungeimpften ist Opfer von Falschinformationen. Leider könnte ihre Imfpfverweigerung dazu führen, dass die Geimpften ebenfalls eingeschränkt werden», sagt Nordmann.

Da 2G oder «Symbolmassnahmen» Lockdowns für Ungeimpfte in der Schweiz keine Chance hätten und die Radikalisierung der Massnahmengegner und -gegnerinnen weiter vorantreiben würden, ist Nordmann ratlos. «Wir können kaum jemanden zur Impfung zwingen.»

Denkbar ist für ihn, dass allen Ungeimpften ein serologischer Test angeboten wird. So sehen diese, ob sie Antikörper haben oder nicht. «Dann müsste man jenen, die noch nicht mit dem Virus in Kontakt gekommen sind, sagen: Diesen Winter kommst du mit dem Virus sowieso in Berührung. Es ist besser, wenn du vorher geimpft bist.» Zusätzlich könnte laut Nordmann eine Kampagne mit eindrücklichen Fallbeispielen von Ungeimpften, die die ihren Entscheid bereuen, aufrütteln.

Geimpfte müssen Massnahmen mittragen

Einst für obligatorisch erklären wollte SVP-Nationalrätin Verena Herzog die Grippe-Impfung fürs Gesundheitspersonal. Sie scheiterte. Deshalb sagt sie: «Ein Covid-Impfobligatorium ist in der Schweiz nicht durchsetzbar.» Sie schmerze, dass in ihrer eigenen Partei viele das Virus verharmlosten, anstatt mit den nötigen Massnahmen die Pandemie gemeinsam zu bekämpfen. Vom Bundesrat erwartet sie, dass er nun am Mittwoch an seiner Sitzung endlich handelt. «Die Gültigkeitsdauer der Tests muss reduziert werden. Daneben braucht es wieder eine Maskenpflicht in Innenräumen auch für Geimpfte, Genesene und Getestete, bis die Booster-Impfungen verabreicht sind, sowie obligatorische Pool-Tests an Schulen», sagt Herzog.

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