Experten-Einschätzung: Extra-Proteine im Essen braucht kein Mensch
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Experten-EinschätzungExtra-Proteine im Essen braucht kein Mensch

Eiweissriegel und -Shakes sind in Fitnessstudios ein alter Hut. Zunehmend gibt es sie auch im Detailhandel – unnötigerweise, wie Experten sagen.

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Nur weil etwas für Bodybuilder richtig ist, ...

Nur weil etwas für Bodybuilder richtig ist, ...

epa/Narendra Shrestha
... heisst das noch lange nicht, dass es auch für die breite Masse ideal ist.

... heisst das noch lange nicht, dass es auch für die breite Masse ideal ist.

iStock/Fizkes
So verhält es sich beispielsweise mit Lebensmitteln, die einen besonders hohen Eiweissgehalt haben. Dennoch finden sich derartige Produkte immer häufiger im Detailhandel.

So verhält es sich beispielsweise mit Lebensmitteln, die einen besonders hohen Eiweissgehalt haben. Dennoch finden sich derartige Produkte immer häufiger im Detailhandel.

Oskar Moyano / Custom Images

Milchgetränke mit extra viel Protein, Eiweissbrot, Haferflocken mit Proteinzusatz – in den Regalen von Migros, Coop und anderen Detailhändlern gibt es so einiges, das den Zusatz «extrahoher Eiweissgehalt» trägt.

Richteten sich derartige Produkte früher in erster Linie an Bodybuilder, die den Muskelaufbau unterstützen wollten, haben die Hersteller heute auch die breite Masse im Visier. Doch braucht diese die Extra-Portion Protein überhaupt?

«Sie brauchen gar nicht so viel»

Nein, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): «Protein ist wirklich in sehr vielen Lebensmitteln enthalten. Sie brauchen gar nicht so viel, um diesen Bedarf zu decken.»

Besser sind laut ihr natürliche Eiweisslieferanten. Als regelrechte Proteinbomben gelten neben Hülsenfrüchte wie Soja, Linsen und Erbsen auch Brot sowie tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier.

Eisweissprodukte als Einnahmequellen

Dass es die extra-eiweisshaltigen Produkte dennoch zuhauf gibt, ist laut der Expertin auf Marketing-Gründe zurückzuführen. Die Hersteller würden damit auf einen aktuellen Food-Trend aufspringen: Um abzunehmen, reduzieren Figurbewusste die Kohlenhydrate und setzen stattdessen auf Protein als Sattmacher. Low-Carb, Paleo und Logi lauten die Stichworte:

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Low-Carb umfasst verschiedene  Ernährungsformen, bei denen der Anteil der Kohlenhydrate an der Nahrung reduziert wird. Diese Ernährungsform wird in den meisten Fällen gewählt, um abzunehmen oder allgemein die Gesundheit zu fördern, allerdings kann sie auch als Therapie bei einer Stoffwechselerkrankung dienen.

Low-Carb umfasst verschiedene Ernährungsformen, bei denen der Anteil der Kohlenhydrate an der Nahrung reduziert wird. Diese Ernährungsform wird in den meisten Fällen gewählt, um abzunehmen oder allgemein die Gesundheit zu fördern, allerdings kann sie auch als Therapie bei einer Stoffwechselerkrankung dienen.

Dmitry Shabanov
Paleoianer essen ausschliesslich solche Lebensmittel, von denen angenommen wird, dass sie schon in der Steinzeit verfügbar waren: vor allem (Wild-)Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Schalentiere, Eier, Obst, Gemüse sowie Kräuter, Pilze, Nüsse, Esskastanien und Honig. Zu vermeiden sind Milch und Milchprodukte, ausserdem Getreide und Getreideprodukte. Auch industriell verarbeitete Nahrungsmittel sind tabu.

Paleoianer essen ausschliesslich solche Lebensmittel, von denen angenommen wird, dass sie schon in der Steinzeit verfügbar waren: vor allem (Wild-)Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte, Schalentiere, Eier, Obst, Gemüse sowie Kräuter, Pilze, Nüsse, Esskastanien und Honig. Zu vermeiden sind Milch und Milchprodukte, ausserdem Getreide und Getreideprodukte. Auch industriell verarbeitete Nahrungsmittel sind tabu.

Keystone/AP/Sven Kaestner
Logianer verzichten der Gesundheit zuliebe weitgehend auf Kohlenhydrate.  Auf dem Speiseplan stehen vor allem viel Gemüse, Salate, Früchte und reichlich eiweisshaltige Nahrung wie Fleisch, Geflügel und Fisch, Milchprodukte und Nüsse sowie Hülsenfrüchte. Ebenfalls konsumiert werden hochwertige Fette und Öle. Logi steht für «Low Glycemic and Insulinemic» (auf Deutsch: «niedriger Blutzucker- und Insulinspiegel»).

Logianer verzichten der Gesundheit zuliebe weitgehend auf Kohlenhydrate. Auf dem Speiseplan stehen vor allem viel Gemüse, Salate, Früchte und reichlich eiweisshaltige Nahrung wie Fleisch, Geflügel und Fisch, Milchprodukte und Nüsse sowie Hülsenfrüchte. Ebenfalls konsumiert werden hochwertige Fette und Öle. Logi steht für «Low Glycemic and Insulinemic» (auf Deutsch: «niedriger Blutzucker- und Insulinspiegel»).

Keystone/Christian Beutler

Tatsächlich geht «eine höhere Proteinzufuhr mit einer höheren Sättigung einher. Wenn ich mehr Proteine esse, habe ich weniger Hunger und nehme ab», so Gahl. Ihre Zürcher Kollegin Béatrice Chiari kritisiert die Lebensmittel mit Protein-Label dennoch: «Problematisch wird es dann, wenn die vielen Hinweise auf Esswaren einen Proteinwahn auslösen.» Das würde eine einseitige Ernährung fördern.

Vorsicht vor Überdosierung

Eine solche kann schnell ungesund werden: Viel Eiweiss kann auch schnell zu viel werden. So zeigte schon 2012 eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln, dass ein zu hoher Proteinkonsum auf Dauer die Nieren schädigen kann. Der Grund: Wenn Eiweiss abgebaut wird, entsteht Harnsäure. Diesen Stoff muss die Niere bewältigen.

Doch es gibt auch jene, die von einer eiweissreichen Ernährung profitieren, wie eine Studie vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) aus dem Jahr 2016 zeigt. Demnach lohnt es sich besonders für Menschen mit Typ-2-Diabetes: Bei ihnen verringert eiweissreiches Essen das Leberfett um bis zu 48 Prozent. Weiter beobachteten die Forscher günstige Veränderungen des Leber- und Fettstoffwechsels sowie eine verbesserte Insulinempfindlichkeit der Teilnehmer.

Wie viel Protein soll es denn sein?

Erst im vergangenen Jahr hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung die Referenzwerte für Protein überarbeitet. Wie auch die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt sie für Erwachsene zwischen 19 und 65 Jahren eine Eiweiss-Zufuhr von 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Ältere Menschen benötigen etwas mehr: Für sie geben die Institutionen einen Wert von 1,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag an.

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