Pandemiebewältigung – Experten setzen jetzt auf Selbsttests und Eigenverantwortung
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PandemiebewältigungExperten zweifeln an Nutzen von Quarantäne und Massentests

Weg von flächendeckenden Tests, Contact Tracing und Quarantäne – hin zu gezieltem Testen, Vorsicht und Abstand. Omikron zwingt uns zu einem Strategiewechsel, wie Experten sagen.

von
Claudia Blumer
Daniel Graf
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Den Antigen-Selbsttest kann man zuhause machen: Experten raten, bei Symptomen oder vor dem Besuch bei der Grossmutter einen solchen Selbsttest zu machen. Hingegen solle man mit den flächendeckenden Tests zurückfahren.

Den Antigen-Selbsttest kann man zuhause machen: Experten raten, bei Symptomen oder vor dem Besuch bei der Grossmutter einen solchen Selbsttest zu machen. Hingegen solle man mit den flächendeckenden Tests zurückfahren.

Tamedia/Urs Jaudas
Für Jürg Utzinger, Direktor des schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, wäre es denkbar, die Quarantäne und flächendeckenden Tests vorübergehend herunterzufahren, bis die Fallzahlen wieder deutlich tiefer sind.

Für Jürg Utzinger, Direktor des schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, wäre es denkbar, die Quarantäne und flächendeckenden Tests vorübergehend herunterzufahren, bis die Fallzahlen wieder deutlich tiefer sind.

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Auch Daniel Speiser, Immunologe und emeritierter Professor an der Universität Lausanne, sagt: «Wir sind in einer Übergangsphase.» Man müsse sich jetzt langsam und gut organisiert aus den strengen Massnahmen herausbewegen.

Auch Daniel Speiser, Immunologe und emeritierter Professor an der Universität Lausanne, sagt: «Wir sind in einer Übergangsphase.» Man müsse sich jetzt langsam und gut organisiert aus den strengen Massnahmen herausbewegen.

privat

Darum gehts

  • Taskforce-Chefin Tanja Stadler sagt im Radiointerview, sie sei «ein Riesenfan» von Contact Tracing, Quarantäne und Isolation. Doch bei den enormen Fallzahlen verlören diese Instrumente an Bedeutung.

  • Auch Alain Berset sagte am Freitag vor den Medien: «Die hohen Fallzahlen verändern ziemlich viel beim Testen».

  • Experten wie Jürg Utzinger und Daniel Speiser setzen für die kommenden Wochen auf Eigenverantwortung und Schnelltests, die man selber machen kann.

  • Für ihn wäre es denkbar, die Quarantäne und flächendeckende Tests vorübergehend herunterzufahren, bis die Fallzahlen wieder deutlich tiefer sind, sagt Utzinger.

Die hochansteckende Omikron-Variante verändert Gewissheiten, die uns nun zwei Jahre lang begleitet haben. Weil Experten damit rechnen, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung in den nächsten zehn Tagen anstecken wird, verliert auch das Mittel der Massentests und Quarantäne an Bedeutung. Der Durchschnittsbürger auf der Strasse ist nun – statistisch gesehen – ähnlich ansteckend wie derjenige, der wegen eines Infektionsfalls in der Familie zuhause bleibt.

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts, sagt: «Derzeit haben wir, die Dunkelziffer eingerechnet, zwischen 50’000 und 100’000 Fälle pro Tag. Es ist fraglich, ob jemand, der wegen eines Risikokontakts in Quarantäne ist, überhaupt noch ein grösseres Risiko darstellt, als andere, die sich frei in der Gesellschaft bewegen.» Es gelte nun, die Kosten und den Nutzen der Quarantäne zu überdenken.

Aus epidemiologischer und wirtschaftlicher Sicht wäre es für ihn denkbar, Quarantäne und flächendeckende Tests vorübergehend zu reduzieren, bis die Fallzahlen wieder ein viel tieferes Niveau erreicht haben. «Sobald die Fallzahlen stark heruntergekommen sind, müssten das konsequente Testen, Kontaktverfolgung, Isolation und Quarantäne erneut umgesetzt werden, um einen erneuten Flächenbrand zu verhindern.»

Omikron wie ein «Flächenbrand»

Utzinger erklärt es so: «Bei tiefen Infektionszahlen brannten einzelne Häuser, die schnell entdeckt und durch die Feuerwehr gelöscht werden konnten. Mittlerweile brennt aber etwas überspitzt formuliert die ganze Schweiz, aber zum Glück ist die Rauchentwicklung nicht übermässig stark.»

