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Fragen und AntwortenExtrem gefährlicher Notfall

Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes hat Japan den nuklearen Notfall ausgerufen. Im AKW Fukushima 1 gibt es ein atomares Leck. Wie hoch ist die Gefahr eines GAUs?

von
uwb

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 hat sich nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Jiji am Samstag eine Explosion ereignet. Detonationsgeräusche seien gegen 7.30 Uhr MEZ zu hören gewesen. Im Fernsehen war eine weisse Rauchwolke über dem Werk zu sehen. Laut Jiji gab es mehrere Verletzte.

Zuvor berichteten Medien bereits, dass es im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 nach Angaben eines Vertreters der Atomaufsichtsbehörde zu einer Kernschmelze gekommen sein könnte.

Was passiert bei einer Kernschmelze?

Wenn bei einem Atomkraftwerk die Kühlung versagt und sämtliche Sicherheitsvorkehrungen ausfallen, erhitzen sich die Brennstäbe im Reaktorkern. Im schlimmsten Fall schmelzen zunächst die Metallhülsen der Brennstäbe, später auch der Uran- oder Plutoniumbrennstoff selbst. Die Kettenreaktion erfolgt dann «unkontrolliert».

Steht der Reaktordruckbehälter noch unter Druck, kann es bei der Reaktion mit Wasserdampf zu einer Explosion kommen. Dadurch können hochradioaktive Spaltprodukte nach aussen dringen und sich in der Umgebung ausbreiten.

Als bekanntestes Ereignis mit einer Kernschmelze gilt der Reaktorunfall im Block 4 des Kraftwerks von Tschernobyl am 26. April 1986. Nach einer Explosion im Reaktorkern wurde eine grosse Menge radioaktiver Stoffe freigesetzt. Die radioaktive Wolke verbreitete sich damals über weite Teile Europas.

Gibt es einen atomaren Notfall?

In Fukushima ist die Situation dramatisch. Nach der erfolgten Schnellabschaltung ist es im Reaktorkern weiterhin viel zu heiss. Weil die Stromversorgung fehlt funktioniert das Sicherheitssystem nicht. Deswegen wurden Tausende Menschen aus der Umgebung des AKWs in Sicherheit gebracht.

Was sagt der Experte?

In Fukushima gibt es gleich zehn Siedwasser-Reaktoren. Der betroffene Block Fukushima 1 ist der älteste. Er ging 1971 ans Netz. Sven Dokter, Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), sagt gegenüber «stern.de», es sei unklar, was passiert, wenn die Batterien leer seien, da der Reaktor nach dem Herunterfahren weiter gekühlt werden müsste. «Im allerschlimmsten Fall droht dann eine Kernschmelze.»

Wen triff die Kernschmelze

Wenn es zu einer Kernschmelze kommt, seien davon Menschen ausserhalb eines Radius von 10 Kilometern nicht betroffen, sagte der japanische Nuklearexperte Ryohan Shiomi. Die meisten der 51 000 Einwohner im besagten Umkreis seien deshalb evakuiert worden.

Wie gefährdet ist Tokio?

Wegen der Überhitzung des Reaktors mussten die Behörden radioaktiven Dampf ablassen. Gemäss Medienberichten könnte dieser Dampf als atomarer Niederschlag (Regen) am Samstagabend auch die Menschen in Tokio treffen. Die im Wasserdampf enthaltene Radioaktivität ist aber laut japanischer Atomsicherheitsbehorde gering.

Was ist ein GAU?

Unter dem Begriff GAU - grösster anzunehmender Unfall - versteht man den schwersten Störfall in einem Atomkraftwerk, für den die Sicherheitssysteme ausgelegt sind. Die Umwelt wird dabei nicht über die Grenzwerte hinaus mit Strahlen belastet.

Ein Super-GAU dagegen ist es, wenn der Störfall nicht mehr beherrschbar ist, es zu einer Kernschmelze - Schmelzen des Reaktorkerns - oder einem Bersten des Reaktordruckbehälters kommt. Auch Sabotage, Erdbeben, oder Flugzeugabstürze können einen Super-GAU verursachen.

Wie oft gibt es AKW-Unfälle?

Immer wieder kommt es in Atomkraftwerken und Wiederaufbereitungsanlagen weltweit zu gravierenden Störfällen.

Dezember 1952: In einem Reaktor im kanadischen Chalk River bei Ottawa kommt es zu einer schweren Explosion. Der Reaktorkern wird bei einer partiellen Kernschmelze zerstört.

September 1957: In einer Wiederaufbereitungsanlage im russischen Kyschtym explodiert ein Tank mit radioaktiven Abfällen. Dabei werden grosse Mengen an radioaktiven Substanzen freigesetzt.

Oktober 1957: Im britischen Kernreaktor in Windscale - ab 1983 Sellafield genannt - wird nach einem Brand eine radioaktive Wolke freigesetzt, die sich über Europa verteilt.

Juli 1973: Wieder kommt es in der Wiederaufarbeitungsanlage Windscale zu einer schweren Explosion, bei der ein grosser Teil der Anlage kontaminiert wird.

Januar 1977: Kurzschlüsse in zwei Hochspannungsleitungen führen im deutschen Atomkraftwerk Gundremmingen in Bayern zu einem Totalschaden. Das Reaktorgebäude ist mit radioaktivem Kühlwasser verseucht.

März 1979: Maschinen- und Bedienungsfehler führen im US-Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg zum Ausfall der Reaktorkühlung, die eine partielle Kernschmelze und die Freisetzung von radioaktiven Gasen zur Folge hat.

April 1986: Kernschmelze im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl. Der radioaktive Niederschlag geht über ganz Europa nieder. Das Ausmass der Folgen ist bis heute unklar. Fachleute geben die Zahl der zu erwartenden Toten mit zwischen 4000 und 100000 an. 4000 Menschen erkrankten infolge des Unfalls an Schilddrüsenkrebs.

September 1999: In einem Brennelementewerk in der japanischen Stadt Tokaimura setzt nach einer unvorschriftsmässigen Befüllung eines Vorbereitungstanks eine unkontrollierte Kettenreaktion ein. Starke radioaktive Strahlung tritt aus.

Dezember 2001: Eine Wasserstoffexplosion verursacht im Atomkraftwerk Brunsbüttel einen Störfall. Der Reaktor wird erst auf auf Drängen der Kontrollbehörden im Februar 2002 zur Inspektion vom Netz genommen.

Juli 2006: Nach einem Kurzschluss wird im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark einer von drei Reaktoren automatisch von der Stromversorgung getrennt. Der Reaktor wird heruntergefahren.

Juli 2009 - Der Reaktor Krümmel in Schleswig Holstein wird nach einem Kurzschluss im Maschinentransformator per Schnellabschaltung vom Netz genommen. Ein baugleicher Transformator war Ende Juni 2007 nach einem Kurzschluss in Brand geraten.

Jean Mathieu Rambach, Experte für Nuklearsicherheit in Frankreich erklärt die kurz- und langfristigen Risiken im Reaktor Fukushima. (uwb/sda)

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