Aktualisiert 07.11.2013 17:12

Leitzins

EZB senkt Zins auf neues historisches Rekordtief

Die Finanzwelt schaute gespannt nach Frankfurt - und wurde überrascht. Die Europäische Zentralbank (EZB) senkt ihren Leitzins auf das Allzeittief von 0,25 Prozent.

von
whr
Alle blicken nach Frankfurt.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) verschärft ihren Krisenkurs.

In einem historischen Schritt haben die Währungshüter am Donnerstag den Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt und damit das Geld im Euro-Raum so billig gemacht wie noch nie.

Die Notenbank reagierte auf die zuletzt extrem niedrige Inflation. Diese war im Oktober auf 0,7 Prozent gesunken - den tiefsten Stand seit vier Jahren. Das hatte Forderungen nach noch billigerem Zentralbankgeld und einem Leitzins noch unter dem bisherigen Rekordtief von 0,5 Prozent neue Nahrung gegeben.

Das billige Geld soll helfen, eine deflationäre Abwärtsspirale aus fallenden Konsumentenpreisen und schwachem Wirtschaftswachstum zu verhindern. Denn niedrige Zinsen verbilligen tendenziell Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das stärkt den Preisauftrieb.

Zeitpunkt für Zinssenkung überrascht

Die EZB sieht Preisstabilität bei knapp unter 2,0 Prozent Jahresteuerung. Zuletzt lag die Inflationsrate im Januar bei 2,0 Prozent, seither teils deutlich drunter. Üblicherweise orientiert sich die EZB nicht an einzelnen monatlichen Inflationsdaten, sondern am mittelfristigen Ausblick. Und zum Teil ist der geringe Preisdruck auch eine Folge der politisch gewollten Sparmassnahmen in einigen Euro-Krisenländern.

Der historische Zinsschritt kommt aber auch deshalb überraschend, weil die Wirtschaft im Euro-Raum die Rezession jüngst verlassen hat und 2014 - auch nach EZB-Prognosen - wieder wachsen wird. Allerdings sei die wirtschaftliche Erholung «schwach, fragil und ungleichmässig», wie das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen kürzlich betonte.

Euro taucht - Dax und SMI schiessen nach oben

Die europäischen Börse feierten die Zins-Entscheidung mit einem Kursfeuerwerk: Der deutsche Aktienindex Dax etwa schoss binnen Minuten um fast 100 Punkte auf ein neues Rekordhoch von mehr als 9150 Zählern in die Höhe. Im Gegenzug fiel der Euro rapide von über 1,35 auf 1,3359 zum Dollar. Zum Schweizer Franken tauchte die europäische Gemeinschaftswährung von 1,233 auf 1,229.

Der Schweizer Aktien-Leitindex SMI stieg bis 14.30 Uhr um 0,73 Prozent auf 8284 Zähler. Unmittelbar vor der Zinsentscheidung hatte der SMI auf dem Vortagesniveau von 8225 Punkten notiert.

(whr/sda)

Für viele hat die Europäische Zentralbank (EZB) überraschend den Leitzins gesenkt. Wurden auch Sie überrascht?

Felix Brill*: Nein, eine Leitzinssenkung stand schon länger im Raum. Letztendlich dürfte die schwache Inflationsentwicklung im Oktober den Ausschlag gegeben haben.

Was verspricht sich die EZB von der Leitzinssenkung?

Die Senkung hat zwei Effekte: Zum einen stehen beim langfristigen Refinanzierungsprogramm noch immer hohe Summen aus, für welche die Banken laufend Gebühren bezahlen müssen. Diese werden sich nun reduzieren. Zum anderen wirken sich tiefere Zinsen üblicherweise positiv auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen aus. Insgesamt dürfte die konjunkturelle Wirkung aber bescheiden ausfallen.

Was bedeutet die Zinssenkung für die Schweiz?

Falls sich die Zinssenkung tatsächlich positiv auf die Konjunktur auswirken wird, würden wir davon aufgrund der intensiven Handelsbeziehungen mit dem Euroraum auch in der Schweiz profitieren.

Und wie steht es um Europas Wirtschaft?

Die Wirtschaftsdaten haben sich in den letzten Monaten auf breiter Front verbessert. Insbesondere die Stimmungslage bei Konsumenten und Unternehmen hat sich deutlich aufgehellt und selbst die gebeutelte spanische Wirtschaft ist dabei, sich zu erholen. Wir scheinen das Schlimmste hinter uns zu haben. (DV)

* Felix Brill ist Chefökonom von Wellershoff & Partners

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