Aktualisiert 19.02.2015 19:23

Berner Klimaforscher«Extrem-Ereignisse schaffen Klimaflüchtlinge»

Klimaforscher Thomas Stocker von der Uni Bern wurde vom Bundesrat als Präsident des Weltklimarates vorgeschlagen. Er warnt vor den Folgen des Klimawandels.

von
Mira Weingartner
Thomas Stocker ist Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern und Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Wissenschaft" des Weltklimarates.

Thomas Stocker ist Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern und Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Wissenschaft" des Weltklimarates.

Herr Stocker, im Oktober 2015 wird das präsidiale Amt im Weltklimarat (IPPC) möglicherweise an Sie übergeben ...

Die Wahl wird spannend werden, denn mehrere Länder haben starke Kandidaten nominiert.

Würde Bern mit Ihnen als IPPC-Präsident dann der Nabel der weltweiten Klimaforschung?

Falls die Länder sich für mich entscheiden, werde ich den Weltklimarat von der Universität Bern aus führen – für die Klimaforschung in Bern und der Schweiz erhoffe ich mir davon viele positive Impulse.

Im IPCC-Bericht steht, dass der Mensch seit etwa 50 Jahren hauptverantwortlich für den Klimawandel ist. Können Sie uns erklären, wie Sie zu dieser Feststellung gekommen sind?

Die Beurteilung stützt sich auf über 9200 Arbeiten, die von der gesamten Klimaforschung publiziert wurden. Die drei wichtigsten Aussagen aus unserem Bericht sind: die Erwärmung ist eindeutig, der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar und die Beschränkung der Erwärmung erfordert bedeutende und langanhaltende Reduktionen des Ausstosses von Treibhausgasen. Diese Aussagen basieren auf Millionen von Messungen weltweit, auf dem physikalischen Verständnis des Klimasystems und auf der Simulation des Erdklimas mit Computermodellen. Die Aussagen sind sogar im Wortlaut von allen Regierungen der Welt verabschiedet worden.

Wie begegnen Sie Zweiflern des Klimawandels?

Zweifel ist zwar immer die Quelle des wissenschaftlichen Fortschritts, aber Zweifel an belegten Fakten ist Ignoranz.

Was würden Sie als Präsident des Weltklimarates gegen die globale Erwärmung unternehmen?

Durch unsere regelmässigen Informationen über den Klimawandel, dessen Risiken und unsere Möglichkeiten, ihm zu begegnen, kann die Politik die Entscheidungen über die Zukunft unseres Planeten auf der Basis der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse fällen.

Wo stünden wir im Jahr 2055, wenn wir mit der Erde gleichermassen weiterwirtschaften, wie in den vergangenen 40 Jahren?

«Wie bisher» bedeutet eine weitere Zunahme der Emissionen von CO2 um zirka zwei Prozent pro Jahr. So gehen wir den Weg einer weltweiten Erwärmung von über vier Grad Celsius. Das bedeutet für viele Regionen der Welt massive Klimafolgekosten: In einigen Regionen wird man sich nicht mehr an die Auswirkungen dieses ungebremsten Klimawandels anpassen können. Das gehäufte Auftreten von Extremereignissen und die Bedrohung wichtiger Ressourcen wie Wasser oder Land zwingt Menschen, neue Lebensräume zu suchen. So kann es zu Klimaflüchtlingen und Klimakonflikten kommen.

Jeder einzelne kann etwas gegen die Klimaerwärmung tun. Wozu raten Sie den 20-Minuten-Lesern?

In einem Land wie der Schweiz wünsche ich mir, dass wir alle am demokratischen Prozess teilnehmen, abstimmen gehen und unsere Meinung einbringen. Wir müssen erkennen, dass der Übergang zu erneuerbaren Energien auch enorme Chancen bietet – gerade in der Schweiz – und wir diese neue industrielle Revolution massgeblich mitgestalten können.

Der 56-Jährige Professor des Physikalischen Institut der Universität Bern ist seit dem Jahr 2008 Vorsitzender der Arbeitsgruppe für wissenschaftliche Grundlagen des Weltklimarates. Thomas Stocker erforscht dabei die Dynamik des Klimas. Das Fazit daraus: 50 Prozent der CO2-Verschmutzungen stammen aus den letzten 40 Jahren durch das Handeln der Menschen.

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