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TodessitzungExperten warnen vor Drogen-Therapie

Nach der tödlichen Therapiesitzung in Berlin raten Experten Patienten zur Vorsicht: Keinesfalls dürfen im Rahmen einer Psychotherapie Drogen verabreicht werden.

Die Berliner Ärztekammer und Fachvertreter zeigten sich empört über die «Scharlatanerie» des 50-jährigen Arztes, in dessen Behandlung am Wochenende zwei Männer gestorben waren und ein dritter ins Koma fiel. Inzwischen ist der Arzt verhaftet.

Er hatte eingeräumt, seinen Patienten Drogen und Medikamente gegeben zu haben. Die Staatsanwaltschaft erklärte auf AP-Anfrage, der Verhaftete habe auch inzwischen angegeben, um welche Substanzen es sich handele. Die Anklagebehörde will sie aber zunächst nicht öffentlich nennen, sondern ein toxikologisches Gutachten abwarten, wie ein Sprecher sagte. Ansonsten gebe es keinen neuen Stand.

Zwölfersitzung mit Drogen

In der Praxis des Mannes im Stadtteil Hermsdorf hatten nach Erkenntnissen der Polizei am Samstag zwölf Menschen zwischen 26 und 59 Jahren an einer Therapiesitzung teilgenommen. Ein Richter erliess am Sonntagabend gegen den 50-Jährigen Haftbefehl wegen Fluchtgefahr. Ihm wird Körperverletzung mit Todesfolge in zwei Fällen sowie gefährliche Körperverletzung in sechs Fällen vorgeworfen. Nach Einschätzung der Ermittler wollte der Mann niemanden töten.

«Vertrauen missbraucht»

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, Frank Schneider, wertete das Verhalten des Therapeuten als kriminell. «Zu der Sitzung kamen Menschen, die dem Arzt vertrauten, und dieses Vertrauen ist missbraucht worden», sagte Schneider der Nachrichtenagentur AP. Die Gabe von Drogen als Medikament sei absurd: «Das hat mit Therapie nichts zu tun», sagte Schneider. Patienten riet Schneider: «Wem ein Angebot seltsam erscheint, sollte sich an die Ärztekammer oder die wissenschaftlichen Fachverbände wenden und um eine Einschätzung bitten.»

Die Berliner Ärztekammer riet Patienten ebenfalls zur Vorsicht. Alle zugelassenen psychotherapeutischen Verfahren zielten darauf, die Selbststeuerung der Patienten zu aktivieren und sie nicht durch Drogen auszuschalten, erklärte Präsident Günther Jonitz. «Die Verabreichung von Drogen wie LSD, Heroin oder Ecstacy im Rahmen der Psychotherapie ist klar rechtswidrig.»

Auch die Bundespsychotherapeutenkammer betonte, dass die sogenannte psycholytische Therapie in Deutschland nicht zugelassen sei. «Der Berliner Arzt muss sich für seine gesetzeswidrige Behandlung von Patienten nicht nur strafrechtlich verantworten», erklärte Kammerpräsident Rainer Richter. «Er wird voraussichtlich auch seine Zulassung als Arzt verlieren.»

Ansehensverlust befürchtet

Der Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung, Dieter Best, verwahrte sich dagegen, dass «Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird». Die sogenannte psycholytische Therapie sei keine Psychotherapie. Sie sei wissenschaftlich nicht anerkannt und gefährlich, meinte Best. Die renommierte Berliner Psychoanalytikerin Eva Jaeggi sprach im Deutschlandradio ebenfalls von Scharlatanerie und warnte vor Schaden für das Ansehen regulärer Therapie.

Der nun verhaftete Arzt hatte mit angeblich tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, psycholytischer Psychotherapie, Körper- und Gestalttherapie sowie Hilfe bei spirituellen Krisen geworben.

Die während der mehrstündigen Sitzung verabreichten Drogen sollen bei einigen Teilnehmern zunächst zu körperlichen Reaktionen wie Übelkeit und Erbrechen geführt haben. Ein Teilnehmer sendete per SMS-Nachricht einen Notruf an die Feuerwehr. Vor Ort versuchten die Notärzte sofort Wiederbelebungsmassnahmen - allerdings vergeblich. Ein 59-Jähriger starb noch am Samstagnachmittag, ein 28-Jähriger überlebte die Nacht im Krankenhaus nicht. Ein weiterer 55-jähriger Mann ist nach Polizeiangaben in Lebensgefahr. (dapd)

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