«Flächendeckende PCR-Tests machen jetzt weniger Sinn», sagt Utzinger. «Es geht in der jetzigen Phase um eine Priorisierung: Wir müssen sicherstellen, dass Menschen mit einem Verdacht auf eine Corona-Infektion und diejenigen, die an der Front arbeiten – sei es in der Pflege, an der Kasse oder in anderen kritischen Bereichen – Zugang zu PCR-Tests haben und ihr Resultat schnell bekommen. Wo nötig, müssen wir dafür beispielsweise repetitive Tests an Schulen zeitweise aussetzen, um die Labore nicht zu überlasten.»

«Sobald die Fallzahlen stark gesunken sind, müsste man die Massnahmen erneut umsetzen.»

Jürg Utzinger, Direktor des schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts

Auch Daniel Speiser, Immunologe und emeritierter Professor an der Universität Lausanne, sagt: «Wir sind in einer Übergangsphase.» Man müsse sich jetzt langsam und gut organisiert aus den strengen Massnahmen herausbewegen.

Tatsächlich erreiche man bei den heutigen hohen Fallzahlen mit der Quarantäne wenig, sagt Speiser. Doch das Testen habe weiterhin eine gewisse Bedeutung. Selbst wenn PCR-Testresultate verspätet eintreffen, hätten sie eine bremsende Wirkung. «Es gilt jetzt, die ganz grosse Fallzahlen-Explosion zu verhindern.»

Selbsttests werden als wichtig beurteilt

Man dürfe die Selbsttests nicht vergessen, sagt Daniel Speiser. Sie seien zwar weniger sensitiv als PCR-Tests, doch zeigten sie klar an, wenn jemand Covid-Symptome habe. In diesem Fall müsse man auf Distanz gehen. Selbsttests seien deshalb sehr nützlich.

In der Phase des «Flächenbrands» wird offenbar die Selbstverantwortung wieder wichtiger. «Es ist nicht nur Selbst-, sondern auch Nächstenverantwortung», sagt Speiser. Auch Jürg Utzinger ist dieser Ansicht: Alle seien angehalten, eigenverantwortlich Schnelltests einzusetzen. «Wer Symptome hat oder einen möglichen Risikokontakt hatte, aber auch wer seine Grossmutter besucht – bei dem machen Selbsttests absolut Sinn.»

Er habe grosse Hoffnungen, dass Omikron die Rückkehr in die Normalität bedeuten könnte, sagt Speiser. So schnell werde die Variante nicht von einer anderen verdrängt. «Omikron ist dermassen erfolgreich, ironisch gesagt, und damit schwer zu schlagen.»

Utzinger gibt sich weiterhin «vorsichtig optimistisch»: «Ich gehe davon aus, dass wir den höchsten Punkt dieser Omikron-Welle schon sehr bald erleben und dass die Fallzahlen danach ebenso schnell wie sie gestiegen sind auch wieder sinken.» Verschärfte Massnahmen im Köcher zu haben, sei richtig und wichtig. «Sie wären mit Blick auf die immer noch angespannte, aber nicht ausser Kontrolle geratene Situation in den Spitälern und insbesondere in den Intensivstationen derzeit aber nicht vertretbar.»

«Testen macht nicht gesund»

In den vergangenen Tagen hatten sich auch Bundesrat Alain Berset und Taskforce-Chefin Tanja Stadler in diese Richtung geäussert. So sagte Berset am Freitag an einer Medienkonferenz, dass die derzeitig sehr hohen Fallzahlen «ziemlich viel» beim Testen ändere. Er habe Verständnis, wenn Kantone ihr Testregime einschränkten.

«Etwas lockerer zu sein, macht bei hohen Inzidenzen mehr Sinn»

Tanja Stadler, Leiterin der Science Taskforce

Philipp Walter, Präsident der schweizerischen Union für Labormedizin, pflichtet ihm bei: «Man muss sich fragen, wie sinnvoll das Testen noch ist», sagte er auf Anfrage von 20 Minuten. Testen mache nicht gesund. Und wenn so viele Leute angesteckt würden, gehe man am besten davon aus, dass jeder positiv sein könnte.

Taskforce-Chefin Tanja Stadler äusserte sich in der SRF-Samstagsrundschau ebenfalls dazu: Sie sei ein «Riesenfan» von Contact Tracing, Quarantäne und Isolation – doch bei den enormen Zahlen, die wir momentan haben, müsse man sich fragen, ob eine Person in Isolation oder Quarantäne überhaupt ansteckender sei, als die Durchschnittsperson in der Bevölkerung. «Etwas lockerer zu sein, macht bei hohen Inzidenzen mehr Sinn», sagt Stadler.

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